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Es dämmerte bereits, als ich mich auf meinen Weg nach Hause machte. Die Sonne hatte ihre Arbeit erfüllt und machte sich auf ihren Weg, fort von den Augen der Menschen zu ihrem Schlafplatz. Sie verabschiedete sich, indem sie den Himmel ein letztes Mal in ein feuriges Rot tauchte und ihn in der ungewöhnlichen Farbe erstrahlen ließ. Doch in Kürze schon würde das Schauspiel vorbei sein und der Mond würde als Wächter über den Himmel herrschen und mit seinem silbernen Licht auf die Menschen Acht geben. Ich bedauerte es zutiefst. Es war so ein schöner Anblick, ich hätte noch Stunden hier stehen und ihn gebannt betrachten können, nur um am morgigen Tag wieder an genau derselben Stelle der gleichen Tätigkeit nachzugehen. Doch so begann ich, den Mond dafür zu hassen, dass wegen ihm das Spektakel bald ein Ende haben würde. Wenn ich mich jetzt umdrehen würde, könnte ich ihm voller Hass ins Gesicht sehen, doch ich wollte nicht noch die letzten kostbaren Minuten verpassen, die mir die Sonne schenkte. Keiner der Passanten schenkte dem Lichterspiel Aufmerksamkeit, alle gingen mit einem Scheuklappenblick daran vorbei, würdigten nicht die Mühe, die der Feuerball sich Tag für Tag machte. So stand ich hier allein, gefangen zwischen der Schönheit des einen und der Böshaftigkeit des anderen Himmelskörpers. ‚Morgen siehst du sie wieder‘, versuchte ich mich zu trösten, doch so recht wollte es mir nicht gelingen. Ich wollte nicht warten, nicht auf so etwas Schönes. Aber Wünsche hatten die Angewohnheit, sich nur selten zu erfüllen und so dauerte es einen gefühlten Augenblick, bis es zu dunkel war und die rötlichen Schimmer allmählich verblassten und beinahe nicht mehr auszumachen waren. Wehmütig blickte ich ihnen noch hinterher, sehnte mich nach den wunderschönen Farben, bis ich plötzlich etwas wahrnahm.
Ich wusste nicht, wie lange sie schon hier war, doch als der Sonnenuntergang vorbei war und meine Konzentration ohne jegliches Ziel frei umher schwebte, sah ich sie. Nein, eigentlich hörte ich sie eher, als dass ich sie sah. Hell und klar schwebten sie durch die Nacht, als wären sie frei und ungebändigt, auf ihrer Reise durch Dunkelheit, ohne Grenzen und Zwänge. Jede für sich drang an meine Ohren und wurde von ihnen wahrgenommen, als ich mir nur auf die melodischen Klänge fixierte. Doch je länger ich hinhörte, desto mehr erkannte ich das große Bild und nicht nur die einzelnen Puzzlestücke. Ich schloss die Augen und ließ mich verführen. Die Musik war leicht und sanft. Es klang, als würde man sich auf einem Ball befinden, auf dem die drei Weisen der Seen höchst persönlich durch die Luft schwebten und anmutig ihre Tänze vollführten. Ohne Pflichten, frei von allen Problemen lebten sie den Augenblick und vergaßen alles um sich herum. Noch ein Akkord, ein letzter Schritt und die Musik verstummte, ließ die Feen verschwinden und ich öffnete meine Augen. Es war nur kurz gewesen, keine fünf Minuten, die das Lied mich gefangen gehalten hatte und mit zarten Bändern meinen Körper widerstandslos an sich geheftet hatte. Hinterlassen hatte sie nichts als Leere und so wartete ich gespannt auf die nächsten Klänge, die mein Ohr erreichen und meine Sinne berauschen würden. Ich hatte so etwas schon mal gehört, es kam von einem Klavier. Hier in der Stadt traf man nicht selten auf Musiker, die sich etwas Geld dazu verdienen wollten, doch meistens waren es Geigen, Gitarren oder Blasinstrumente, die die Besucher erfreuen und ihre Taschen öffnen sollten. Meistens waren sie viel zu laut und taten meinen empfindlichen Ohren weh, doch anscheinend gefiel es dem anspruchslosen Gehör der Menschen. Ein Klavier hörte man hier selten. Es war unhandlich und sicher schwer zu transportieren, zumal die Stücke meistens klassisch und somit von der Welt verschmäht waren. Gesehen hatte ich es nur ein Mal, durch die Fenster eines alten Hauses, unbenutzt und seit Jahren verstaubt. Gepaart mit einer Schreibmaschine, einer Standuhr und einem alten Radio zeugte es von Dingen, deren Wert die Menschen in den heutigen Tagen nicht mehr zu schätzen wussten und in einem kleinen Zimmer verwahrlosen ließen. Und doch hatte einer der Vertreter dieser fast ausgestorbenen Art den Weg hierher geschafft. Neugierig sah ich mich nach dem Spieler um, dem Künstler, der wusste, wie man es zu bedienen hatte. Ich hatte schon mal ein solches Instrument auf einer CD von den Menschen, die neben unserem Baum wohnten, gehört, doch jemanden, der es spielen konnte...so etwas gab es bei uns nicht.
Ruhelos irrten meine Augen umher, auf der Suche nach der Ursache für meine vergangene Freude. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, es gelang mir einfach nicht, die Person zu finden, der ich meinen größten Dank schuldete. Verdammt, was, wenn er oder sie schon weg war? Ich versuchte mich zu erinnern, ob der Klang von rechts oder links gekommen war, laut oder leise. Doch je länger ich überlegte, desto mehr wurde mir klar, dass es eigentlich eine Mischung aus allem war, an die mein Verstand sich erinnerte. Die Musik war mir nah gewesen und doch so unerreichbar weit weg, hatte mich erreicht und war mir doch fern geblieben. Für einen Moment dachte ich, mir das alles nur eingebildet zu haben, doch den Gedanken wischte ich schnell bei Seite. Wäre es nämlich wirklich so, würde ich sie nie wieder hören und dieser Gedanke wäre unerträglich. Ruhelos schwebte ich durch die Nacht, verzweifelt auf der Suche nach der Person, die ich nicht finden konnte. Aber ich musste einfach, ohne den Klang des Instrumentes war es sinnlos, nach Hause zurück zu kehren, wenn mein Herz an den Platz neben ihm gehörte. Der Wind rauschte in meinen Ohren, als ich durch die Gassen der Menschenstadt schwebte. Erst als ich über dem großen Platz flog, dem Zentrum mit seinen Restaurants und Geschäften, von denen die ersten schon dunkel und verlassen waren, machte ich halt. Von oben besah ich mir die kleinen Menschen, die hektisch durch die Stadt liefen. Zeit nahm sich keiner, wie schon zuvor nicht für den Sonnenuntergang, auch nicht für die Geschäfte, geschweige denn dass sie sich in einem der Bauten niederließen und zur Ruhe kamen. Selbst wenn ich einen von ihnen Fragen könnte, sie würden das Klavier nicht einmal bemerkt haben. Außerdem wären sie viel zu sehr damit beschäftigt, mich in einen ihrer Bälle zu sperren, so wie jedes Mal, wenn sie jemandem unserer Art begegneten. Sie nannten uns selten, kostbar und waren hinter uns her wie die Dusselgurr nach dem Brot, das man ihnen vor die Krallen schmiss. Doch alles, zu dem man uns benutzte, waren die sinnlosen Kämpfe, zu denen uns die Menschen zwangen. Ein paar der Pokémon, die ich getroffen hatte, behaupteten etwas anderes, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Spaß machen konnte. Man tat sich weh, manchmal sogar so sehr, dass man nicht mehr aufstehen konnte und in eines dieser gruseligen, weißen Gebäude gebracht wurde, in denen es nach scharfen, in der Nase beißenden Sachen stank. Nie im Leben wollte ich einer ihrer Sklaven werden. Die Musik, das war es, für was unsere Art lebte. Dort war mein Platz. Es gab die Legende, dass unser eins sich zu einem bestimmten Instrument hingezogen fühlte und mit dem Spieler eine Bindung einging, die sogar über den Tod hinaus ging. Wir wurden bei unserer Geburt einem bestimmten Instrument zugeordnet und verbrachten einen Großteil unseres Lebens damit, es zu finden. Kein Wunder, dass mein Körper sich nach diesem Klavier sehnte. Ob ich es wohl jemals finden würde?
Genau in diesem Augenblick hörte ich ihn wieder, meinen geliebten Klang. Sie war sehr leise, sicher auch wenn ich unten auf der Straße gewesen wäre. Ungewöhnlich viel Zeit verging zwischen den einzelnen Noten und machte das Stück traurig, wenn nicht sogar wehmütig. Die Nacht verstärkte den Eindruck, rührte etwas in mir, von dem ich nicht wusste, dass ich es besaß. Plötzlich wurde alles still, der Lärm der Menschen und Pokémon verstummte und ich nahm nur noch den Klang wahr, der die Stille durchschnitt. Ich war unfähig, mich zu bewegen und starrte wie gebannt in die Richtung, aus der die Töne an mich heran drangen. Auf einem Stuhl saß ein kleines Mädchen, um die Zwölf und hatte die Augen geschlossen, während ihre Hände sich federleicht über die Tasten bewegten. Schwarz und Weiß, zwei harmonierende Gegensätze, jedes von ihnen mit einem einzigartigen Klang gesegnet, den sie nach einem kurzen Antippen von allein preisgaben. Selbst ohne hinzuschauen, spielte sie das Stück ohne Stocken oder erkennbare Fehler. Wie sehr sie wohl dafür geübt haben musste? Oder war sie einfach so begabt und brauchte ihre Augen nicht mehr, um die richtigen Töne zu finden? So oder so, ihre Musik war wunderschön, ich hielt es auf dem Zuschauerplatz auf dem Dach nicht mehr aus, ich musste zu ihr! Aber konnte ich es riskieren? All die Leute dort unten...
Die Musik wurde drängender und ich konnte spüren, wie mein Körper von unsichtbaren Seilen nach unten gezogen wurde. Ich betete, dass ich unbemerkt blieb und flog so schnell ich konnte meinem Paradies entgegen. Ich konnte nicht länger warten, ich wollte näher ran. Sie war meine Partnerin, ich wusste es! Jetzt konnte ich verstehen, worauf wir Meloetta unser ganzes Leben warteten. Früher hatte ich den Pakt mit einem Menschen für den Beginn einer grauenhaften Zeit gehalten, doch jetzt, wo ich dieses Mädchen spielen sah...Ich konnte nicht mehr anders, als bei ihr zu sein.
Das Lied war zu Ende und ihre Finger zogen sich langsam von den Tasten zurück, als wollten sie ihnen zur Belohnung eine Pause vom Spielen gönnen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt, sagte ich mir und trat heraus aus der dunkeln Gasse hinter ihr, in der ich mich versteckt hatte. Sanft berührte ich ihre Schulter, der einzige Weg, auf mich aufmerksam zu machen und doch den Schutz ihres großen Körpers zu genießen. Das Mädchen wirbelte herum, erschrocken blickte es in meine Richtung und fiel von ihrem Stuhl. Auch ich war überrascht und bereute es sofort. Hoffentlich hatte ich sie nicht verletzt. Ich versuchte die Stimme, die die telepathischen Kräfte der Psychopkémon mir verleihte, möglichst ruhig und ungefährlich klingen zu lassen.
„Entschuldigung, das wollte ich nicht, ich...“ Sie zuckte zusammen, schützte den Kopf mit den Händen und wimmerte.
„Tu mir nichts, bitte. Nimm mein Geld, aber tu mir nichts“
Erstarrt stand ich vor ihr, blickte auf das so wehrlose Geschöpf vor mir und wunderte mich. Wie Meloetta waren klein, ich ging ihr gerade bis zu den Knien, wie konnte sie vor einem Wesen wie mir Angst haben? Oder dachte sie, dass wir gefährlich waren, wie die Menschen, die versuchten, die Stärksten von uns einzufangen um über sie zu herrschen? Nein, ein Mensch, der so schön spielte, konnte nicht schlecht sein. So jemand hatte ein reines, mittfühlendes Herz. Ich startete einen anderen Versucht.
Ich begann ganz leise, aus Angst, dass mich jemand hören konnte. Doch nach ein paar Sekunden wurde ich lauter, denn es hatte keinen Zweck, wenn der Mensch vor mir meine Stimme nicht hören konnte. Eine Gabe unserer Spezies war es, dass unser Gesang die Gefühle von Menschen und Pokémon beeinflussen konnte. Er konnte Schmerz heilen und gebrochene Herzen zusammen flicken. Wir wurden vom ganzen Wald dafür geschätzt. Auch wenn ich wusste, dass meine Stimme nicht die schönste war, wollte ich es doch gerne einmal versuchen. Ich versuchte es so klingen zu lassen wie in dem Lied, doch anders als sie mischte ich auch noch eine fröhliche Note dazu. So sang ich, unbeachtet von dem Rest der Welt, nur für sie.
„Wer bist du?“, fragte sie schließlich, als ich das Lied beendet hatte. Ihr Blick war auf mich gerichtet, doch ihre Augen waren ausdruckslos, sahen mich nicht als den seltenen Fund an, der ich nun mal war. Erst jetzt erkannte ich den wahren Grund, warum ich noch nicht gefangen war: Sie war blind.
„Man nennt uns Meloetta, wir lieben die Schönheit der Musik. Dein Klavier hat mich hierher geführt. Ich bin dir so dankbar, dafür würde ich dir gerne einen Wunsch erfüllen, wenn ich kann.“
„Einen Wunsch...“, wiederholte sie nachdenklich und zögerte. Nach ein paar Sekunden hob sie den Kopf. „Du bist doch ein Pokémon, oder? So ein richtiges Pokémon wie die, mit denen die anderen Kinder um die Welt ziehen?“
„Ja“ Schon bereute ich meine Worte. Bitte, flehte ich innerlich, mach mich nicht zu deinem Slaven.
Das Mädchen lächelte. „Ich hatte noch nie ein Pokémon. Weil ich blind bin, hat mir der Professor keines gegeben und ich durfte nicht reisen. Kannst du mit mir kommen? Kannst du mir den Wunsch nach einem Abenteuer erfüllen? Ich möchte um die Welt reisen und den Menschen meine Musik vorspielen“
Erleichtert atmete ich auf. So wie sie das beschrieb, klang es gar nicht nach Kampf und Schmerz, sondern nach etwas Schönem, Erstrebenswertem. Sofort willigte ich ein und seit diesem Tag begleitet ich sie und war glücklich mit ihr und ihrem Klavier. Seit dem heutigen Tag danke ich dem ‚Mondschein‘, dass er uns zusammen geführt hat.