Bisafans Adventskalender 2025: 9. Türchen
Botogels Winterwunder
Die Nacht vor Heiligabend legte sich wie ein stilles, silbernes Tuch über die kleine Stadt Nordbrunn. Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen, und aus den Häusern klang leises Lachen, während die Familien ihre letzten Vorbereitungen trafen. Nur ganz am Ende der verschneiten Weidenstraße stand ein Haus ohne Kerzen, ohne Lichter, ohne Weihnachtsduft. Dort wohnte Lina, zwölf Jahre alt, mit einem Herz, das in diesem Jahr schwer war. Ihr Vater arbeitete weit entfernt und sollte eigentlich schon vor zwei Tagen zurückkommen, doch ein Schneesturm hatte alle Flüge gestrichen. Also saß sie nun allein am Fenster, den Kopf auf den Knien, und sah auf den ungeschmückten Baum im Wohnzimmer. „Was bringt Weihnachten ohne Papa?“, flüsterte sie traurig.
Genau in diesem Moment erschien am Himmel etwas Seltsames. Kein Stern, kein Flugzeug – sondern ein glitzernder, eisblauer Schweif, der leise über die Dächer der Stadt zog. Er wurde heller, dann noch heller, bis er direkt vor Linas Haus einen kleinen Funken verlor. Ein rundes, zart schimmerndes Wesen flatterte hinab und landete auf ihrem Fensterbrett. Botogel. Es klopfte mit seinem kleinen Geschenkbeutel gegen die Scheibe, als hätte es eine wichtige Mission.
Lina riss überrascht das Fenster auf. „Botogel? Was machst du denn hier?“ Das Pokémon watschelte einfach hinein, als wäre es eingeladen, und blieb vor dem kahlen Weihnachtsbaum stehen. Es betrachtete ihn lange und breitete dann seine Flügel aus. Ein sanfter, glitzernder Frost löste sich von seinen Federn und wirbelte durch das Zimmer wie funkelnder Schnee. Die Eiskristalle setzten sich auf die Zweige des Baumes und formten wunderschöne, filigrane Ornamente, die in sanftem Blau schimmerten. Der Baum strahlte plötzlich wie ein Stück Winterhimmel. „Botogel… das ist wunderschön“, flüsterte Lina.
Doch Botogel war nicht fertig. Es zog eine kleine, durchscheinende Eiskugel aus seinem Beutel und legte sie vorsichtig in Linas Hände. Obwohl sie wie Eis aussah, fühlte sie sich warm an. Als Lina die Kugel hielt, formte sich über ihr ein goldenes Hologramm aus Licht – und darin das Gesicht ihres Vaters. „Frohe Weihnachten, meine Kleine“, sagte er liebevoll. „Ich wünschte, ich könnte bei dir sein. Wir holen alles nach. Versprochen.“ Lina schluckte, ihre Augen wurden feucht. „Papa…“
Botogel stupste sie sanft an, doch plötzlich wandte es sich zum Fenster und wurde unruhig. Irgendetwas draußen im Wald hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Lina folgte seinem Blick. Zwischen den dunklen Bäumen glühte ein schwaches, unnatürliches Licht, als wäre dort etwas nicht in Ordnung. Botogel sah sie an, und Lina verstand – es wollte, dass sie mitkommt. Sie zog ihre Jacke an, nahm die leuchtende Eiskugel mit und folgte Botogel hinaus in die klare, kalte Winternacht.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, der Atem stand weiß vor ihren Lippen. Botogel führte sie durch die stillen Straßen, über den zugefrorenen See und bis zum Rand des dunklen Winterwaldes. Je weiter sie hineingingen, desto ruhiger wurde es. Schließlich sahen sie den Ursprung des seltsamen Lichts: ein kleines, verletztes Sniebel, das unter einer umgestürzten Tanne eingeklemmt war und kläglich zitterte. „Oh nein…“, hauchte Lina und lief sofort zu ihm.
Gemeinsam versuchten sie, den Stamm zu bewegen. Botogel ließ eisige Luft über das Holz gleiten, damit es porös wurde, während Lina mit all ihrer Kraft drückte. Schließlich rollte der Baum ein Stück zur Seite. Sniebel war frei, wenn auch geschwächt. Lina hielt ihm die Eiskugel hin, deren warmes Licht beruhigend pulsierte. Das Pokémon entspannte sich und atmete ruhiger. Kurz darauf tauchten ein paar andere Pokémon auf – offenbar hatte Sniebel sich verirrt. Dankbar nahmen sie es mit zurück in den Wald.
Als Lina und Botogel die Stadt wieder erreichten, schien plötzlich alles heller. Die Glocken läuteten, Menschen standen auf dem Platz – und einer von ihnen drehte sich genau im richtigen Moment um. „Papa?“ Linas Stimme brach fast. Er breitete die Arme aus. „Der Sturm hat nachgelassen. Ich habe den ersten Bus genommen. Ich wollte Weihnachten nicht ohne dich verbringen.“ Lina rannte zu ihm und fiel ihm in die Arme, während die Eiskugel zwischen ihnen warm glühte.
Botogel schwebte über ihnen, drehte Purzelbäume in der Luft und ließ sanfte Eiskristalle regnen wie kleine Schneeflocken voller Freude. Für einen Moment schien die ganze Stadt stillzustehen, erfüllt von Licht, Wärme und diesem kleinen Wunder.
Später, als der Abend ruhig wurde und die Lichter leiser brannten, stand Botogel am Rand des Platzes. Es sah zu Lina, zu ihrem Vater, zum hell erleuchteten Baum. Dann klopfte es an seinen Beutel, nickte ein letztes Mal und stieg mit einem langen, glitzernden Schweif in den Sternenhimmel. Es verschwand so plötzlich, wie es gekommen war – ein stilles Versprechen von Hoffnung.
Lina sah ihm nach, bis es nur noch ein Funken war. Seit diesem Abend hing sie die Eiskugel, die nie aufhörte, sanft zu glimmen, jedes Jahr an ihren Baum. Zur Erinnerung an die Nacht, in der ein kleines Botogel ihr Weihnachten zurückgebracht hatte – und an das Wunder, das nur erschien, weil ihr Herz bereit war, es zu sehen.
ENDE