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Eine Chance

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Geschrieben von: Abusoru
Regen trommelte auf das graue Pflaster.
Stan drückte sich mit dem Rücken näher an die Wand, um nicht noch nasser zu werden.
Es eilten Geschäftsleute vorbei, Mütter mit Kindern und Touristen, die vom Kasino und dem Einkaufszentrum angelockt worden waren. Menschen mit missmutigen Gesichtern und bunten Regenschirmen, die schnell nachhause wollten.
Niemand beachtete die verbeulte Konservendose, die sich zu Stans Füßen langsam mit Regenwasser füllte. Es lagen bloß ein paar Münzen und ein Spielhallenchip darin, den irgendein Witzbold hineingeworfen hatte. Trübsinnig blickte Stan in den wolkenverhangenen Himmel.
Es dämmerte bereits, flackernd ging eine Straßenlaterne nach der anderen an. Steifbeinig richtete der Junge sich auf, griff nach der Konservenbüchse und entnahm ihren traurigen Inhalt. Das würde mit viel Glück für ein Brötchen ohne alles reichen, ansonsten mussten wohl wieder die Mülltonnen im Hinterhof eines der vielen Restaurants der Stadt genügen.

Zitternd, bis auf die Knochen durchnässt, aber immerhin satt, unternahm Stan einen seiner zahllosen Streifzüge durch Schleiede, wie immer ohne Plan und Ziel.
Die anderen Passanten bemühten sich merklich, nicht mit ihm zusammenzustoßen, denn er war schmutzig und roch sicher nicht sehr gut.
Er bemerkte eine erstaunlich große Anzahl Menschen, die sich in eine verkommene Seitenstraße drängte und einem seltsam gekleideten Mann lauschte. Unauffällig gesellte Stan sich zu ihnen. Ihm fiel auf, dass sie alle nicht viel gepflegter waren als er selbst. Neugierig hörte er dem Fremden zu.

„...neue Perspektive! Auch ihr könnt Mitglied bei Team Galaktik werden! Lasst die Gosse hinter euch, gebt eurem Leben wieder einen Sinn! Tretet dem Team Galaktik bei! Die einzige Voraussetzung dafür ist ein Pokémon. Entweder besorgt ihr euch selbst eines, oder wir stellen euch gegen einen kleinen Geldbetrag eines zu Verfügung. Alles andere übernehmen wir. Team Galaktik gibt euch Essen und Obdach! Überlegt es euch gut! Wenn ihr Talent habt, könnt ihr sogar Karriere machen! Seht mich an! Vor einem Jahr war ich noch ein einfacher Rüpel, und nun stehe ich kurz vor der Beförderung zum Vorstand!“

„Und wo ist der Haken?“ fragte jemand aus der Menge.
„Es gibt keinen!“ rief der Mann enthusiastisch. „Ihr absolviert ein Training, anschließend werdet ihr getestet. Wenn ihr euch qualifiziert, seid ihr offiziell Mitglied von Team Galaktik, und das auf Lebenszeit!“
„Und wenn wir es nicht schaffen? Dann sitzen wir wieder im Dreck!“ rief eine Frau.
Zustimmendes Gemurmel folgte.
„Aber nein! Diejenigen, die die Aufnahmeprüfung nicht schaffen, bekommen von uns ein Angebot, ab sofort Pokémon für uns zu fangen, denn je mehr Rüpel rekrutiert werden, desto mehr Pokémon werden natürlich gebraucht! Wir können euch zwar keinen Platz zum wohnen beschaffen, aber ihr werdet gut von uns bezahlt!“
„Und was macht dieses Team Galaktik jetzt genau?“ fragte Stan. Die Sache begann, ihm zu gefallen.
„Ah, nun kommt ja das Beste von allem! Wir arbeiten alle an der Verwirklichung der Vision unseres Bosses Zyrus: der Erschaffung einer neuen Galaxie!“
Schweigen. Jemand hustete.
Der Mann lächelte nachsichtig. „Ja, es klingt anfangs vielleicht etwas unwahrscheinlich, aber glaubt mir, unser Boss ist ein Genie. Er weiß, wie man es anstellen muss. Und stellt euch vor, IHR würdet ein Teil der ruhmreichen Organisation, der dieses unglaubliche Unterfangen einst glücken wird. Denn es wird gelingen, daran glaube ich fest. Kommt morgens vor Sonnenaufgang zum alten Lagerhaus im Norden der Stadt. Wir sind noch den ganzen Monat dort und rekrutieren Leute."
Damit beendete der Fremde seinen pathetischen Vortrag, verneigte sich leicht, stieg von seiner Obstkiste und verschwand im Schatten der Häuser.

Stan war mit einigen anderen in der Gasse geblieben. Sie hatten ein Feuer in einer Mülltonne entzündet und beratschlagten nun, was von dem dubiosen Angebot zu halten war.
„Also naja... ich weiß nicht.“ murmelte ein älterer Mann, „Dem kann man sicher nicht trauen. Das klingt viel zu gut, um wahr zu sein.“
„Und wenn sie es ernst meinen? So eine Chance kommt nie wieder!“ Eine junge Frau mit roten Haaren wärmte sich die Hände am qualmenden Feuer. „Ich werde es auf jeden Fall versuchen. Alles ist besser, als Tag für Tag Dreck zu fressen.“
„Das finde ich auch.“ Stan rückte näher an die Flammen. „Und wenn ich dabei draufgehe. Ich will ein anderes Leben führen.“
Die Frau nickte. „Ich besorge mir ein Pokémon und dann bin ich weg von hier.“
Stan starrte ins Feuer. Ein Pokémon... wo sollte er das herbekommen? Er hatte auf keinen Fall genug Geld, um sich eines von der Organisation zu kaufen. Er würde einen Pokéball stehlen und sich eines fangen müssen.

Am nächsten Tag machte Stan sich auf den Weg zum Einkaufszentrum. Unterwegs kamen ihm Zweifel an seinem Vorhaben. Er könnte erwischt werden. War es das wert?
Klare Antwort: Ja. Das war es allerdings.
Er trat in die gut beheizte Eingangshalle. Das Gebäude war brechend voll.
Perfekt.
Er bahnte sich seinen Weg bis zur Rolltreppe und fuhr ins erste Stockwerk. Überall blitzten ihm brandneue Pokémon-Artikel entgegen, sündhaft teures Trainerzubehör und billiger Plunder. In einer Grabbelkiste lagen reduzierte Pokébälle, die kleinere Beschädigungen aufwiesen, dafür aber auch nur die Hälfte kosteten. Stan hatte keine Ahnung, welchen er nehmen sollte. Es lagen haufenweise rot-weiße, aber auch viele blau-weiße, ein paar gelb-schwarze und wenige ganz andersfarbige Bälle darin. Stan entschied sich für einen der Blauen.
Er sah sich unauffällig um und streckte dann blitzschnell die Hand aus, während er in eine andere Richtung schaute. Schon war die Beute in seiner Jackentasche verschwunden. Er strich noch ein bisschen im Kaufhaus herum, um kein Aufsehen zu erregen, dann verließ er das Gebäude. Seine linke Jackentasche fühle sich angenehm schwer an.

Nun musste er nur noch ein Pokémon finden und fangen. In der Stadt gab es haufenweise Rattfratz, aber die waren ihm zu ordinär. Er wusste, dass es außerhalb der Stadt vor wilden Pokémon nur so wimmelte. Er wollte nach Westen, zur Route 215. Südlich der Stadt lag die Hotelanlage, in der nur Snobs ihre Ferien verbrachten. Dort würde er viel zu sehr auffallen.
Stan passierte ungesehen das Stadttor. Er war nie außerhalb der Stadt gewesen. Er hatte Angst. Er kannte sich nicht mit Pokémon aus, es hätte gut sein können, dass er von einem wilden Pokémon angefallen und getötet würde. Einen Moment lang rang er mit sich, wollte schon fast einfach umkehren und sich ein Rattfratz fangen. Doch da raschelte es im hohen Gras. Ihm sank das Herz in die Hose.
Ein kleines, blaues Geschöpf mit auffallend runder Körperform und großen Ohren kullerte auf den Weg und quietschte ihn an. Stan stand wie erstarrt da, er konnte kaum einen Muskel rühren.
Das Wesen hüpfte auf ihn zu.
„Marill!“ rief es.
Mühsam unterdrückte der Junge seine Panik.
„Marill, Marill!“
Es sah harmlos aus. Mit diesem Gedanken versuchte er krampfhaft, sich zu beruhigen. Und es schien auch nicht bösartig zu sein.
Stan schluckte. „Okay... Marill.“ Beim Klang seines Namens sprang Marill vergnügt auf und ab.
„Ich werde dich jetzt fangen.“
Marill legte den Kopf schief. „Ma...“
Weiter kam es nicht, denn Stan hatte schon den Superball geworfen und Marill war darin verschwunden. Der Ball wackelte, leuchtete und surrte leise. Gespannt wartete Stan auf das Ergebnis. Es machte „Plong“ und der Ball bewegte sich nicht mehr.
Eine Minute lang starrte Stan den Superball an, doch es geschah nichts weiter. Vorsichtig hob er den Ball auf, drückte auf den weißen Knopf, die Kapsel sprang auf und Marill kam wieder zum Vorschein.
„...rill?“ Verwirrt sah Marill sich um. Als es Stan erblickte, quietschte es wieder und hüpfte um ihn herum.
Erleichtert sperrte Stan es wieder ein und machte sich auf den Weg zurück nach Schleiede. Es wurde bereits Abend, es würde also nicht mehr lange dauern, bis er zum alten Lagerhaus konnte. Und dann würde er ja sehen, was an den Geschichten des Fremden dran gewesen war.

Als Stan beim Lagerhaus ankam, war die ganze Anlage in dichten Nebel gehüllt. Er war auf der Hut. Vorsichtig schlich er zum Eingang des Gebäudes. Soweit er sehen konnte, war niemand da. Aber bei dem Nebel hatte das nichts zu sagen.
Während er wartete, dass etwas passierte, dachte er wie so oft zuvor noch einmal über seine Entscheidung nach. Wenn der Mann von damals nicht gelogen hatte, stand es außer Frage, dass er diese Chance nutzen musste. Und trotzdem... die Beweggründe dieses Bosses klangen reichlich merkwürdig. Eigentlich schlicht wahnsinnig. Wollte er wirklich bei so einer Sache dabei sein?
Er schüttelte den Kopf, um seine Zweifel zu vertreiben. Was dieser Boss wollte, war völlig egal. Es galt nur, endlich von der Straße wegzukommen.
Plötzlich öffnete sich die Tür neben ihm einen Spalt. Stan fuhr zusammen.
Ein Kerl, der fast genau so seltsam gekleidet war wie der Fremde aus der Gasse, streckte seinen Kopf hervor.
„Was willst du?“ zischte er und sah sich misstrauisch um.
Stan schluckte. „Ich will eurer Organisation beitreten.“
Der Typ lächelte. „Hey, dann komm rein, Mann!“ Er trat zurück.
Stan starrte in die Finsternis hinter der Tür.
Ein neuer Lebensabschnitt.
Er wusste nicht, was vor ihm lag.
Er wusste nur, was er unbedingt zurücklassen wollte.
Entschlossen schlüpfte er durch den Türspalt.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.