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Die Geschichte mit dem Fahrrad

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Geschrieben von: MSOmega
Obwohl er der Klassenbeste war, mochten ihn die anderen nicht. Dabei hatte er noch nie jemanden verpetzt, er heulte nicht, wenn er mal eine schlechtere Note bekam, und eine Niete im Sport war er auch nicht. Aber Ivan war Ausländer, konnte das der Grund sein? Er wusste es nicht, doch er hätte gern gewusst, warum sie ihn immer so seltsam anstarrten. Sie redeten nie darüber, wenn er in der Nähe war, vielleicht hatten sie Angst, dass er es den Lehrern erzählen würde.
Ivan war fast elf, aber er war allein auf der Welt. Sein Vater war im Krieg gestorben, und seine Mutter fast nie zuhause, denn sie arbeitete bis spät in die Nacht als Putzfrau, weil sie das Geld brauchten. Freunde hatte er keine, Geschwister auch nicht. Nur mit den Kindern vom Hort, wo er immer montags hinging, verstand er sich ganz gut.
An diesem Montag drückten graue Wolkenschleier auf die kühle Oktoberluft und Ivan stieg schnell auf sein Fahrrad. Er wollte noch vor dem Regenguss im Hort sein, doch kaum war er losgefahren, spürte er die ersten Tropfen im Gesicht. Warum musste es immer dann regnen, wenn die Schule gerade zuende war? Vor Wut trat er schneller in die Pedale und bog mit spritzenden Reifen in die Eibestraße ein, in der sich die vornehmsten Häuser von Sandgemme aneinander reihten, wie er gerne in einem gewohnt hätte. Es war einfach ungerecht, dass sie in einer schäbigen Zweizimmerwohnung hausen mussten, während seine Mutter den ganzen Tag die Häuser anderer Leute putzte. Er ärgerte sich so sehr, dass er vergaß, in den nächsten Gang zu schalten und donnerte mit rasender Geschwindigkeit um die Ecke. Das war zu schnell gewesen. Das Fahrrad kam aus dem Gleichgewicht und krachte quietschend zu Boden.
Als erstes spürte Ivan sein rechtes Bein, das unter dem Gewicht des Rades auf den Asphalt gedrückt worden war. Er zog die leicht verbogene Lenkstange weg und versuchte, aufzustehen, aber die Schmerzen waren zu groß. Also setzte er sich auf und überlegte, was er als nächstens machen sollte. Bei diesem Wetter war niemand auf der Straße, der einen Jungen mit nasser Kleidung auf dem Boden hätte sitzen sehen können. Vielleicht sollte er um Hilfe rufen.
Plötzlich bog ein hohes, schwarzes Auto in die Straße ein, an dessen Steuer ein alter Mann mit grauen Haaren saß. Er schien Ivan nicht zu bemerken, sondern fuhr geradewegs auf ihn zu, während er der Himmel beobachtete. Ivan bekam Panik und begann zu rufen und zu winken, aber nichts passierte. Im letzten Moment sah ihn der Mann doch und hielt erschrocken an, öffnete die Autotür. Hastig stieg er aus und ging auf ihn zu.
„Was ist denn mit dir passiert? Bist du gestürzt?“, fragte er mit besorgter Stimme und bückte sich nach ihm.
„Ja, ich kann nicht mehr aufstehen“, antwortete Ivan wahrheitsgetreu.
„Du blutest.“ Der Alte holte ein weißes Tuch hervor und tupfte die aufgeschürfte Stelle an seinem Knie ab, bevor er sie mit einem Pflaster verklebte. Er stellte das Fahrrad wieder auf und wollte wissen, was los war, und er bekam alles zu hören, von den Hänseleien in der Schule über den Hort bis zu der Ungerechtigkeit mit der Wohnung. Als alles erzählt war, nickte er bedächtig und betrachtete die Fahrradkette, die beim Sturz herausgesprungen war. Regentropfen prasselten auf die beiden Gestalten mitten auf der Straße.
„Du hast es wirklich nicht so leicht“, meinte der Greis schließlich.
„Nein, aber davon wird meine zerrissene Hose auch nicht wieder ganz“, versicherte Ivan ihm, der jetzt ein bisschen gereizt war. Was half es ihm denn, dass er dem Alten Leid tat? Der Mann grinste, bedeutete ihm, zu warten und verschwand kurz darauf hinter der Straßenecke. Er wartete und wartete, dabei wurde ihm langweilig, aber mit seinem Bein konnte er schließlich nicht weglaufen, und außerdem war da auch noch das Fahrrad. Endlich tauchte die beleibte Gestalt wieder auf und trug eine Pappschachtel in den Armen, öffnete sie und hielt sie ihm hin. Ein weißer Pokéball mit roter Mittellinie war auf den Kartonboden gebettet worden, und der Fremde lächelte ihn vielsagend an.
„Du kannst ihn ruhig nehmen, junger Mann, er gehört dir! Es ist ein Premierball, der für das zweihundertjährige Bestehen der offiziell anerkannten Region Sinnoh entwickelt wurde.“
In diesem Augenblick machte Ivans Herz vor Freude einen Sprung. Mit diesem Gegenstand würde sich ihm das Tor zur Welt der Pokémon und öffnen, zu den Kämpfen und zur Verantwortung, zur Freundschaft und er wusste nicht, zu was noch. Es war schon beinahe lächerlich, in diesem bedeutenden Moment mit regennassen Hosenboden auf dem Straßenschmutz zu sitzen, aber so war es nun einmal. Er streckte seine Hand nach dem Geschenk aus und berührte dabei versehentlich die rot eingekreiste Fläche, da materialisierte sich plötzlich ein etwas verschüchtertes aussehendes Enton.
„Das ist Dagobert“, erklärte der grauhaarige Mann, „Er ist knapp zwei Jahre alt und langweilt sich bei mir zu Hause, wo ich ihn nur selten brauche.“ Er blickte versonnen in das zehnjährige Jungengesicht, das ihn mit tellergroßen Augen anstarrte und ganz vergessen hatte, sich zu bedanken.
„Ich glaube es ist Zeit zu gehen für dich.“ Tatsächlich hatte der Regenschauer aufgehört und es war jetzt fast unnatürlich still für eine Stadt, das einzige Geräusch war das Dröhnen einiger Autos in der Ferne, deren Besitzer in die Mittagspause fuhren.
Ivan ließ Dagobert wieder in den Ball, wünschte noch einen guten Tag und schaffte es mit etwas Humpelei, das Rad zum Hort zu schieben, wo man sich schon gefragt hatte, wo er denn so lange blieb, das Essen sei schon kalt. Aber das machte ihm nicht sonderlich viel aus, solange er Miriam und Sebastian sein neues Pokémon vorführen konnte, das er bald ausführlich trainieren wollte.
Inzwischen hatte sich der schwarze Wagen wieder in Bewgung gesetzt, und der alte Professor Eibe ging an seine Arbeit und freute sich wieder einmal über den Enthusiasmus, den Kinder in seine Forschungen brachten. Nur das Fahrrad erlebte kein glückliches Ende, nach dem Sturz ließ es sich nicht mehr reparieren und verlebte seine letzten Stunden rostend auf dem städtischen Schrottplatz.

~Ende~