Yara, eine Abenteuerin auf Achse
Geschrieben von: Marina
Kapitel 1 : Yara – Eine neue Trainerin?!
Bis vor kurzem hüpfte ich noch Hand in Hand mit dem Jungen meiner Träume durch meine Traumwelt und nun lag ich wach in meinem Bett und verfluchte meine kleine Schwester. Heute war der 8. Februar – ihr elfter Geburtstag. Sie war gestern schon ganz aufgeregt gewesen und nach dem Krach, den sie in der letzten Nacht veranstaltet hatte zu urteilen, hatte sie kein Auge zugetan. Ich konnte ja verstehen, dass sie so aufgewühlt war, schliesslich bekam sie heute ihr erstes Pokémon…
Aber musste sie lautschreiend durch das ganze Haus rennen? Genervt zog ich mir das Kissen über den Kopf und stöhnte. „Die macht so ein riesen Theater wegen nichts und wieder nichts…“, murmelte ich leise in mein Kissen.
Ich, Yara, bin kein grosser Fan von Pokémon, müsst ihr wissen. Den Wunsch mit den wusel Viechern herum zu reisen, verspürte ich nie. Meine Schwester, Kia, dagegen sprach schon seit einiger Zeit davon los zu ziehen um Abenteuer zu erleben und Freundschaften zu schliessen.
Ich und meine Schwester sahen beinahe gleich aus, aber unsere Meinungen und Charaktereigenschaften lagen Meilen auseinander. Beide hatten braune gerade Haare, die uns etwa bis zur Hüfte reichten. Während sie aber einen sportlichen Pferdeschwanz daraus zauberte, machte ich zwei einfache Zöpfe, die , wie Mum viel sagte, mich sehr viel jünger aussehen liessen als ich eigentlich war.
Ich war nämlich bereits 14. Doch viele verwechselten mich mit meiner kleinen Schwester. Vielleicht lag das aber auch an unseren Augen, sie waren beide dunkel grün und nicht gerade klein. Wer uns beide aber näher kannte wusste genau dass unser Äusseres das Einzige war, indem wir uns ähnlich waren. Sie ging viel nach draussen, spielte mit den andern Kindern und den Pokémon fangen und ging auch gerne einkaufen.
Ich war das genaue Gegenteil. Am liebsten las ich Bücher oder schrieb selbst ein paar Zeilen, nach Draussen ging ich nur wenn ich musste. Die Pokémon fand ich zwar süss, aber ausser dem Plinfa von meiner Mutter hatte ich mich noch mit keinem angefreundet.
Meine Schwester krähte schon zum dritten Mal in mein Zimmer: „Yara, steh auf und zieh dich an! Heute ist doch mein grosser Tag“ Genervt warf ich mein Kissen zur Tür und rief: „Und was hat dein grosser Tag mit mir zu tun?“ Kia wich elegant dem Kissen aus und meinte: „Mum sagte ich dürfe nicht alleine nach Sandgemme“ „Dann soll sie sich doch begleiten“, gab ich genervt zurück. „Du weisst genau, dass das nicht geht“, sagte sie jetzt schon fast weinerlich, „Mum arbeitet doch heute den ganzen Tag“.
Ich musste mich wohl oder übel geschlagen geben. Ich wusste genau, jetzt noch wiederstand zu leisten hätte keinen Zweck. Mühsam stand ich auf, wusch mein Gesicht, kämmte meine Haare und zog mich an. Das Ganze wurde von Kia mit Sätzen wie, „Geht das nicht schneller?“, oder, „Ich hab schon Schneckmasgs gesehen, die schneller waren als du“, kommentiert. Als ich dann angezogen war, was für Kia eine Ewigkeit dauerte, ging ich die Treppe runter und machte mir mein Frühstück zurecht.
Kia hüpfte aufgeregt um mich herum und redete mehr für sich als mit mir: „Ich wähle dich, Chelast“ Ich sah sie schräg von der Seite an und bekam gerade noch mit, wie sie ihre Pirouette vollendete. „Danke, vielen Dank“, rief sie begeistert in alle Richtungen und verbeugte sich. Ich grinste in mich hinein. Kia redete Tag und Nacht davon Top-Koordinatorin zu werden. Manchmal glaubte ich sie sei schon mit diesem Wunsch auf die Welt gekommen.
Ich schlag mein Frühstück hinunter und wurde nach draussen gezogen. Kia bestieg stolz ihr Fahrrad, das sie auf ihren letzten Geburtstag bekommen hatte und fuhr los. Mich hatte sie offensichtlich total vergessen. Sie drehte sich nicht einmal mehr um, sondern radelte geradewegs durch das hohe Gras in den kleinen waldähnlichen Abschnitt der nach Sandgemme führt.
„Erst macht sie so einen Aufstand und dann geht sie doch alleine“, grummelte ich leise.
Ich trottete etwas unschlüssig den Weg nach Sandgemme entlang. „Wenn ich schon mal draussen bin, kann ich meiner Schwester ruhig noch viel Glück auf ihrer Reise wünschen“, überlegte ich mir, „Ausserdem werde ich dieses Energiebündel wohl ganz schön vermissen.“
In meiner melancholischen Stimmung musste ich wohl falsch abgebogen sein, denn ich stand plötzlich vor dem See der Wahrheit. Die Sonne stand noch nicht so hoch, sie schien auf den See, der vom Wind sanft gekräuselt wurde. Das Wasser warf die Strahlen der Sonne in den Himmel zurück und schillerte dabei in allen erdenklichen Farben. Das ganze Specktakel war wunderschön. Ich erwischte mich selbst dabei wie ich lächelte und meine Haare, die ich ausnahmsweise nicht geflochten hatte, nach hinten strich, um die leichte Briese durch sie hindurch wehen zu lassen.
Ich weiss nicht mehr wie lange ich da stand und das Schauspeil bewunderte, aber als ich plötzlich ein hohes, schrilles Quietschen hörte, sah ich mich erschrocken um. Doch ich konnte nichts ausmachen, was das Quietschen verursacht haben könnte. Ich sah mich nochmals genau um, suchte die kleine Erhöhung auf der ich stand mit den Augen ab, drehte mich dann abrupt um und rannte los. Ich wusste nicht warum ich rannte. Ein ungutes Gefühl trieb mich an. Es fühlte sich so an, als ob mich jemand beobachten würde.
Ich konnte diesen Jemand aber nicht ausmachen, was in mir grosse Angst verursachte. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln; das Gefühl verfolgt zu werden. Wie ein gejagtes Haspiror rannte ich durch den kleinen Wald. Meine Augen hetzten vom Boden zu den Bäumen und wieder zurück. Meine Füsse trommelten über den Boden und das pochen meines Herzens dröhnte mir in den Ohren.
Ich sah noch einmal über meine Schulter zurück, sah etwas in der Luft schweben. Es hatte einen schmalen Körper, war auch sonst nicht besonders gross und hatte zwei lange Schweife. Ich konzentrierte mich einen kurzen Moment auf die Kreatur, die sich aber schon wieder hinter einem Baum versteckte. Ich versuchte etwas zu erkennen. Ich konzentrierte mich nur kurz nicht auf die Wurzeln am Boden, doch bereits das genügte um mich stolpern zu lassen.
Ich strauchelte und kämpfte einen kurzen Moment lang um mein Gleichgewicht. Doch ich verlor den Kampf und knallte der Länge nach auf den Boden. Alle mir noch verbliebene Luft wurde aus meiner Lunge herausgepresst. Einen kurzen verzweifelten Moment hatte ich das Gefühl zu ersticken. Doch dann strömte wieder Luft in meine Lunge. Ich lag noch immer schwer atmend auf dem Boden und versuchte mich zu beruhigen.
„Yara?“, hörte ich eine schuldbewusste Stimme neben mir fragen, „Ist alles in Ordnung“ „Ja, es geht mir gut. Ich bin bloss gestolpert.“
Ich sah zu Kia auf und versuchte zu grinsen. Sie sah mich, mit einer Mischung aus Mitgefühl und Verwirrung an, reichte mir aber dann doch ihre Hand und meinte:
„Ich weiss, dass du rennen mehr als alles andere auf dieser Welt hasst. Warum also…“ Ich unterbrach sie vorwurfsvoll: „Wenn du nicht auf mich wartest...“
Ich stand auf und boxte ihr spielerisch gegen die Rippen. Sie sah mich mit grossen Augen an und ich wusste sie glaubte mir kein Wort. Ich klopfte mir den Staub von meiner Kleidung und stellte erleichtert fest, dass ich mir während meiner kleinen Sturzeinlage nicht weh getan hatte.
Kia sah mich noch immer verwundert an. Ich tat so als ob ich ihren fragenden Blick nicht bemerken würde und trottete den Weg nach Sandgemme entlang. Sie sah mir kurz nach und holte mich dann schnell mit ihrem Fahrrad ein. Ich ignorierte ihren fragenden Blick weiter hin und tat so als ob alles ganz normal war. Kia gab nach kurzer Zeit auf und summte leise vor sich hin. Ich überlegte nun fieberhaft was das für ein seltsames Wesen war, das ich da am See der Wahrheit gesehen hatte. Könnte es ein Pokémon sein?
Meine Gedanken wurden von meiner Schwester unterbrochen: „Schau mal Yara, da ist das Labor von Professor Eibe!“ Sie zeigte aufgeregt auf ein grosses braunes Gebäude mit einem hellblauen Dach. Davor stand ein grossgewachsener Mann, dessen Haare schon ziemlich grau waren. Er schaute uns bestimmt an, und mir lief ein Schauer über den Rücken. Der Mann sah uns so eindringlich an, dass es mir so vorkam als würde er uns mit seinem Blick scannen. Meine Schwester bekümmerte das kein bisschen, sie radelte direkt auf ihn zu, reichte ihm ihre Hand und wollte gleich wissen, wo denn nun ihr geliebtes Chelast sei.
Er schaute sie kurz verdutzt an, dann begann er laut und ausgelassen zu lachen. Auch ich musste grinsen. Meine Schwester war schon immer so direkt und ich glaubte nicht das sich da gross was ändern würde. Der Professor hatte sich inzwischen von seinem kleinen Lachkrampf erholt und sah nun wieder ganz ernst aus. Er rief mich zu sich und wir betraten nun alle gemeinsam das Gebäude.
Die grosse Glastür schob sich langsam auseinander und mein Blick fiel nun in einen grossen, weissgehaltenen Raum mit vielen kompliziert aussehenden Geräten und Apparaturen. Ich staunte nicht schlecht, als uns Professor Eibe durch den hohen Raum führte und alle Fragen die meine Schwester ihm stellte geduldig beantwortete. Wir gingen durch eine weitere Tür und kamen in einen kleinen Raum, in dessen Mitte ein kleiner Tisch stand.
Auf dem Tisch lagen drei runde Bälle. Sie hatten eine rote obere Hälfte und darunter waren sie weiss. Besser waren diese Bälle als Pokébälle bekannt. Sie waren das Zuhause der Pokémon, während einer Abenteuer Reise. Meine Schwester ging zielstrebig auf den Tisch zu, griff sich den Ball neben dem das Bild eines Chelast lag und warf ihn in die Luft. „Komm heraus, Chelast!“, rief sie freudig. Der Pokéball öffnete sich und das kleine grüne Pokémon sprang heraus.
Es schaute sich mit seinen runden, schwarzen Knopfaugen neugierig um. Meine Schwester war natürlich total aus dem Häuschen. Sie hüpfte um das kleine Pokémon herum und summte fröhlich. Chelast freute sich mit und so sprangen die Beiden bald miteinander summend, fröhlich im Kreis herum. Ich musste lachen. Anscheinend gefiel dem Chelast seine neue Trainerin. Professor Eibe schaute die Beiden zufrieden an, dann nahm er meine Schwester an die Hand, bedeutet mir im Raum zu bleiben und verliess mit ihr das kleine Zimmer.
Sie schaute ihn erst etwas beleidigt an. Sie hasste es wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Doch als das kleine Chelast ihr auf den Arm hüpfte, war ihr Ärger schnell vergessen und sie ging artig mit dem Professor mit. Ich blieb allein zurück. Erst stand ich etwas unschlüssig herum, bis ich mich dann auf die Kante des kleinen Tisches setzte.
Meine Schwester war so glücklich. Endlich hatte sie ihr heiss geliebtes Chelast und das kleine Pokémon hatte auch seine helle Freude an Kia. Die beiden werden ein tolles Team abgeben, dachte ich zufrieden. Ich seufzte und streckte mich einmal kräftig. Dabei musste ich wohl an einen der Pokébälle gestossen sein, denn plötzlich hörte ich hinter mir eine dünne Stimme murmeln: „Pan…?“
Ich sag mich erschrocken um und hinter mir sass ein kleines rötlich schimmerndes Pokémon. Es sah mich unsicher aus seinen grünlich schimmernden Augen an. Ich war ziemlich verunsichert. Was sollte ich jetzt tun? Würde ich Ärger bekommen, weil ich das kleine Wusel-Tier aus seinem Ball gelassen habe? Es kam tapsig auf mich zu, setzte sich neben mich und sah mich fröhlich an. Ich musste grinsen. Das Kleine war wirklich süss. Ich dachte einen Augenblick darüber nach es wieder in seinen Ball zu schicken, aber etwas Gesellschaft zu haben während ich auf Professor Eibe wartete, erschien mir nicht so schlecht. So sassen wir still nebeneinander und schauten aus dem winzigen Fenster zur Sonne.
Nach einer kurzen Zeit kam Professor Eibe wieder in das kleine Zimmer und sah mich und Panflam auf dem kleinen Tisch sitzen. Er schmunzelte und murmelte: „Ich brauche wohl einen zweiten Pokédex…“
Fortsetzung folgt