Zehn Jahre
Geschrieben von: Nightfire
Vorwort: Keiner der Haupt-Charaktere dieser Geschichte ist von mir erfunden worden; sie gehören alle den Pokémon-Machern. Ich habe sie mir für meine Erzählung nur ausgeborgt.
Diese Geschichte spielt 10 Jahre nachdem Ash Ketchum zu seiner Pokémon-Reise aufgebrochen ist. Es gibt unter den Lesern sicher einige, denen die folgenden Seiten nicht gefallen werden. Jenen, die bis zum Ende weiterlesen möchten, wünsche ich viel Spaß.
Kapitel 1 : Die Arena von Rain City
Der junge Trainer sank auf die Knie zusammen und stützte sich mit den Händen am Boden des Spielfeldes ab. Nicht umsonst war die Arena hier als der absolute Prüfstein der gesamten Pokémon-Welt. An keinem anderen Platz konnte man einen derartigen Kampf erleben.
Die meisten, die sich hier dem Kampf stellten, hatten zuvor alle anderen Trainer besiegt und sämtliche Ligakämpfe gewonnen, die es gab. Erst dann war man erfahren genug, sich diesem Arenaleiter gegenüber zu stellen.
Der Junge, der nun verloren hatte, war aus Übermut viel zu früh hier angetreten. Sein Untergang gegen die enorme Kraft des Gegners hatte nur wenige Sekunden gedauert. Um genau zu sein nicht einmal zehn. Seine Pokémon waren mit der ersten Attacke des Arenaleiters derart fatal geschlagen worden, daß sie nicht mehr weiterkämpfen konnten.
Es schien, als hätten die Pokémon dieses jungen Mannes einen weitaus höheren Level erreicht als es gemeinhin möglich war. Nicht zu unrecht war dieser Arenaleiter ein weltweiter Pokémon-Meister. Es gab niemanden, der stärkere Pokémon hatte. Ihn zu besiegen war unmöglich. Bisher hatte es keiner geschafft.
Tränen tropften aus den Augen des geschlagenen Trainers auf den Boden, während er rasch sein Elevoltek zurückrief. Es war erheblich verletzt und mußte im Pokéball bleiben, bis er es in ein Pokécenter bringen konnte.
Der Arenaleiter von Rain City hatte sich während des ganzen Kampfes nicht aus seinem Sessel erhoben, jetzt stand er aber auf und rief: »Absol, zurück!« Das unheimlich starke Pokémon verschwand mit einem roten Blitz im Meisterball und das Kampffeld war wieder leer. Es war eine vollkommen neutrale Fläche, jeder Typ konnte hier kämpfen – gewinnen oder verlieren.
Der Arenaleiter fragte pflichtbewußt, aber eher emotionslos: »Möchtest du, daß mein Staraptor dich und deine Pokémon zum nächsten Pokémoncenter fliegt?«
Der junge Trainer, er war zwölf Jahre alt, richtete sich auf und wischte sich über die Augen: »Ja bitte… ich muß sie schnell hinbringen.«
Der Arenaleiter ließ sein Staraptor frei und gab ihm einen raschen Befehl. Bevor der junge Herausforderer sich auf seinen Rücken setzte, sagte der Arenaleiter noch zu ihm:
»Gehe nie wieder so sorglos mit deinen Pokémon um. Ich bin sehr enttäuscht von dir, daß du sie in so große Gefahr gebracht hast. Ob du es glauben willst oder nicht, in der Vergangenheit sind schon Pokémon bei Kämpfen oder an deren Folgen gestorben, weil sie nicht stark genug waren und der Trainer sie nicht ausreichend vorbereitet hat.«
Der junge Trainer schluckte krampfhaft. »Das habe ich nicht gewußt. Ich werde aufpassen. Ich verspreche es.« Er setzte sich auf den Rücken des großen Staraptor und das Vogel-Pokémon hob ab, als würde es das zusätzliche Gewicht gar nicht spüren.
Der Arenaleiter sah seinem Pokémon nach, bis es durch das Dachfenster der hohen Kuppel der Arena verschwunden war, dann lehnte er sich in seinem Sessel wieder zurück. Bald schon würde der nächste junge Spund oder auch ein älterer, der sich für erfahren hielt, mit seinen Pokémon hierher kommen, um ihn herauszufordern.
Aber der Arenaleiter würde nicht verlieren. Alle seine Pokémon, die er in Kämpfen einsetzte waren bis aufs Äußerste trainiert. Damit ihnen niemand gewachsen war. Damit ihnen nichts passieren konnte. Damit er sie beschützen konnte. Denn damals… damals hatte er das nicht geschafft. Damals vor drei Jahren.
Es hatte ganz unspektakulär begonnen. Er hatte sich einem Kampf gestellt, wie er schon viele angegangen hatte. Daher war er nicht nervös gewesen, als er den Arenaleiter vom Nebelsee herausgefordert hatte. Es war nur eine weitere Stufe zum Pokémon-Meister. Er hatte sich keine Sorgen gemacht, denn in den sieben Jahren, die er zuvor auf Reisen verbracht hatte, hatte er viel gelernt.
Aber es war anders gekommen als erwartet, und sein bester Freund hatte für seine Unbesonnenheit bezahlt. Dabei hatte er es nicht einmal kommen sehen. Es war so schnell passiert, daß es ihm heute noch nicht ganz klar war. Als dann auch noch Schwester Joy sagte, daß es keine Hoffnung mehr gab und er ihn verlieren würde.
Und wie er dann in der Intensivstation gesessen hatte, und seinen besten Freund nicht einmal hatte halten, oder berühren und streicheln konnte, weil er unter der Schutzglocke des Intensivbettes lag… und dann war es vorbei. Er hatte noch nie zuvor so etwas erlebt und konnte es nicht ertragen. Er war einige Wochen lang wie paralysiert gewesen, und hatte sich von dem Zeitpunkt an geschworen, daß nie wieder eines seiner Pokémon verlieren würde. Nie wieder.
Im Jahr danach hatte er die Pokémon-Universität besucht, um alles zu lernen, was es in Büchern zu lernen gab, und nebenbei an sämtlichen Ligakämpfen teilgenommen, da er bereits alle Orden besaß, die notwendig waren. Wann immer er aber den Unendlichkeitsorden den er von der Arena am Nebelsee hatte, ansah, wurde er wieder von dem heftigen Schmerz erfüllt. Er würde ihn immer daran erinnern.
Ash Ketchum war trotzdem mit achtzehn Jahren der jüngste Pokémon-Meister der Geschichte geworden. Er hatte alle besiegt und auch die Pokémon-Universität in Rekordzeit abgeschlossen.
Er war aber nicht mehr nach Hause, nach Alabastia, zurückgegangen, sondern hatte sich eine Arena in Rain City, im Land Tolan aufgebaut. Hierher kamen die Trainer nun, um gegen ihn zu kämpfen. Aber noch hatte sich keiner gefunden, der stärker war. Kaum einer wußte, was ihm passiert war. Er ärgerte sich über Trainer wie diesen Jungen, die ihre Pokémon so leichtfertig aufs Spiel setzten und gar nicht wußten, was sie damit riskierten.
Eine Tür hinter ihm ging auf und eine wohlbekannte Gestalt kam in die Arena. »Hast du deinen Staraptor mit dem Jungen weggeschickt?
War es denn wieder so schlimm, Ash? Hättest du nicht ein bißchen milder kämpfen können, wenn du schon gesehen hast, daß dir der Kleine nicht gewachsen ist?« Die junge, schlanke Frau stemmte ihre Hände in die Hüften. Sie war ein bißchen jünger als er, und kein Pokémon-Trainer, sondern Koordinator. Ihre dunkelblauen, nackenlangen Haare flatterten im Wind, der durch den Zug entstanden war.
Ash wandte sich ihr zu: »Ich behandle alle, die zu mir kommen und mich herausfordern, gleich. Jeder weiß, was er zu erwarten hat, wenn er sich mir stellt, Lucia.«
Die junge Frau verschränkte die Arme und rümpfte die Nase. »Ja, ich weiß, aber du hättest trotzdem mit ein paar anderen Pokémon antreten können, die… ich weiß nicht. Gegen die er wenigstens nicht gleich in der ersten Runde verloren hätte.«
Ash verschränkte auch die Arme und sah zu ihr hinüber: »Dann hätte er eben in der zweiten Runde verloren. Er hatte keine Chance.«
Sie seufzte, machte die Tür zu und ging vor, bis sie hinter den Sessel getreten war. »Manchmal glaube ich, es macht dir gar keinen Spaß mehr, zu kämpfen. Du tust es nur noch, um Lektionen zu erteilen.«
Ash brummte: »Und wenn es so ist. Das ist meine Arena und es werden wieder Trainer kommen, und mich herausfordern.«
Lucia fragte: »Ich nehme am großen Wettbewerb von Dahliastadt teil. Kommst du zusehen, oder muß ich wieder allein fahren?«
»Ich weiß nicht ob ich Zeit habe.« Ash sah die Dachluke an, wo gerade sein Staraptor zurückkam, und rief ihn in den Pokéball zurück. »Wer weiß, wann wieder jemand kommt.«
Die junge Frau grummelte: »Dann sperr deine Arena doch für eine Woche zu. Deine Mutter wird sich auch freuen, dich mal wieder zu sehen.«
Ash war ehrlich verwundert: »Meine Mutter kommt auch?«
Lucia stöhnte traurig: »Ja, Ash, ja. Sie war auch beim letzten Wettbewerb zuschauen, und meine Mutter auch. Ich habe es dir mittlerweile drei Mal gesagt. Tu mir doch den Gefallen und komm mit, ja? Ich trete auch mit Glaziola an, ich habe ihn gerade fertig trainiert.«
Ash erkundigte sich geistesabwesend: »Dein Evoli hat sich zu Glaziola weiter entwickelt?«
Lucia nickte und war wirklich den Tränen nahe. So oft hatte er sie schon ignoriert und links liegen gelassen, als wären ihre Anliegen vollkommen unwichtig. »Ja…« murmelte sie. »Vor drei Monaten schon. Ich glaube, für den Einstiegswettbewerb ist er nun gut genug. Mit Impoleon werde ich am Mega-Klasse-Wettbewerb teilnehmen.« Sie wandte sich ab. »Aber da es dich nicht interessiert werde ich allein fahren.« Rasch ging sie ein paar Schritte davon.
Ash Ketchum stand auf und folgte ihr. Leicht hielt er sie am Oberarm fest. »Lucia, warte. Entschuldige… unmittelbar nach den Kämpfen geht es mir wirklich immer am Schlechtesten. Ich behandle dich mies und du bleibst trotzdem bei mir. Es tut mir Leid. Ich werde mit dir kommen, und dir bei deinen Präsentationen zusehen.«
Sie drehte sich zu ihm um und zwinkerte einige Tränen weg. »Wirklich?«
Ash versprach: »Ja, wir…« er wurde unterbrochen.
Die Tür zu seiner Arena ging auf und jemand brüllte laut: »Wo ist der Arenaleiter Ash Ketchum? Ich fordere ihn heraus!« Es handelte sich um einen starken Mann mittleren Alters.
Ash wandte sich von Lucia ab und antwortete: »Hier bin ich.« Er ließ Lucia stehen und ging zu seinem Sessel zurück. Davor blieb er stehen.
Langsam erklärte er: »Meine Regeln. Jeder hat zwei Pokémon und wir kämpfen nacheinander. Wenn beide Pokémon eines Trainers nicht mehr kämpfen können, ist das Spiel entschieden. Wir brauchen keinen Schiedsrichter. Ein Computer beobachtet die Arena und wird alle Regeln überwachen.« Jetzt ließ er sich in seinen Sessel sinken und machte es sich bequem. »Sie können anfangen, wenn Sie wollen.«
Der fremde Herausforderer rief sein erstes Pokémon heraus. Es war ein Bisaflor, und es sah sehr, sehr kräftig aus. »Auf geht’s, mein Bester!« rief er.
Ash holte einen Pokéball von seinem Gürtel und warf ihn. Während er sich öffnete, sagte er mit ruhiger Stimme: »Magnayen.« Das wolfähnliche Unlicht-Pokémon kam aufs Feld.
»Rankenhieb!« befahl der Herausforderer mit aufgeregter Stimme.
Ash blieb kühl wie Eis und sagte: »Magnayen, Finsteraura.«
Lucia bekam nur mehr aus dem Augenwinkel mit, wie die Dunkelheit auf ihr Ziel zuschoß. Dann schloß sie die Tür und trat wieder ins Licht des hellen Tages. Erschöpft lehnte sie sich an der Wand neben der Tür an und sah in den Himmel. Ash hatte sich so sehr geändert und er wußte es nicht einmal. Oder vielleicht wußte er es, aber er reagierte nicht darauf.
Sie schluckte heftig und lief dann wieder ins Haus hinüber, das auf der anderen Seite des Hinterhofes der Arena stand. Von dort aus konnte man aufs Meer hinaus sehen. Aber sie interessierte sich nicht fürs Meer. Er hatte nicht einmal bemerkt, daß sie den kleinen, silbernen Ring, den er ihr einmal geschenkt hatte, nicht mehr trug. Dieser lag im Kasten und der winzige Diamantsplitter darin funkelte in einem Sonnenstrahl. Sie nahm ihn heraus und steckte ihn in ihre Handtasche. Langsam fuhr sie danach fort, ihren Koffer zu packen. Mittlerweile hatte sie so viel Accessoires für ihre Pokémon, die sie für die Wettbewerbe brauchte, daß sie einen eigenen Koffer dafür brauchte, der größer war als der für ihr Gewand.
Sie trug ihre beiden Gepäcksstücke zum Auto und legte die Pokébälle mit Impoleon und Glaziola in die Transportbox. Dabei fiel ihr wieder der Brief auf, der vor gut zwei Wochen gekommen war. Eine Einladung. Für sie und Ash. Er hatte sich das Stück Papier nicht einmal richtig angesehen.
Dabei stammte diese Einladung von Rocko, einem ihrer besten Freunde. Sie waren jahrelang gemeinsam durch die Welt gezogen, um alles über Pokémon zu lernen. Er war damals auch dabei gewesen, als es passiert war. Doch seither hatte sich einiges geändert, Rocko war seßhaft geworden und hatte seine Pokémon-Zucht aufgemacht. Sie lächelte. Rocko hatte genau die Frau gefunden, die zu ihm paßte. Sie war auch Züchterin.
Sie war auch auf dem Foto, das mit der Karte gekommen war, verewigt und Ash und Lucia waren damals, vor ungefähr zweieinhalb Jahren, auf der Hochzeit gewesen. Viel hatte sich inzwischen geändert und nun war hier die Einladung zur Babyparty. Lucia würde hinfahren, wenn der Wettbewerb vorbei war. Langsam kehrte sie zum Auto zurück, steckte den Schlüssel ins Zündschloß und wollte gerade den Motor starten, als sich die Beifahrertür öffnete und Ash zu ihr einstieg. »Du wolltest doch nicht allein fahren?«
Lucia nickte. »Du warst beschäftigt, und ich wollte dich nicht stören.«
Ash lächelte nicht, aber er sagte ruhig: »Ich möchte dich diesmal nicht allein fahren lassen, das habe ich schon viel zu oft gemacht. Das muß aufhören. Gibst du mir eine halbe Stunde, damit ich meinen Koffer packen kann?«
»Ja. Ich werde warten.« Lucia atmete tief durch. Sie hatte immer gewartet. Seit damals seit diese schlimme Sache passiert war, war sie Ash nicht mehr von der Seite gewichen, wie unangenehm es auch manchmal war. Sie war seine Freundin, und das bedeutete für sie, alles an seiner Seite durchzustehen. Nach wenigen Minuten kam Ash Ketchum wieder zum Auto zurück, er hatte alles versperrt und seine wichtigsten Pokémon mitgenommen. Es waren fünf, der sechste Ball, den er mit sich führte, war immer leer. Es war der von Pikachu.
Langsam fuhren sie los. Ihr letzter gemeinsamer Ausflug lag so lang zurück, daß sie sich nicht daran erinnern konnten, und das war schon schlimm genug.
Dahliastadt lag drüben am anderen Kontinent, aber mit der Autofähre war das kein großes Problem. Ash hingegen wollte dieses Stück Land gar nicht erst betreten, doch er riß sich zusammen, da er Lucia nicht wieder enttäuschen wollte. Dank seiner legeren Kleidung, Jeans, einem grauen Hemd und einer ärmellosen, braunen Jacke, kannte ihn keiner am Schiff.
All seine Markenzeichen hatte er in der Arena zurückgelassen, ebenso seine Orden. Er wollte wirklich versuchen, es zu genießen. Lucia stellte sich neben ihn an die Reling und ließ ihre beiden Pokémon aus den Bällen. Hier heroben am Oberdeck war genug Platz, um noch einmal das Notwendigste durchzugehen. Ash sah milde lächelnd zu. Er wußte, daß sie gute Chancen hatte, zu gewinnen. Noch war sie nicht die beste Koordinatorin der Welt geworden, aber sie strengte sich sehr an.
Zwei Tage später waren sie in Dahliastadt angekommen. Ihre Familien waren schon vor Ort und besonders Ashs Mutter freute sich sehr, ihren Sohn wieder zu sehen. Sie hatte ihn zwar einmal in seiner Arena besucht, hing aber sehr an ihrem Heimatdorf Alabastia und würde nie von dort wegziehen. Jetzt schloß sie ihren Sohn, der einen guten halben Kopf größer war als sie selbst, in die Arme.
»Du fehlst mir so.« sagte sie. »Komm mich doch öfters besuchen.«
Ash seufzte und murmelte: »Das kann ich noch nicht, Mutter, wer weiß ob ich das je wieder schaffe. So viele Erinnerungen hängen an Alabastia… ich ertrage das nicht. Bitte versteh mich doch, ich bin… es tut immer noch so sehr weh.«
Die ältere Frau nickte: »Das ist nicht schwer zu verstehen, Ash, mein Liebling. Es war eine sehr schwierige Situation, die niemand durchmachen sollte. Trotzdem kannst du uns nicht alle so hängen lassen. Auch Professor Eich würde sich wünschen, daß du einmal wieder kommst. Obwohl du all deine Pokémon mit zu dir, in deine Arena genommen hast. Er würde einfach einmal wieder gerne mit dir plaudern.«
Ash senkte den Kopf: »Ich werde es versuchen. Doch laß uns nun reingehen, Lucia hat sich schon angemeldet und ich möchte wissen, wann sie antritt.«
Kapitel 2 : Gerede und Gerüchte
Der Wettbewerb von Dahliastadt begann mit den ersten Runden. Hier fand nicht die größte Meisterschaft des Landes statt, aber die Schiedsrichter wollten technisch schwierige Aufgaben sehen. Zur Überraschung von Ash, seiner Mutter und Lucias Mutter schaffte es Lucia mit dem unerfahrenen Glaziola trotzdem, die zweite Runde zu erreichen. Sie zeigte eine fantastische Vorführung, in die sie selbst eingebunden war.
Auf ihrem blauen Kleid entstanden während der schönen Eis-Attacken, die Glaziola ausführte, winzige Eiszapfen, die silbern schillerten, und kleine Eiskristalle, in denen alle Farben des Regenbogens aufblitzten. Sie stand am Ende auf einer schönen Eisrose und wurde von allen bejubelt.
Allerdings wurde die zweite Runde weitaus schwerer. Glaziola mußte gegen ein sehr starkes Feuerpokémon antreten, das ihm ziemlich zu schaffen machte. Die Attacken prallten schön und gefährlich zugleich aufeinander.
Plötzlich war es vorbei. Glaziola war in einem Feuerwirbel gefangen und das machte dem noch jungen Pokémon schwer zu schaffen. Die wirbelnden Kreise aus Feuer schossen immer näher an Glaziola heran. Anscheinend war dieser Feuerwirbel etwas Spezielles, denn er hemmte nicht nur die Angriffsfähigkeit des Gegners, indem er ihn einschloß, sondern er war auch eine starke Attacke. Es gab kein Entkommen, der Wirbel schloß sich oben und bildete eine brennende Kuppel, die immer näher heranschoß.
Lucia erschrak, denn so etwas hatte sie noch nicht gesehen. Der andere Trainer lächelte, er hatte diese Art Attacke selbst entwickelt und lange trainiert. Glaziola konnte mit keinem Eisangriff durchbrechen, die Hitze schluckte es einfach. Der Käfig aus Feuer schloß sich enger. Und enger. Lucias Punkte rasselten schnell hinunter. Es war klar, daß sie verlieren würde und der andere Trainer rief den Feuerangriff zurück. In genau der Sekunde lief ein entsetzter Schrei durchs Publikum.
Die Attacke wurde nicht abgebrochen obwohl das Pokémon, ein Glurak, schon aufhörte, sich darauf zu konzentrieren. Das Feuergefängnis raste einfach weiter!
»Was passiert da!« rief Lucia.
Der andere Trainer keuchte: »Es ist außer Kontrolle! Das ist noch nie passiert!«
Lucia war verzweifelt: »Glaziola! Nein!«
In der nächsten Sekunde war das Feuergefängnis so klein geworden, daß sich das Pokémon kaum mehr bewegen konnte und hilflos nach seiner Trainerin rief. Alle waren starr vor Schreck, und noch größer war das Entsetzen, als sich eine Gestalt mit einem mächtigen Sprung mitten in das lodernde Feuer warf, durch die Flammenwände sprang und auf der anderen Seite langsam ausrollte. Stille breitete sich aus.
Einige Stellen an der Kleidung von Ash rauchten und die Flammen hatten ihre Spuren auf dem Stoff hinterlassen. Aber er richtete sich trotzdem auf und setzte Glaziola ab. Er hatte das Pokémon fest in den Armen gehabt und es so vor dem Feuer geschützt.
Jubel begann im Publikum, jeder stand auf und applaudierte. Nicht wenige Leute kannten seinen Namen und riefen ihm Lob zu. Ash nahm diesen Jubel allerdings nicht an. Er drehte sich zu Lucia um und sagte leise zu ihr: »Ruf Glaziola in den Ball zurück und geh mit ihm zum Pokémoncenter. Er muß untersucht werden.«
Lucia nickte, und die Juroren gaben auch gleich ihr Einverständnis. Lucia hatte den Wettbewerb verloren, und sie mußte ihr Pokémon versorgen. Sie lief rasch zum Ausgang. Daher bekam sie nicht mehr mit, wie sich Ash mit fast aufgebrachter Stimmlage an das Publikum wandte.
»Freut euch doch nicht wegen so etwas!« rief er. »Das ist nicht zum Jubeln, diese Sache hätte genau so gut schlecht ausgehen können! Was wäre passiert, wenn niemand eingegriffen hätte? Habt ihr euch das einmal überlegt?«
Stille breitete sich aus. Die Leute sahen einander betroffen an. Tatsächlich hatte kaum einer daran gedacht. Es war unvorstellbar.
Ash sagte abschließend: »Ich gehe auf meinen Platz zurück. Ich glaube, man kann mit dem Wettbewerb fortfahren.« Langsam verließ er die Bühne.
Während er durch die Reihen wieder zu seinem Sitzplatz neben seiner Mutter ging, betrachteten ihn alle mit neugierigen, aber auch scheuen Blicken. Er war vorhin einfach mit einem gewaltigen Sprung über die Brüstung vor ihm gehechtet. Da er in der ersten Reihe saß war das kein Problem gewesen, aber nun zwängte er sich an einigen Leuten vorbei.
Kurz bevor er sein Ziel erreichte, hielt ihn eine ältere Frau am Handgelenk fest. Sie sagte: »Ich war damals dabei. Ich weiß, was dir passiert ist.«
Ash sah sie verständnislos an. »Was meinen Sie?« er hatte es nur seinen allerbesten Freunden erzählt, und sonst niemandem.
Die Alte flüsterte: »Ich habe es beobachtet. Aber das sage ich dir nicht hier. Triff mich wenn es dich interessiert, nach der Show auf der Parkbank vor der Wettbewerbshalle. Ich werde eine halbe Stunde lang warten und die Taubsi füttern.«
Ash schüttelte verwirrt den Kopf und setzte sich auf seinen Platz. Zuerst versuchte er noch, die Gedanken von den seltsamen Worten zu verdrängen. Er wollte sich auf den Wettbewerb konzentrieren, doch das wollte ihm nicht gelingen. Obwohl er sich fest vorgenommen hatte, gleich nach dem Ende des Wettbewerbs zu Lucia zu gehen, konnte er das Versprechen nicht einhalten. Er mußte herausfinden, was die Frau gemeint hatte.
Er bat Lucias Mutter: »Kannst du ihr ausrichten, daß ich noch schnell etwas erledigen muß, ich werde mich beeilen. Es tut mir Leid.«
Lucias Mutter fragte: »Die Dame, die dich kurz aufgehalten hat, hat irgendetwas zu dir gesagt, oder? Du willst das sicher näher herausfinden. Lauf schon.«
Ash Ketchum nickte und sah zu, daß er schnell zu der besagten Parkbank kam.
Die alte Frau saß dort, und winkte ihm freundlich zu. »Also bist du doch gekommen. Mich wundert es eigentlich, daß ich dich erst jetzt sehe. Ich habe dir sogar zwei Briefe geschrieben, weil ich dir das erzählen wollte. Telefonnummer hatte ich keine.«
Ash antwortete: »Tut mir Leid. Wir geben niemandem meine Telefonnummer. Außerdem sehe ich mir die Fanpost nie durch. Es ist einfach zu viel. Wer mich sehen möchte, muß zu meiner Arena kommen.«
Die Frau seufzte: »Das wußte ich nicht. Ich dachte, da ich keine Antwort auf die Briefe bekam, daß es dich nicht interessiert oder du mir nicht glaubst. Ich habe aufgehört zu schreiben, und es ist das erste Mal daß ich dich persönlich wiedersehe, Ash Ketchum.«
Der Pokémon-Meister nickte: »Das kann gut sein, ich verlasse meine Arena nicht oft, weil viele kommen, um mich herauszufordern. Was war aber nun so wichtig?«
»Oh, ja, richtig, Entschuldigung. Nun, wie gesagt, ich war damals dabei, ich war eine Obstverkäuferin am Markt, der hinter dem Pokémoncenter am Hauptplatz stattgefunden hat. Ich weiß es noch wie heute. Aus Unachtsamkeit war mir eine Orange hinuntergefallen und davon gerollt. Natürlich wollte ich sie aufheben, und bin ihr daher nachgelaufen, bis zur Hauptstraße nach vor. Da habe ich gesehen, daß du mit deinem Pikachu vorne hinein gelaufen bist. Es sah sehr krank aus, und dein Blick war besorgt. Daher habe ich es mir gemerkt.«
Ash nickte grimmig: »Ja. Ich habe damals aber nichts rund um mich mitbekommen. Ich hatte nicht einmal begriffen, daß ich trotz allem gewonnen, und den Orden erhalten habe. Das fiel mir erst viel später auf.«
Die Frau fuhr fort: »Es hat mich betroffen gemacht, wie verzweifelt du ausgesehen hast, aber ich konnte dir natürlich nicht helfen. Das mußte Schwester Joy machen. Dann war aber etwas seltsam.
Ich habe dir ja gesagt, ich war hinter dem Pokémoncenter am Markt. Da stand, als ich mit der Orange zu meinem Stand zurückkam, ein kleiner Lastwagen, dicht neben dem Pokémoncenter. Kaum fünf Minuten später wurde ein Pikachu, das deinem wirklich sehr ähnlich sah, in einem Glascontainer aus dem Pokémoncenter gebracht und in den Wagen geladen. Ich dachte zunächst, daß es in ein anderes Spital verlegt wird, aber du warst nicht dabei. Als der Wagen wegfuhr, löste sich ein weißer Aufkleber von seiner Seite, mit dem man eine Beschriftung überdeckt hatte. Man erkannte deutlich die Buchstaben RR.«
Ash war aufgesprungen: »Was? Ein Pikachu wurde aus dem Pokémoncenter gebracht? Könnte das mein…«
Die Frau zuckte mit den Schultern: »Ich weiß es nicht. Vielleicht hatten sie noch eines in dem Center, von dem du natürlich nichts wußtest, weil Schwester Joy über fremde Pokémon keine Auskunft gibt. Ich habe auch angenommen, daß du über alles informiert warst, und es dich nicht interessiert, nachdem du nie geantwortet hast.«
Ash rief: »Natürlich interessiert es mich! Doppel-R, haben Sie gesagt? Was bedeutet das?«
Die Frau seufzte: »Das weiß ich leider nicht. Aber Gerüchte, die sich unter Marktleuten recht schnell verbreiten, sagen, daß es eine Abkürzung ist, und zwar für Rocket Revolution. Was genau das ist, weiß niemand. Es tut mir Leid, daß ich dir nicht mehr helfen kann.«
»Ich hätte nie gedacht, daß mir einmal jemand so etwas erzählt.« sagte Ash dankbar und wäre der Frau am liebsten um den Hals gefallen. Doch er tat es nicht, sondern verabschiedete sich rasch und lief auf das Pokémoncenter zu.
Dort traf er mit Lucia und den Müttern zusammen, denen er sofort erzählte, was er erfahren hatte. Alle drei waren sofort Feuer und Flamme für den Vorschlag, daß Ash zum Pokémoncenter am Nebelsee fahren wollte, um sich genauer zu erkundigen, ob damals noch ein zweites Pikachu dort gewesen war.
Lucia wollte ihn sofort begleiten: »Ich verzichte auf den Antritt mit Impoleon. Dein Anliegen ist wichtiger. Wir fahren zum Nebelsee. Dafür mußt du mir aber versprechen, daß wir auf dem Rückweg nach Hause bei Rocko und Marie vorbei schauen.«
Ash war begeistert: »Ja, genau so werden wir es machen. Laß uns sofort losfahren.«
Die beiden Mütter hatten gar nichts dagegen, daß ihre Kinder so schnell wieder aufbrachen. Schließlich ging es um etwas Wichtiges und Ash war seit Jahren nicht mehr so aufgeregt gewesen. Egal was diese Reise bringen würde, sie würde ihm vielleicht ein bißchen dabei helfen, diese schwere Geschichte zu verstehen.
Nur wenige Minuten später saßen sie wieder im Auto und waren auf dem Weg zum Flughafen. Die Strecke bis zum Nebelsee war viel zu weit um sie zu fahren. Ash und Lucia waren müde von der langen Reise und der Aufregung, als sie endlich im besagten Pokémoncenter ankamen. Es war spät geworden, aber trotzdem hatte es seine Pforten noch nicht geschlossen. Viele junge Trainer gingen ein und aus. Schwester Joy saß hinter ihrem Tresen und war eher entsetzt als froh, Ash wieder zu sehen. Sie fühlte sich noch immer an allem schuldig, denn es war ihre Pflicht, kranke Pokémon zu heilen. Und wenn sie das nicht schaffte, dann litt sie genau so darunter wie der Trainer.
»Wie kann ich dir helfen?« fragte sie daher ein wenig schüchtern.
Ash sagte: »Keine Sorge, ich bin dir nicht böse, Joy. Doch gestatte mir eine Frage, sie ist sehr wichtig. Es tut mir Leid, daß ich erst jetzt deswegen zu dir komme, ich wußte es vorher einfach nicht.«
Die Pokémon-Ärztin nickte, und hörte zu, wie Ash die Geschichte noch einmal erzählte. Schwester Joy hörte aufmerksam zu und schien schon nebenbei nachzudenken. Lucia war ebenso gespannt wie ihr Freund, als er geendet hatte und sie auf die Antwort warteten.
Joy begann: »Ich werde sicherheitshalber im Computer nachsehen. Aber ich bin mir fast komplett sicher, daß an diesem Tag nur ein Pikachu mein Patient war. Ich glaube sogar, in der ganzen Woche warst nur du mit einem Pikachu da.«
Sie suchte im Archiv und las etwas, das am Bildschirm erschienen war. Dann nickte sie und drehte den Computer so, daß auch Ash und Lucia es sehen konnten. »Nur ein einziges Pikachu. In der ganzen Woche. Und dieses eine, das war deines. Es ist… es ist auch das erste Pokémon, daß es in diesem Center nicht geschafft hat. Daher habe ich es mir doppelt gut gemerkt. Das war so schrecklich.«
Ash fragte mit zittriger Stimme nach: »Was ist mit Pikachu passiert, nachdem ich den Raum verlassen habe? Wo kommen Pokémon hin, wenn sie… sterben?« Lucia legte ihm eine Hand auf die Schulter, und versuchte so, ihn zu trösten.
Schwester Joy erklärte: »Das ist nicht ganz klar, und auch wenig erforscht. Manche glauben, ihre Energie verschwindet, und genau so als würde man sie in einen Pokéball rufen, nur kommen sie an einen unbekannten Ort, oder sie werden an irgendeiner Stelle des Landes als Ei wieder geboren. Ich habe noch nie ein Pokémon verloren, und es gibt nur ganz wenige andere Pokémoncenter, in denen so etwas passiert ist. Es ist viel zu wenig darüber bekannt. Damals war es so, daß du herausgelaufen kamst und ich ja draußen vor der Tür gewartet habe. Als ich dann hinein ging, war es schon vorbei, das Pikachu war verschwunden.«
Lucia nickte betrübt und fragte anstelle von Ash: »Und was sagt dir der Lastwagen?«
»Gar nichts, da muß ich mich entschuldigen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch zwei andere schwierige Fälle und nach der Erstversorgung von Pikachu mußte ich mich um diese beiden kümmern, ehe ich wieder zu ihm zurückkehrte. Es ging ihm schon während der ersten Versorgung besser, so daß ich mir sicher war ich könnte kurz zu den anderen schauen. Als ich dann aber wieder kam, war es viel schlechter geworden, und dann habe ich auch schon Ash ins Zimmer gerufen.«
Ash flüsterte: »Es gab also eine Zeit, wo Pikachu allein war? Du hast ihn allein gelassen?«
Joy schüttelte energisch den Kopf: »Aber nein, Chaneira war die ganze Zeit bei ihm, und hat aufgepaßt.«
Lucia griff ein: »Natürlich mußte sich Schwester Joy um die anderen Pokémon kümmern, Ash. Das kannst du ihr nicht vorwerfen.« Sie wandte sich an die Ärztin: »Sagt dir die Abkürzung RR etwas? Oder Rocket Revolution?«
Joy überlegte: »Nicht wirklich, aber ich glaube, daß sich diese Gruppe Leute irgendwie von Team Rocket ableitet, zumindest sagt man das. Sie sind aber nur sehr selten in Erscheinung getreten, wie Geister. Vielleicht ist das alles nur ein erfundenes Gerücht.«
Ash ballte die Hände zu Fäusten und knurrte: »Team Rocket also. Die haben etwas damit zu tun, dann werde ich die auch fragen! Die können was erleben!«
Lucia versuchte zu vermitteln: »Aber du findest sie doch gar nicht. Außerdem hast du versprochen, daß wir zu Rocko fahren.«
Ash nickte. »Ja. Wir fahren zu Rocko und Marie. Vielleicht hat einer von ihnen noch eine Idee, wo ich jemanden von Team Rocket auftreibe, den ich fragen kann.«
Sie verabschiedeten sich von Joy und brachen sofort auf. Sie würden abwechselnd im Auto schlafen können, wenn sie müde waren.
Kapitel 3 : Ein neues Leben
Er rannte so schnell wie möglich den Gang entlang und benutzte die Krallen, um die Kurven zu schaffen. Auf dem glatten Boden wäre er bei der Geschwindigkeit sonst weg gerutscht. Das Gebäude war ziemlich groß und er hatte nicht viel Zeit, um die Person zu finden. Schnell näherte er sich der großen Eichentür des Hauptbüros und hörte nicht auf die erschrockenen Worte eines Sicherheitsbeamten, der versuchte, ihm den Weg ab zu schneiden. Mauzi ließ sich aber nicht aufhalten, und rannte durch die Tür in das Büro des Bankmanagers.
Der Bankmanager war ein eher dicklicher Mann mittleren Alters, der ein deutlich erkennbares Toupet trug. Sein großer Schreibtisch prangte vor einem reich verzierten Fenster.
Das war aber nicht sein Ziel. Mauzis Ziel befand sich weiter rechts; nämlich der große Aktenschrank. Davor stand, auf einer kleinen Leiter, eine Frau in einem blauen Kostümkleid mit Blazer. Sie hatte ihre roten Haare zu einem gepflegten, kleinen Knoten hochgesteckt und versuchte, gefährlich wankend, ganz oben eine Akte hinein zu legen. Mauzi war sich vollends bewußt, daß sie sich nur so ungeschickt stellte, denn Schauspielern konnte sie sehr gut. Sie wollte so die Aufmerksamkeit des Bankmanagers auf sich ziehen. Jetzt aber erschrak sie aber wirklich und drehte sich rasch zu dem Neuankömmling um.
»Mauzi?« rief Jessie verwirrt aus und hielt sich jetzt doch am Handlauf der Leiter fest. Sie hatte das Pokémon seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen und jetzt tauchte es plötzlich hier auf. »Was willst du hier?«
Der Bankmanager fragte auch: »Ja, was will dieses Pokémon hier herinnen. Ich mag kein Ungeziefer. Mrs. Theodorakis, was hat das zu bedeuten, kennen Sie dieses Wesen etwa?«
Jessie richtete sich groß auf und erklärte: »Ich habe es nie zuvor gesehen. Aber ich sehe es als meine Pflicht an, es so rasch wie möglich aus Ihrem Büro zu entfernen.«
Der Manager nickte wohlwollend: »Ja, tun Sie das, Mrs. Theodorakis. Sie machen sich dadurch bei mir sehr verdient.«
Mauzi war starr vor Schrecken. Er hatte in den letzten Sekunden so viel erfahren wie er nie gedacht hätte. Jessie war verheiratet? Sie war kalt wie Eis, das war nichts neues, aber sie schien wirklich noch härter geworden zu sein als früher. Da hatten sie sich jahrelang nicht gesehen und sie zeigte nicht den geringsten Anflug von Freude. Mauzi hingegen hatte Tränen in den Augen, weil er sich freute, sie zu treffen. Warum war er eigentlich nicht früher hergekommen und hatte sie einmal besucht?
Jetzt packte Jessie ihn am Kragen und marschierte mit heftigen Schritten nach draußen. Nach einigen Minuten, in denen das Pokémon beim Gehen ordentlich durchgerüttelt worden war, wurde Mauzi in der Hintergasse der Bank abgesetzt, irgendwo zwischen den Mülltonnen, wo es ausgenommen unangenehm roch.
Jessie richtete sich wieder auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Was willst du denn hier? Du wirst mir noch alles zerstören. Verschwinde wieder. Und zwar schnell.«
Mauzi fragte mit sehr brüchiger Stimme: »Was zerstören?«
Jessie fauchte leise: »Ich bin jetzt schon seine Privatsekretärin, kapierst du? Nach Andeutungen holt er mich bald als seine persönliche Assistentin in den Vorstand, und dann weiter hinauf. Ich kann jetzt keine Ablenkungen gebrauchen.«
Mauzi war noch immer verstört: »Du hast für das alles einen Plan? Und noch was, wann hast du denn geheiratet? Wieso hast du mir nie was davon erzählt?«
Es war nicht klar, was Jessie im ersten Moment dachte, denn ihr Gesichtsausdruck wirkte eher erschrocken und verletzt, dann aber schüttelte sie den Kopf und erklärte: »Nun, gar nicht. Das ist eine erfundene Geschichte, um mich seriöser wirken zu lassen. Außerdem lebt mein „Ehemann“ nicht mehr, er kam bei einem tragischen Unfall ums Leben…« sie schluchzte gekünstelt. »Das macht Eindruck auf Personalchefs. Aber jetzt genug, sonst schöpfen sie Verdacht. Ich habe nicht umsonst vier Jahre lang an dieser Karriere gebastelt. Vielleicht gehört die Bank in zwei Jahren mir.«
Mauzi stotterte: »Aber… aber ich komme wegen einem Auftrag von Team Rocket, besser gesagt direkt von unserem Boss.«
»Das interessiert mich schon lange nicht mehr, ich bin nicht mehr beim Team Rocket und du bist nur noch dabei, weil du besser zu Kreuze kriechen konntest als ich.«
Mauzi murmelte schüchtern: »Du bist aber noch dabei, weil ich von meinem Gehalt deinen Mitgliedsbeitrag gezahlt habe. Und den von… James auch.«
Jessie erstarrte, als sie den Namen hörte. Dann lief sie rot an und brüllte: »Wieso hast du das gemacht! Wir haben unser Team vor vier Jahren aufgelöst, und ich wollte endlich mal auf der Gewinnerseite spielen. Hier ist meine Chance. Und jetzt das? Ich erfahre, daß ich noch beim Team Rocket bin, und daß der Boss anscheinend Befehle für uns hat. Und ich weiß ja wie häßlich es werden kann, wenn ich das nicht mache! Dann kann ich meine Karriere vergessen. Und meine harte Arbeit ist vollkommen umsonst gewesen.«
Mauzi nickte beschämt: »Ja, aber das ist ein wirklich großer Auftrag, ich habe die ganze Zeit nur Klinken geputzt und die miesesten Jobs erledigt. Und jetzt kriegen wir den…«
Jessie unterbrach ihn: »Schluß, kein Wort mehr. Das ist dein Problem. Ach, wieso mußtest du mich da mit hinein ziehen. Wie kam der Boss eigentlich auf dich?«
Mauzi flüsterte: »Weil ich am längsten hinter diesem Ash Ketchum hergerannt bin. Besser gesagt wir alle, bevor wir das Team aufgelöst haben. Es ist irgendetwas mit ihm, und das sollen wir überprüfen. Dieser Ash hat angefangen nach etwas zu suchen, und der Boss will Informationen.«
Jessie seufzte: »Oh je, ich denke, bei all den Fehlschlägen sind wir wirklich die Experten auf diesem Gebiet. Und mal sehen, vielleicht bringt dieser Job meiner Karriere doch einen Schub, schließlich ist der Boss einer der größten Finanzmagnaten der Welt. Wenn ich ihn kenne oder einen Brief von ihm habe, dann macht mich das im Handumdrehen zu einem der Vorstandsmitglieder.« Sie lachte leise. »Na gut, ich werde hinein gehen und um Urlaub ansuchen. So lang kann das ja nicht dauern. Warte hier.«
Mauzi hielt sie auf und erklärte: »Und wir holen nachher noch James ab.«
Jessie sagte: »Wir werden sehen, und jetzt sei still und warte.«
Wenige Minuten später kam sie wieder heraus und hatte diesmal ihren Mantel an. »Na komm, Mauzi. Ich habe meinem Chef gesagt, ich müßte dringend auf Nervenurlaub, weil mich dein Auftauchen so sehr mitgenommen hat. Er hat ihn mir gleich gewährt, denn er war selbst sehr erschrocken. Also, dann laß uns gehen.«
Mauzi fragte: »Und schauen, was James macht?«
Jessie nickte vage. »Und schauen, was James macht.«
Ash und Lucia waren todmüde, als sie schließlich vor Rockos Haus in Marmoria City standen. Sie wußten gar nicht mehr, wie lange sie schon im Auto unterwegs gewesen waren. Es war bestimmt mehr als ein ganzer Tag gewesen, vielleicht eineinhalb. Marie, Rockos Frau, hatte ihre blauen Haare zu einem Rosschweif zusammengefaßt und schüttelte ungläubig den Kopf, als sie den beiden die Tür geöffnete hatte.
Gleich darauf erschien Rocko mit zwei Tassen beruhigendem Tee. »Hallo, und willkommen. Egal was euch passiert ist, ihr setzt euch jetzt einmal hin und trinkt den Tee. Dann rafft ihr mir alles kurz zusammen, und nachher legt ihr euch erst mal schlafen.«
Ash nickte müde und Lucia war fast dankbar für diese klaren Anweisungen. Sie schlief schon auf dem Wohnzimmersofa ein und Marie deckte sie vorsichtig zu. Ash erzählte zwar alles, aber er blieb dabei sehr leise und verzichtete auch auf die nachfolgende Diskussion. Er war ebenfalls sehr müde, fast so, als hätte er seit drei Jahren nicht mehr richtig geschlafen.
Rocko ließ die beiden ausschlafen und beriet sich stattdessen mit seiner Frau. Beide stürzten sich sofort in die Arbeit und versuchten so viel wie möglich über den Begriff Rocket Revolution heraus zu finden. Allerdings war nicht viel zu finden. Alles was klar wurde war, daß dieses RR etwas mit dem altbekannten und unverwüstlichen Team Rocket zu tun hatte, mit dem die drei Freunde lange Bekanntschaft gemacht hatten.
Als Ash aufwachte, ging Rocko zu ihm hinauf ins Zimmer und sagte ihm gleich die neuesten Erkenntnisse: »Das ist wirklich eine Geheimorganisation. Ich denke, daß nur Leute vom Team Rocket mehr darüber wissen könnten. Ich habe außerdem für euch herausgefunden, daß James vom Team Rocket wieder nach Hause zurückgegangen ist. Wo die anderen sind, weiß ich nicht. Möglicherweise kannst du ihn fragen, ob er etwas weiß. Ich kann nichts garantieren, aber das ist das einzige, was ich dir raten kann.«
Ash war dankbar: »Ich werde es so machen, und Lucia bitten, mit zu kommen. Jetzt aber genug von meinen Problemen, laß mich deine kleine Tochter anschauen, und nachher die neuesten Pokémon, die du gezue;chtet hast. übrigens habe ich das Magnayen, das du gezue;chtet hast hier, ich möchte es dir gerne wieder einmal zeigen.«
Sie machten sich auf den Weg und Lucia stieß vor dem Kinderzimmer zu ihnen. Das Baby war sehr süß und schlief fest, sie wollten es im Moment nicht aufwecken. Beim Tür zumachen wachte die kleine Ivy aber doch auf und Marie nahm sie auf den Arm und trug sie mit hinüber zu den Pokémon. Viele Eier befanden sich in einem geschützten Haus, jedes hatte einen Spitz-Namen, und die genaue Bezeichnung, wann und wo es gefunden worden war. Bei einigen stand sogar dabei, was sich vermutlich in ihrem Inneren befand.
Draußen, in einem abgezäunten Bereich mit vielen Spiel und Kuschelmöglichkeiten, tollten die Babypokémon herum. Eines nach dem anderen kam hergelaufen und sie begrüßten Rocko und Marie hoch erfreut.
»Schau mal.« sagte Rocko plötzlich und zeigte auf ein ausgewachsenes Plaudagei, das herangeflogen kam und gleich zu einem Baby-Plaudagei hinhüpfte. »Plaudagei.« begann es mit dem kleinen zu sprechen. »Pauaei.« antwortete das Baby. »Plau-da-gei.« verbesserte das ältere Pokémon kopfschüttelnd.
Marie erklärte: »Das ist seine Mutter, sie ist auch bei uns groß geworden, und gehört einem Jungen aus der Nachbarschaft. Der Junge läßt sie zwei Mal am Tag zu uns fliegen damit sie ihrem Nachwuchs sprechen beibringen kann. Von den jungen Pokémon, die wir als Eier im Wald gefunden haben, kommen uns auch hin und wieder die Eltern besuchen. Sie wissen aber, daß es ihren Kleinen hier gut geht. Wenn die Pokémon wollen, könnten sie jederzeit von hier weggehen. Aber die meisten bleiben und gewöhnen sich sehr schnell an ihre Trainer.«
Rocko fügte hinzu: »Viele junge Trainer besuchen uns schon lange, bevor sie selbst ein Pokémon haben dürfen, und spielen mit den kleinen. Meist nehmen sie dann ihren Liebling auf ihre Pokémonreise mit, oder halten ihn einfach als Haustier, ohne mit ihm zu kämpfen oder in Wettbewerben anzutreten.«
Lucia lobte: »Ihr habt hier ein schönes Paradies geschaffen. Ihr könnt sehr stolz auf euch sein. Damit sind eure Träume in Erfüllung gegangen.«
Rocko und Marie nickten gemeinsam. Rocko fügte an: »Daher kann ich hier auch nicht weg, so gern ich dir auch helfen würde, Ash. Meine Tochter ist noch zu klein und hier sind viele Pokémon zu versorgen.«
Marie sagte: »Es tut mir so leid, ich weiß daß Rocko dein bester Freund ist, Ash. Wir werden von hier aus alles versuchen, um dir zu helfen. Sobald wir etwas herausfinden, was dieses Rocket Revolution betrifft, lassen wir es dich wissen. Wir kennen auch viele Leute, die wir fragen können.«
Ash bedankte sich: »Das ist mehr, als ich verlangen kann. Wir werden losfahren um James vom Team Rocket zu suchen, denn Jessie finden wir sicher schwerer.«
Marie winkte kurz: »Dieser James wird euch nicht weglaufen, wenn er das bisher nicht getan hat. Ich möchte, daß ihr noch zum Essen bleibt. Damit ihr wenigstens was im Magen habt, bevor ihr weiter reist.«
»Gut, angenommen.« sagte Lucia für beide. »Ich weiß doch, wie gut Rocko kocht.« Sie begannen zu lachen und alle hatten das Gefühl, daß auch Ash wieder richtig mit dabei war.
Jessie und Mauzi lagen auf der Lauer in einem Baum am Rande des Haupt-Anwesens von James’ Familie. Sie sahen mit Feldstechern über die Mauer und hatten James auch schon gesehen. Er saß in einem Liegestuhl neben dem riesigen Pool, hatte einen Strohhut auf und lässige Kleidung an;eine Bermuda und ein Hawaii-Hemd. Er trug eine rechteckige Brille auf der Nase, hatte sich einen Schnurrbart wachsen lassen, und studierte interessiert in ein altes Buch oder ein Album.
»James hat eine Brille und einen Bart?« wunderte sich Mauzi halblaut. »Wie seltsam.«
Jessie hielt dem Pokémon den Mund zu. »Paß auf, da ist sein Fukano, das könnte dich hören.« Tatsächlich kam das Hunde-Pokémon angelaufen.
Aber es war nicht allein, und das schien es nicht sehr zu freuen. Ein kleiner Junge, von vielleicht drei Jahren, saß auf seinem Rücken und amüsierte sich köstlich beim Reiten. Der Junge trug vornehme, aber bequeme Kleidung, hatte blauviolette Haare, und zog das Pokémon an den Ohren. Rasch näherte sich Fukano dem lesenden James und bremste scharf neben ihm. Jammernd begann Fukano zu winseln.
James sah von dem Lesestoff auf und blickte nur kurz auf den Jungen hinüber. Er schien etwas zu ihm zu sagen, denn der Kleine stieg vom Rücken des Pokémon und sah beschämt auf den Boden. Dann setzte sich der Junge auf die Kante des Liegestuhls und sah nach, was James las. Dieser begann ihm anscheinend den Inhalt zu erklären.
Mauzi murmelte: »James hat auch einen Sohn? Das heißt er hat wirklich Jessebell geheiratet, und ist jetzt der Erbe von dem ganzen Vermögen, und nachher der Kleine da. Daß er uns gar nichts deswegen gesagt hat? Also er hätte uns wenigstens zur Hochzeit einladen können. Da hätte es sicher was Tolles zu Essen gegeben.«
Jessie ließ das Fernglas sinken und die Bewegung machte Mauzi aufmerksam. Es sah zur Seite und merkte, daß eine einzelne Träne über ihre Wange rollte und auf den Ast unter ihnen tropfte. Sie sah sehr traurig aus, aber erklärte nicht, warum, und wischte sich rasch übers Gesicht. Tonlos brummte sie: »Ach diese Mücken… sie fliegen einem immer genau dann in die Augen wenn es interessant wird. Aber wir haben genug gesehen, denke ich. James wird sich gar nicht mehr für die Belange von Team Rocket interessieren. Da können wir nichts machen. Wir sollten gehen, und es ohne ihn herausfinden.«
Mauzi seufzte und stimmte ihr zu: »Ja, er hat jetzt alles, was man sich wünschen kann. Da trennt er sich nicht mehr davon. Würde ich auch nicht machen.«
Die beiden kletterten aus dem Baum und gingen zum Motorrad zurück. Jessie sagte: »Gut, dann… sehen wir uns mal bei der Arena von Ash um. Bestimmt gibt es dort Hinweise.« Sie sah noch einmal zurück zum Anwesen, und seufzte. Sie hatte ihre alte Team Rocket Uniform wieder angezogen, und obwohl ihre Haare mittlerweile etwas kürzer waren, hatte sie sich bis zu dem Moment recht wohl darin gefühlt. Aber jetzt, da sie ihn wieder gesehen hatte, war es irgendwie seltsam. Genug jetzt! Es reichte. Sie wollte diesen Job schnell abschließen und wieder in ihre Bank zurück. Sie gab heftig Gas und fuhr los.
Die Tür flog krachend, aber in nobler Geschwindigkeit auf. »Master James, hier wäre Besuch für Sie.« sagte Hopkins, der Butler. Er war schon älter geworden und benutzte noch immer das Megafon. Daher klang er sehr laut. In dem Fall war das auch gut so, denn James saß am anderen Ende des langen Tisches. Der kleine Junge war, noch im Schlafanzug, neben ihm und verschüttete vor Schreck, daß der Butler plötzlich hereingekommen war, seinen Kakao über sich. Das Getränk war sicherlich nicht mehr heiß gewesen, aber das Entsetzen war groß genug, daß der Kleine in Weinen ausbrach.
James seufzte: »Oh je. Das machen wir am Besten gleich sauber. Hopkins, die Gäste können herein kommen. Es ist egal ob es früh ist.«
Er nahm eine Serviette und wischte dem kleinen Jungen erst einmal das Gesicht ab, um die Tränen zu trocknen. Währenddessen traten die Gäste ein. »Setzt euch, und nehmt euch etwas zu essen, wenn ihr wollt. Es ist genug da.« sagte James abwesend und wandte sich nochmals an das kleine Kind: »So Kaori, jetzt lauf zu Margerite und bitte sie, dir ein Bad ein zu lassen, und dir dein Gewand herzurichten. Zieh dich dann an und wir treffen uns drüben bei den Ställen. Wir wollten doch heute den Ausflug zum Kletterberg machen.«
Kaori nickte eifrig und lief weg, sah die Gäste aber neugierig an. »Sagst du mir dann nachher, wer das ist?« fragte er.
James brummte: »Vielleicht.« Und sah sich die Gäste einmal selbst an. Er erschrak ein bißchen. »Ihr zwei? Die Knirpse? Nein, ich meine… Ash und Lucia. Was wollt ihr denn hier? Ich habe seit Jahren keinen von euch gesehen, außer hin und wieder im Fernsehen.«
Ash begann: »Wir wollten nur etwas fragen. Weißt du vielleicht etwas über Rocket Revolution? Was könnte das sein? Es ist wirklich wichtig.«
James überlegte und sagte dann: »Ich bin schon ganze vier Jahre nicht mehr bei Team Rocket dabei. Aber ich glaube ich kann mich erinnern, daß im Hauptquartier einmal diese Worte gefallen sind. Mit Team Rocket selbst hat das aber wenig zu tun.« Er räusperte sich. »Außerdem… wo ich dich einmal sehe, Ash. Ich habe davon gehört, was deinem Pikachu passiert ist. Das… ehm, das tut mir Leid für dich. Wir haben so lange versucht, es zu stehlen, daß… nun ja, ich es auch irgendwie mochte. Vielleicht habe ich zu dem Zeitpunkt erst richtig begriffen, daß es vorbei ist, und ich nicht mehr zu Team Rocket gehöre.«
Lucia senkte den Kopf: »Danke für die Anteilnahme. Aber… dein Sohn muß doch so um die drei Jahre alt sein. Ist nicht eher er der Grund?« Sie lächelte verhalten, weil sie sich irgendwie für die Frage schämte. »Das kommt doch fast an… vier Jahre heran, oder?«
Ash fragte rasch: »Du hast also wirklich diese Jessebell geheiratet? Und jetzt bist du reich, und schon vier Jahre lang nicht mehr bei Team Rocket? Ich habe so sehr gehofft, daß du uns mehr Informationen geben könntest. Denn ich habe die vage Hoffnung, daß Pikachu noch leben könnte, und daß dieses Rocket Revolution etwas damit zu tun hat.«
James sah zuerst etwas schockiert von einem zum anderen, dann hob er abwehrend die Hände: »Nein, gute Güte, nein! Ich habe Jessebell nicht geheiratet, das wäre das letzte gewesen, was mir freiwillig eingefallen wäre! Kaori ist auch nicht mein Sohn. Eigentlich gesehen bin ich gar nicht mit ihm verwandt, aber er ist der Erbe dieses Vermögens.«
»Versteh ich nicht.« gab Lucia zu. »Erklärst du’s mir?«
James deutete zu den Sesseln am Tisch und sie setzten sich hin. Rasch war Tee eingeschenkt und der ältere Mann begann zu rekapitulieren: »Als sich unser Team aufgelöst hat, ich meine… das von Jessie, Mauzi und mir, das war… nun, keine angenehme Situation. Ich bin wieder hierher zurück gekommen und natürlich wollten mich meine Eltern sofort zwingen, zu heiraten. Aber ich hatte einen anderen Vorschlag, und zu meinem großen Glück haben sie ihn akzeptiert. Ihr wißt gar nicht, wie froh ich darüber bin. Das lag aber auch daran, daß Jessebell in diesem Fall auf meiner Seite war, so schräg sich das anhört.
Ich habe zugestimmt, daß meine Eltern Jessebell offiziell als ihre Tochter adoptieren, und sie als Haupterbin des gesamten Vermögens einsetzten. So konnte sie den Mann heiraten, in den sie sich auf der letzten großen Kreuzfahrt verliebt hatte. Kaori ist also ihr Sohn, und Frederick, ein perfekter Gentleman, wie meine Eltern das ausdrücken, sein Vater.« Er seufzte.
»Nur behandeln sie Kaori, wie meine Eltern mich damals. Meine Eltern, Jessebell und Frederick sind auf Weltreise und haben den Kleinen einfach hier gelassen. Normalerweise wohne ich drüben in der kleineren Residenz, wo Nanny und Pop-Pop gelebt haben. Aber ich bin hergekommen, weil ich nicht wollte, daß der Kleine ganz allein ist. Er soll es besser haben als ich. So ist das.« Er beugte sich weiter vor: »Du glaubst also, Pikachu könnte damals aus dem Pokémoncenter entführt worden sein? Wie hätte man das denn schaffen können, wenn nicht einmal Jessie, Mauzi und ich…«
Ash rief: »Weil es, wenn es wirklich passiert ist, ein ganz gemeiner Plan war! Ich kenne Pikachu seit zehn Jahren, mein halbes Leben lang, und wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, eine Wahrheit, die ich nur noch nicht erkannt habe, will ich dieser so lange nachgehen, bis ich die Lösung herausgefunden habe.«
Lucia bekräftigte: »Ich werde ihm helfen! Du hast gesagt, daß du im Team Rocket Hauptgebäude einmal etwas über Rocket Revolution gehört hast. Wo ist dieses Gebäude?«
»Ich glaube nicht, daß euch das etwas bringt, wenn ich euch das sage, denn alle fünf Jahre wird Hauptquartier gewechselt. Das Haus wurde in dem Jahr aufgelassen, als sich unsere Wege trennten. Ich weiß gar nicht, wo das neue Hauptquartier ist. Aber das alte, das ich noch kenne, liegt in Vertania City. Es müßte leer sein und auch noch Team Rocket gehören, inoffiziell natürlich. Sucht am besten die Trans Roads Haupt Bank in Vertania City. Weiter kann ich euch nicht helfen. Es tut mir Leid.«
Ash sagte: »Danke sehr, James. Bringst du dich damit nicht in Gefahr, wenn du ein altes Hauptquartier verrätst?«
»Ich? Nein. Ich kenne das neue nicht und bin nicht mehr Mitglied im Team Rocket. Was macht es da, wenn ihr ein altes Gebäude durchsucht. Ich wünsche dir viel Glück bei allem.«
Sie tranken noch den Tee aus und verließen dann das große Anwesen.
»Also, nach Vertania City.« sagte Lucia. »Dort war ich noch nie. Es ist eine der wenigen Städte, in denen keine Pokémon-Koodinatoren-Wettkämpfe stattfinden.«
Ash sagte: »Oh, ich war dort, ein paar Mal gleich. Laß uns dieses Gebäude finden und hoffen, daß es dort doch noch irgendwelche Spuren gibt.«
Lucia flüsterte noch: »Ich hätte nie gedacht, daß uns James einmal hilft.«
»Ich auch nicht.« gestand Ash. »Aber Menschen ändern sich.«
Kapitel 4 : Mysteriöse Pläne
James hielt es auch nicht mehr lange beim Frühstück. Es interessierte ihn viel zu sehr, mehr nach zu forschen. Er hatte viel Geld zur Verfügung und konnte damit sicherlich einen Detektiv bezahlen, damit dieser etwas herausfinden würde. Rasch ließ er Hopkins kommen und teilte ihm die Order mit, daß er noch am heutigen Tag einen Detektiv zu sehen wünschte. Prompt erschien auch einer auf der Bildfläche und James gab den Namen Rocket Revolution an ihn weiter, gemeinsam mit einem Koffer voll Geldscheine.
»Ich mache mich sofort an die Arbeit.« sagte der Detektiv. »Ich habe einige Quellen in der Unterwelt und die Scheinchen werden sicherlich ein paar Zungen lockern.«
James nickte: »Das ist gut. Ich warte hier auf Ergebnisse. Bitte teilen Sie mir sofort mit, wenn Sie etwas herausgefunden haben. Ich bezahle noch einmal das Doppelte an Honorar.«
»Ich beeile mich.« sagte der Detektiv und verließ eilig das Anwesen.
James zog ein altes, verknittertes Foto aus der Innentasche seines Jacketts. Es zeigte das alte Team Rocket. Sie hatten das Foto in einem Paßbildautomaten aufgenommen, und er hatte es behalten. »Jessie hätte mir sicher eins übergezogen, wenn sie herausfände, daß ich mit den Knirpsen zusammenarbeite. Schon verrückt… ich möchte wissen, wie es ihr jetzt wohl geht.«
Ash und Lucia konnten nicht gleich nach Vertania City, sie hatten einfach nicht das richtige Gepäck mit. Daher wollten sie zue;rst noch einmal kurz nach Hause, und dann in Dahliastadt ihren eigenen Wagen abholen, und mit diesem über die große Autobahn nach Vertania City fahren. Damit liefen sie der wartenden Jessie natürlich direkt in die Arme. Mauzi hatte die Abhöranlagen im Haus schon installiert. Es war für die beiden ein Glücksfall gewesen, daß die beiden nicht zuhause waren.
Jetzt konnten sie die ganzen Gespräche mithören und ihnen war natürlich sofort klar, wo es hingehen würde. Jessie murmelte: »Wie die beiden wohl darauf gekommen sind, im alten Hauptquartier nachzuforschen. Um was es wohl dabei geht? Und was ist Rocket Revolution?«
Mauzi brummte: »Weiß nicht, aber der Boss hat gesagt irgend etwas ist wegen dem ultrastarken Pikachu von dem Knirps. Er hat ja damals mitbekommen, wie elektrisierend dieses Pokémon ist. Seither wollte er es auch haben. Aber es ist ja…« Mauzi schluckte.
Jessie fragte nach: »Was ist es denn?«
Mauzi flüsterte: »Vor drei Jahren nach einem Arenakampf gestorben. Und jetzt soll doch plötzlich etwas damit sein?«
Jessie war verwirrt: »Davon weiß ich ja gar nichts. Das macht das ja noch seltsamer. Wieso redet der ehemalige Knirps noch immer über sein Pikachu, wenn es doch nicht mehr lebt? Ich glaube, wir sollten ihm folgen.«
Von diesem Moment an hatten Ash und Lucia zwei unsichtbare Begleiter, die ihnen wie Schatten überall auf den Fersen waren. Sie parkten am Hauptplatz vor dem Pokémoncenter in Vertania City und gingen zu Fuß los. Die Gegend, in die ihre Wegbeschreibung, die sie aus dem Stadtplan entnommen hatten, führte sie in ein eher verlassenes, schäbigeres Viertel. Bald standen sie vor dem alten Bankgebäude. Alle Fenster waren verplankt und die Tür mit einem Balken und Brettern zugehämmert. „Zum Abbruch freigegeben“ stand in schon verwaschenen Lettern über dem dicken Balken. Allerdings war dieser Abbruch nie geschehen.
Ash rüttelte an dem Balken und fragte sich: »Wie kommen wir denn da jetzt hinein? Moment, ich weiß schon.« Er griff an seinen Gürtel und holte einen Pokéball heraus. »Absol, heraus!« Das gewünschte Pokémon kam aus seinem Ball und stellte sich abwartend hin.
»Absol, los… zerschlag diese Tür!«
»Nein!« mischte sich Lucia ein. »Warte, das hört man doch überall hin. Ich habe eine bessere Idee. Ruf Absol zurück. Wenn wir hier Lärm machen, werden zu viele Leute aufmerksam. Vielleicht vertreiben wir sogar die, die wir suchen. Laß mich das machen.«
Sie holte ihr Kirlia aus dem Pokéball und rief: »Kirlia, Teleport. Bring uns hinter diese Tür in das Gebäude.« Vorsichtig, wie Kirlia nun einmal war, teleportierte es sich erst einmal selbst hinein, um nachzusehen ob alles in Ordnung war. Erst dann kam es wieder heraus, und teleportierte sich mit Ash und Lucia wieder hinein.
Es war eine sehr leere Umgebung. Sogar die Wandverschalungsplatten waren abgenommen worden, man konnte die ehemaligen Halterungen an den Wänden noch sehen. Ein schaler Boden aus rohem Beton begrüßte sie, es gab kaum mehr Türen und keine Einrichtungsgegenstände. Außerdem war es sehr finster, da alle Lampen fehlten.
Ash holte eine Taschenlampe aus seinem Rucksack heraus und gab sie Lucia, er selbst nahm eine Stirnlampe und setzte sie auf. Dann gingen sie los. Es war aber wirklich nichts zu entdecken. Alles war verlassen. Zumindest schien das so im Erdgeschoß, und auch in den oberen Stockwerken. Im ersten Stock war ganz hinten ein Fenster aufgebrochen, und einige Lumpen lagen im angrenzenden Zimmer am Boden. Hier hauste offenbar ein Penner, doch auch den konnten sie nicht finden. Bestimmt hatte er sich versteckt, weil er dachte, die Polizei wäre gekommen. Sie waren bald ganz oben und sahen sich auch am Dach um.
»Da ist nichts.« sagte Lucia niedergeschlagen.
»Aber ich gebe nicht so schnell auf.« bekräftigte Ash. »Bestimmt hat dieses Haus auch einen Keller. Den werden wir uns auch noch ansehen, und auf dem Weg hinunter gehen wir jeden Raum noch einmal ab. Ich hoffe, daß wir etwas finden.«
Lucia nickte: »In Ordnung.«
Die Überraschung war groß. Die Treppen gingen wirklich noch weiter nach unten, aber in keinem Geschoß, weder im tatsächlichen Keller, noch im Parkhaus noch eine Etage tiefer konnte man die Zugangstüren öffnen. Gab es etwas dahinter? Lucia rief wieder Kirlia heraus und wendete Teleport an. Sie standen bald im Keller des ehemaligen Team Rocket Hauptquartiers und waren vom Summen von Generatoren umgeben. Hier herunten funktionierte noch Strom, und die Wände sahen nicht ganz so kahl aus.
Außerdem gab es noch Türen, die allerdings alle aus Stahl waren. Und weiter vorne waren Stimmen zu hören. Man konnte nicht verstehen, was sie sagten, und ehe die beiden so nah herangekommen waren, um Klarheit zu haben, schrillte ein Alarm los, und ein Metallkäfig fiel von oben herunter, genau über die beiden. Dieser begann sich sofort automatisch zu verschieben, und die zwei mußten mitlaufen, um nicht verletzt zu werden. Der Käfig hielt nach einer scharfen Ecke in einem Seitengang an. Er stand genau über einer metallenen Bodenplatte.
Zwei Gestalten tauchten auf. Da sie vor dem Licht standen und noch dazu schwarze Umhänge trugen, war nichts von ihnen zu erkennen. Sie sahen aus wie Todes-Dämonen und wirkten furchteinflößend. Genau das wollten sie auch bezwecken.
Eine sagte mit männlicher, leicht verzerrter Stimme: »Das sind ja mal keine betrunkenen Penner, die hier mit einem Dietrich einbrechen.«
Die andere Gestalt hatte eine weibliche Stimme: »Nein, ich halte diese hier für ein Liebespärchen auf der Suche nach einem Geheimplätzchen. Das wird leider nichts, Freunde und laßt euch gesagt sein, sehen wir euch je wieder droht euch Schlimmeres als das hier.«
Der Mann befahl: »Traumato, nimm ihnen die Erinnerung bis zum Unfall. Sie werden nie wieder hier hereingehen.«
Ash rief knurrend: »Welcher Unfall?«
Die Frau unter dem Umhang erklärte lachend: »Ihr seid im Abbruchhaus durch eine morsche Stelle im Boden gefallen, und in der Kanalisation gelandet. Adios.«
Im Hintergrund hörte man laut und deutlich: »Traumato… Traumato…« Das Pokémon machte die Beschwörung komplett, dann öffnete sich die Stahlklappe im Boden. Ash und Lucia fielen schreiend in die Tiefe und klatschten hart ins Wasser der Kanalisation. Rasch wurden sie mitgerissen, denn die Strömung war stark und es gab nichts zum Anhalten. Außerdem war es hier stockfinster. Ash gab es bald auf, ans Ufer zu wollen, er half Lucia nur, über Wasser zu bleiben. Irgendwann würde die Strömung nachlassen.
Jessie und Mauzi waren einen anderen Weg in das Hauptquartier gegangen, um die ehemaligen Knirpse zu belauschen. Sie waren kurz oben gewesen, hatten aber auch nichts entdeckt. Dann war Mauzi der alte Schleichweg über den Keller eingefallen, den er öfters genommen hatte, wenn er des Nachts noch einen kleinen Snack hatte essen wollen. Also waren sie durch einen Luftschacht der Garage hinein geklettert, planten aber schon im Kellerstockwerk wieder heraus zu kommen. Es dauerte länger als gedacht, sich hinunter zu quetschen, Mauzi war doch kleiner als Jessie. Doch dann hatten sie es geschafft und öffneten die Lüftungsklappe. Es war ein hell erleuchteter Raum.
»Was ist denn das hier?« fragte sich Mauzi.
Jessie fauchte: »Wenn du deine Pfoten aus meinem Gesicht nehmen würdest, könnte ich auch was sehen. Laß mich jetzt raus.« Sie sprangen aus dem Schacht und begannen sich umzusehen. Es war alles modern eingerichtet, als wäre hier ein Labor, aber das konnte doch nicht sein, hier war alles seit guten vier Jahren verlassen, oder nicht?
Mauzi sah sich die Geräte an und murmelte: »Wozu die wohl gut sind, das kenne ich alles nicht. Aber es sieht unangenehm aus.«
Jessie wollte eben antworten, als sich rasche Schritte näherten, begleitet von Stimmen, und im gleichen Moment die Tür aufgemacht wurde. »Die sind entsorgt.« sagte ein Mann.
»…die werden sich gehörig schrecken.« beendete die weibliche Stimme gerade einen Satz, als sie in das Zimmer eintrat. »Und noch gewaltiger wird der Schreck sein, wenn wir unsere Revolution durchführen und das alte Team Rocket überne…« sie unterbrach sich. Dann erstarrte sie und rief: »Was macht ihr denn hier!«
Jessie war mehr als überrascht und stotterte: »Bonny? Und Bill? Ihr beide, was…« Sie starrte die beiden Personen vor sich an. Auf ihren schwarzen Uniformen war in Gelb RR aufgestickt. Die Frau, Bonny, hatte rosa Haare, die hüftlang hinunter hingen und unten in zwei Schnecken nach außen liefen. Ihre Augen paßten in der Farbe genau dazu. Der Mann, Bill, war türkishaarig und hatte einen einseitigen Schrägschnitt. Links waren die Haare ganz kurz, rechts hingen sie bis über die Ohren hinunter. Seine Augen waren eisblau. Sie waren schon vor vielen Jahren einmal in Verdacht geraten, ein bißchen zu viel in ihre eigene Tasche zu wirtschaften. Aber wenn sie das nun richtig verstanden hatte, dann war hier wirklich eine Revolution im Gange und das bedeutete Probleme…
»Oh, sieh einer an, Jessie.« sagte Bill in dem Moment. »Wie schön dich wieder zu sehen. Und das muß Mauzi sein, nicht wahr? Putzt du gar nicht mehr die Fußböden vom Boss?«
Jessie wimmelte ab: »Aber nein, das ist nur mein Pokémon, ich habe mich jetzt auf Einbrüche spezialisiert, und ein Mauzi kann mit seinen starken Krallen jedes Schloß knacken.« Sie hob Mauzi wieder zum Lüftungsschacht hoch und steckte ihn hinein. »Da hier aber nichts zum Klauen ist, werden wir wieder gehen. Okay, und keiner erfährt was von dem hier. Damit sind alle glücklich.«
In dem Augenblick sprang der Deckel von einer Maschine auf, die in diesem Raum stand, und ein Pokémon, ein Glutexo, kam heraus. War es dort eingesperrt gewesen? Es sah sowohl völlig fertig als auch stark aus. Sein Blick war wütend und traurig zugleich.
Bill brummte: »Es hat sich immer noch nicht weiter entwickelt. Stopf du es wieder rein, Bonny, ich kümmere mich um unsere Gäste. Mit dem Vorschlag, den Jessie gemacht hat, bin ich nicht einverstanden.«
Jessie flüsterte: »Mauzi, lauf, schnell weg. Mit den beiden ist nicht zu spaßen.«
Mauzi hauchte ängstlich: »Und du?«
»Ich kann hier erst raus, wenn du den Weg frei machst. Geh bitte.« Kaum war Mauzi weg, wollte sich Jessie in den Luftschacht hochziehen, aber Bonny machte keinen Hehl daraus, daß sie nicht gut aufgelegt war, und stieß sie vom Schacht weg. Bill schickte ein grimmig aussehendes Rettan hinter Mauzi her. »Rettan, so bald du es hast, finaler Giftbiß!«
Bonny drückte einen Knopf an der Maschine und Glutexo wurde wieder hinein gezogen, de Deckel schloß sich.
»Was habt ihr denn vor?« fragte Jessie und griff instinktiv an ihren Gürtel. Aber da waren keine Pokébälle mehr. Sie hatte keine mitgenommen.
Bill erklärte: »Nachdem du die Anlage hier gesehen hast, können wir dich nicht gehen lassen. Das ist dir wohl klar.« Er kam näher und holte mit der Faust zu einem Schlag aus, der die rothaarige Frau sehr abrupt zu Boden schickte.
Bonny nahm Jessies Füße und gemeinsam trugen sie sie aus dem Raum hinaus, in den alten Aufzugschacht hinein. Die Kabine stand hier herunten. Früher hatten Bonny und Bill diesen dicht abgeschlossenen Raum benutzt, um die Kraft von kleineren Pokémon zu testen. Alle Wände waren mit einer isolierenden Schicht aus Gummi, Teflon, und auch Polstermaterial bedeckt. überall gab es Sensoren, um zum Beispiel die Schlagkraft eines Maschock zu testen, oder auch die Hitze eines Feuersturms, die Stärke eines Elektroschocks.
»Wir lassen sie hier drin, und räumen auf. Das neue Labor ist sowieso viel besser, und die Maschinen moderner. Bis wir den Rest zusammengeräumt haben, ist Glutexo auch mit der nächsten Runde fertig.« beschloß Bonny.
Bill schlug vor: »Bringen wir die Sachen gleich runter in den Lieferwagen, dann brauche ich mit den Brandsätzen nicht so oft hin und her fahren. Dumm, daß die genau eine Woche, bevor wir hier weg sind, doch noch auftauchen.«
»Egal, Bill.« winkte Bonny ab. »Wenigstens sind wir so schneller weg, das macht doch nichts. Wir richten das schnell her und dann Schluß.« Sie schlossen die Tür, und bis auf ein kleines, dichtes Fenster war es sehr dunkel in der kleinen Kammer.
Ash und Lucia wurden in einer großen Sammelzisterne an Land gespült. Hier liefen mehrere unterirdische Flüsse zusammen, daher hob sich die Strömung gegenseitig ein bißchen auf. Dort befand sich auch eine Leiter, die zu einem Kanaldeckel führte. Lucia hustete, sie hatte viel Wasser geschluckt und wollte einfach nur atmen, nicht viel sprechen.
Es war schon dunkel, als sie, noch immer durchnäßt, beim Pokémoncenter ankamen. Schwester Joy wunderte sich: »Regnet es so stark?«
Ash schüttelte den Kopf: »Nein, es ist trocken, wir haben nur einen Fehler gemacht und sind ins Wasser gefallen. Dürften wir ein Zimmer nehmen und uns warm duschen?«
Schwester Joy nickte: »Natürlich, aber das sind Vierer-Zimmer. Wir haben im Moment eines ganz frei, doch wenn noch jemand kommt, dann muß ich diese Betten auch belegen.«
Lucia nickte: »Schon klar. Können wir unsere Pokémon hier lassen, die Bälle sind naß geworden. überprüfen Sie bitte, ob alles mit ihnen in Ordnung ist?«
»Ja, natürlich. Das mache ich.«
Ash ließ Lucia den Vortritt bei der Dusche und bereitete ihr Handtücher vor. Außerdem holte er noch den Koffer aus dem Auto, damit frisches, trockenes Gewand hatten. Während der ganzen Zeit überlegte er, warum sie in dieses Abbruchhaus geklettert waren. Doch nicht wirklich, um ungestört zu sein. Das war verrückt. Sie hatten ein eigenes Haus, eine eigene Arena… nein, es mußte einen anderen Grund gegeben haben. Und dann der Sturz ins Wasser? Er erinnerte sich ganz dunkel an einen Käfig und schemenhafte Gestalten. Waren da mehr Personen gewesen außer ihm und Lucia? Als Lucia aus der Dusche kam, war ihr anzusehen, daß sie dasselbe dachte. »Zieh etwas Trockenes an und dann werden wir uns noch einmal in der Gegend umsehen«, sagte sie.
»Irgendetwas stimmt da nicht, und ich glaube, es hat etwas mit Pikachu zu tun.« Während Ash in der Dusche stand, lief, rief Lucia bei einem Pizzaservice an und bestellte zwei schnelle Essen in die Halle des Pokémoncenters. Nein, hier war etwas nicht in Ordnung, und sie mußten das überprüfen. Auch ihr gingen die mysteriösen Gestalten nicht aus dem Kopf. Jemand hatte sie hereingelegt.
Mauzi schleppte sich mühsam vorwärts, aber er kam einfach nicht vom Fleck. Noch immer war er ganz in der Nähe des Gebäudes, aus dem er geklettert war, obwohl schon einige Stunden vergangen waren. Oder fühlte es sich nur wie Stunden an? Der Giftbiß des Rettan war enorm stark. Schon von der ersten Minute an hatte er sein betroffenes Bein nicht mehr bewegen können und war daher nur sehr, sehr mühsam die Schräge bis zum Ende des Lüftungsschachtes hoch gekommen. Dann hatte sein auch sein zweites Bein versagt und sich nur mit den Händen vorwärts zu ziehen, war schwer. Die einzige Hilfe könnte er in einem Pokémoncenter finden, Schwester Joy mußte gegen alle Gifte ein Gegenmittel haben.
Es war so spät, niemand war mehr auf der Straße. Allein würde er noch lange bis zum Pokémoncenter brauchen, und Jessie… Jessie war nicht mehr raus gekommen. Was war ihr bloß passiert? Bonny und Bill war alles zuzutrauen. Die Apparate hatten sehr schrecklich ausgesehen und die wenigen Sekunden lang, die er das Glutexo gesehen hatte… sie hatten gereicht. Hier waren gewissenlose Verbrecher am Werk. Das Gift des Rettan war noch schlimmer, es schien weiter zu kriechen, und das Vorwärtskommen war schwerer. Er war kurz davor, aufzugeben. Irgendwelche Gestalten huschten um ihn herum, andere Pokémon vielleicht? Nein, da war ein Stiefel. Also mindestens ein Mensch. Etwa Bonny und Bill?
Mauzi stammelte: »Wo ist Jessie? Wo habt ihr sie hingebracht? Ist sie noch im Gebäude…« Es wurde ein bißchen dunkler, das war gar nicht gut. Schickten sie jetzt endgültig noch mehr Gift, um ihn zum Schweigen zu bringen?
Jessie hatte schon lange aufgehört, gegen die Tür mit dem Fenster zu trommeln, und zu schreien. Es war draußen nun auch finster, sie hatten das Licht auf Notstrom gestellt. Ein paar mal war einer von ihnen am Fenster vorbei gegangen, aber sie hatten nie herein geschaut.
Jetzt war es zu spät. Die Kammer hier enthielt kaum mehr Luft. Besser gesagt, die Luft war so gut wie aufgebraucht. Sie konnte nicht einmal mehr aufstehen, dazu reichte die Kraft nicht mehr. Wie lange war sie nun hier herinnen, und hatte es Mauzi geschafft? Was planten Bonny und Bill wirklich? Doch auch diese Gedanken wurden langsam schwer, und sie lehnte sich an der hinteren Ecke an. Das konnte nicht passieren, oder? Sie hatte sich so viel aufgebaut, und jetzt wurde sie hier in dieser Kammer vergessen. Es war scheußlich. Das war nicht alles, das durfte nicht alles sein. Sie hatte jedoch nicht einmal die Energie, sich in ein theatralisches Stück mit ihr als Hauptrolle hinein zu versetzen.
Das konnte doch nicht das Ende sein. Aber anscheinend war es das, denn Erinnerungsblitze, die sie sich nie zu denken getraut hatte, drängten sich immer mehr vor, wie ein Ablauf ihres Lebens. Wie sie damals wegen jedem Stück Essen einen Streit angefangen hatten, der aber nie wirklich böse gemeint war. Ihre Mutter, die ihr versprochen hatte, wieder heim zu kommen, aber nie wieder gekehrt war. James, der sich für die Prinzessinnenpuppen-Sammlung verkleidet hatte. Mauzi, und James, ihre besten Freunde, die sie so vermißt hatte, seit sie sich damals trennten…
Sie versuchte sich an noch etwas zu erinnern, aber das ließ ihre Kraft nicht zu…
Dann war’s das wohl doch, hier ging es nicht mehr weiter, es war aus…
Das einzige was überhand nahm war die Dunkelheit…
Und dann folgte eine atemberaubende Stille…
Die sie bald nicht mehr wahrnahm.
Mauzi blinzelte und sah in die freundlichen, wenn besorgten Augen von Schwester Joy. Irgendjemand mußte ihn ins Pokémoncenter gebracht haben, denn allein war er sicherlich nicht hierher gekommen. »Oh, du bist wach!« rief die Pokémon-Heilerin erfreut. »Ich hole gleich die Leute, die dich hergebracht haben. Vielleicht gehörst du ihnen.«
Ein paar Minuten später tauchten Ash und Lucia neben seinem Bett auf. Lucia fragte mitfühlend: »Geht es dir wieder ein bißchen besser, Mauzi?«
Mauzi nickte leicht. »Ja, danke.« flüsterte er.
Ash erschrak: »Du bist ein sprechendes Mauzi? Doch nicht etwa Mauzi vom Team Rocket? Wart ihr Schurken das etwa, da unten im Keller? Hat uns James belogen und habt ihr uns hier in eine Falle gelockt? Ihr wart schon immer gemein, und das wird sich wahrscheinlich nie ändern! Wie konnten wir ihm nur trauen! Ich begehe immer den gleichen Fehler.« Er ballte eine Hand zur Faust.
Lucia nahm ihn bei der Hand und besänftigte ihn: »Egal welches Mauzi er ist, er ist verletzt und brauchte Hilfe. Wir haben dich an einer Straßenecke gefunden, und sind sofort umgekehrt um dich ins Pokémoncenter zu bringen. Was hast du wirklich dort gemacht?«
Mauzi stotterte mühsam: »Euch gefolgt, Jessie und ich. James war gar nicht da, ein Auftrag… irgend etwas sollten wir über RR herausfinden und das wolltet ihr auch, oder?« Das Sprechen strengte ihn an. »Da waren zwei Leute, die haben Jessie… Ich muß ihr helfen!« Er wollte aufspringen, aber dabei verließ ihn die Kraft und er sackte wieder ins Bett zurück.
Schwester Joy schritt ein: »Geht jetzt bitte wieder hinaus, dieses Pokémon braucht Schlaf. Es wurde sehr schlimm vergiftet. Mauzi hätte sterben können.«
Lucia erkundigte sich: »Mauzi wurde schlimm vergiftet? Wie das? Normalerweise sollte Pokémongift ein Pokémon nur kampfunfähig machen, und nicht in Lebensgefahr bringen.«
Joy sagte: »Ja, es ist sehr, sehr starkes Rettan-Gift und noch dazu hat es Anteile, die ich gar nicht kenne. Aber er wird wieder gesund. Kennt ihr dieses Mauzi? Es hat im Schlaf auch verzweifelt geredet, rief nach einer Jessie… ist das seine Trainerin?«
Lucia brummte: »Etwas in der Art, ja.«
Ash mischte sich wieder ein: »Sie waren uns also gefolgt. Ob diese zwei mysteriösen Gestalten auch etwas mit der Vergiftung zu tun haben? Und was ist nun wirklich mit Jessie? Ich muß da hin und nachsehen. Ich habe ein ganz mieses Gefühl.«
Lucia beschwerte sich: »Ash, du kannst nicht allen helfen.«
»Aber zumindest muß ich es versuchen, auch wenn es Jessie vom Team Rocket ist. Warte hier, Lucia, und paß auf Mauzi auf. Versprichst du mir das?« Damit rannte Ash zum dritten Mal an diesem Tag in Richtung des alten Team Rocket Hauptquartiers.
Er konnte es kaum glauben, als er dort ankam und sich diesmal mit seinen Pokémon den Weg hinein bahnte. Er kam schnell bis in den Keller und ließ seine kräftigen Helfer jeder Tür aufbrechen. Die Geräte, die er sehen konnte, waren für ihn ein Rätsel und er wollte gerne etwas darüber herausfinden. Doch dann heulte Absol hinter der nächsten Ecke auf und er wußte gleich, daß sein Pokémon auf etwas noch Wichtigeres gestoßen war als die Geräte.
Absol zerrte Jessie bereits aus der engen Kammer und Ash kniete sich schnell neben ihr nieder. Sie sah gar nicht gut aus.
»Absol, gut gemacht!« sagte Ash. »Wir müssen sie sofort ins Krankenhaus bringen.« Es war ihm vollkommen egal ob sie jetzt den Auftrag gehabt hatte, ihn zu verfolgen und zu belauschen. Egal wie oft sie früher gegeneinander gekämpft hatten. Er würde nie jemanden zurücklassen, der Hilfe brauchte. Vorsichtig hob er sie hoch.
Im gleichen Moment sauste Magnayen den Gang entlang und knurrte heftig. Es versuchte Ash vorwärts zu drängen. Gleich darauf explodierte etwas weiter hinten, und ein wahrer Flammensturm ging los. Ash konnte nur mehr rennen, die Pokémon wiesen ihm den Weg. Beißender Rauch erfüllte die Gänge und immer neue Sprengsätze fachten das Feuer auf überdimensionale Temperaturen an. Hier würde es nichts mehr zu untersuchen geben. Es war in diesen Sekunden sogar fraglich, ob er lebend hier raus kommen würde. Doch mit einem Mal war die Tür vor ihm und er zischte ins Freie, noch bevor eine Stichflamme hinter ihm her loderte. Er nahm die bewußtlose Person, die er trug, ein bißchen fester und steuerte das nächstgelegene Krankenhaus an.
Kapitel 5 : Ein Team?
Es war das seltsamste Erwachen in ihrem ganzen Leben. Und das zu behaupten war ein starkes Stück. Sie war nach Freiflügen schon über Abgründen hängend, in Baumkronen, oder irgendwo unter mordswilden Pokémon aufgewacht. Wahrscheinlich hatte sie alles schon mal erlebt. Angespült an einem Strand, im Ballon, im Auto, in diversen Höhlen und Löchern, sogar auf einem Schneefeld. Aber so war es noch nie. Sie war eindeutig in einem Spital und hatte eine Sauerstoffmaske auf. Das Atmen war schon wieder angenehmer, ging ganz normal. Langsam stand sie auf und ging zum Fenster. Sie war immer noch in Vertania City, aber was war bloß geschehen? Sie spürte eine Prellung an ihrer linken Wange, wußte aber nicht mehr wie das passiert war. Wie war sie hergekommen, und überhaupt in ein Krankenhaus. Sie zuckte zusammen. Mauzi! Irgendetwas war mit Mauzi!
Sie nahm den Morgenmantel vom Haken, wickelte sich darin ein, um das pinkrosa Krankenhausnachthemd zu verbergen und ging aus dem Zimmer. Sie traf dort sofort auf Ash Ketchum, der auf einem Wartesessel Platz genommen hatte. Neben ihm saß… James. Was machte er nur hier, wieso war er gekommen? Das… Sie hatte ihn so viele Jahre lang nicht gesehen und dann gerade jetzt, das war ihr sehr unangenehm. Sie wußte nicht, ob sie sich freuen, oder ob sie in Wut geraten sollte. Daher schwieg sie überrumpelt.
James stand blitzartig auf. Er hatte einen teuren, blauen Designeranzug an und trug einen kleinen Strauß weißer Rosen. »Also geht es dir wieder besser?« fragte er leicht besorgt. »Ash hat mir gesagt, daß du… von denen eingesperrt worden bist?« Er hielt ihr die Blumen hin.
Jessie verschränkte ablehnend die Arme und entgegnete tonlos: »Es geht mir besser, wie du sicher bemerken wirst. Was machst du hier? Wieso bist du hergekommen?«
James zog die Blumen zurück und erklärte knapp: »Weil ich erfahren habe, wer hinter RR steckt. Ash und Lucia haben mich um Hilfe gebeten und es hat mich auch interessiert. Ich wollte ihnen persönlich sagen, was ich herausgefunden habe. Ich hatte nicht erwartet, Mauzi und dich hier zu treffen.«
Ash nickte: »Ja, er kam nur leider etwas spät, erst heute Morgen, da war die gröbste Pannenserie schon um. Aber wie wir sehen, geht es dir wieder halbwegs gut und Mauzi ist auch auf dem Weg der Besserung, im Pokémoncenter.«
Jessie atmete auf: »Dann habt ihr Mauzi also gefunden. Geht’s ihm gut?«
Ash grollte: »So gut wie es einem Pokémon nach einer Vergiftung gehen kann. Wäret ihr nun endlich bereit, mir die Wahrheit zu erzählen, von allem was ihr wißt? Was ist da passiert, wer sind diese Leute, und wieso sind sie so kaltblütig, daß sie vor nichts zurückschrecken?«
Jessie mahnte: »Immer langsam mit den jungen Pferden. Das ist etwas schwer zu erklären. Vielleicht sollten wir uns dazu alle zusammen setzen.«
Ash runzelte die Stirn und meinte: »Wir zusammen?«
»Allein kommt ihr gegen die nicht an.« sagte sie. »Ich kenne die beiden.«
James nickte: »Ja, das denke ich auch. Die Informationen, die ich zusammengetragen habe, weisen auf eine sehr unangenehme Entwicklung der Dinge hin.«
»Das befürchtete ich fast. Ich will jetzt wieder zu Lucia. Wenn die wirklich so gefährlich sind, dann möchte ich bei ihr bleiben. Wir treffen uns im Pokémoncenter, wenn ihr Mauzi abholt. Wir können dann alles besprechen. Ich glaube, in dem Fall sollten wir unsere alte Feindschaft endgültig begraben.« Ash drehte sich rasch weg und entfernte sich.
Jessie sah ihm etwas perplex nach, und ging, ohne einen weiteren Blick auf ihren Ex-Kollegen zu werfen, wieder ins Zimmer zurück, und begann sich anzuziehen.
James blieb am Gang stehen. Auch ihm war das Wiedersehen nicht leicht gefallen, aber daß es so unangenehm sein würde, hätte er sich nicht gedacht. Dann riß er sich aber zusammen, und beschloß, auch nach Mauzi zu sehen. Er wartete nicht darauf, daß Jessie wieder aus dem Zimmer kam, denn er wußte, daß sie das nicht wollte. Auf dem Weg hinaus legte er den Blumenstrauß weg, und rief sich vor dem Krankenhaus ein Taxi.
Kurz darauf verließ auch Jessie das Hospital, und setzte sich in ein Taxi. Sie wußte gut, daß James nach Mauzi sehen wollte und daß sie daher wieder auf ihn treffen würde. Doch jetzt hatte sie ein paar Minuten, um sich eine Strategie zu überlegen. Sie war in den letzten Jahren eine ganz andere Person geworden, noch härter vielleicht, unnachgiebiger, zielstrebiger. Daher würde sie diese Sache schon schaffen. Warum aber hatte sie das dringende Verlangen, sich wie ein kleiner Ball zusammen zu rollen und in irgendeiner Ecke zu verkriechen, um zu verhindern, daß jemand ihre Tränen sah?
Kaum war auch sie im Pokémoncenter, kam ihr Lucia entgegen gelaufen und zeigte ihnen den Weg zu Mauzis Bett. James war schon einige Minuten früher gekommen, er hatte das Pokémon aber nicht aufgeweckt. Jetzt schlug Mauzi von selbst und langsam die Augen auf. Er war immer noch matt, aber jetzt deutlich gesünder als vorher.
»Jessie, und James auch. Wir sind wieder zusammen, wie früher.« murmelte das kranke Pokémon. »Da muß ich mich anstrengen, schnell auf die Beine zu kommen.«
Lucia munterte ihn auf: »Du schaffst das sicher. Vielleicht wirst du morgen schon entlassen. Dann können wir loslegen. Als Team.«
Jessie widersprach Mauzi und Lucia jedoch: »Nein, wir sind nicht wieder zusammen. Es ist nicht das gleiche wie früher. Wir arbeiten nur zusammen. Gezwungenermaßen.«
Lucia war etwas verwundert: »So weit Ash mir erzählt hat, ist James…«
James sagte leise: »Sie hat Recht, Lucia. Es ist nicht dasselbe wie früher. Aber wir werden zusammenarbeiten, bis das erledigt ist. Ich weiß nicht wieso, aber wir sind alle vier, und auch du, Mauzi, mittlerweile ziemlich tief in das alles verwickelt. Ohne es eigentlich gewollt zu haben, sind wir alle auf die Abschußliste gekommen.«
Lucia erkundigte sich: »Eine Abschußliste? Das klingt schrecklich! Was hast du herausgefunden? Du hast auch was wegen einem Privatdetektiv gesagt.«
James setzte sich auf die Bettkante und erklärte: »Nun, der Detektiv bekam einiges an Geld, und hat sich mit seinen Informanten aus dubiosen Kreisen zusammengesetzt. Für Geld lockern sich deren Zungen sehr leicht. Viele sagten, daß es hier in Vertania City noch Aktivität gibt. Man sah Leute mit Geräten in das alte Team Rocket Haupt-Gebäude gehen. Da hat mich schon hellhörig gemacht. Dann erfuhr ich auf dem Weg hierher noch, daß es andere starke Trainer gab, die auf unerklärliche Weise Pokémon verloren haben. Rocket Revolution scheint mit allem etwas zu tun haben.«
Lucia hob die Hand: »Bitte warte mit der genauen Erklärung, bis Ash da ist. Er wollte noch schnell etwas besorgen, das wir brauchen könnten.«
In dem Moment ging die Türe auf und Ash kam herein. »Perfekt. Ich habe alle neuen Landkarten gekauft und auf den Navigator geladen. So finden wir überall am schnellsten Weg hin. Tut mir Leid, daß ihr warten mußtet.«
James fuhr fort: »Ich bin auch nicht mehr davon überzeugt, daß dein Pikachu gestorben ist. Vielleicht wurde es nur auf äußerst fiese Weise entführt. Man hat mir zugetragen, daß das durchaus eine Möglichkeit sein könnte.«
Ash schrak zusammen, da er von der Direktheit der Worte etwas erstaunt war. Er hatte den Anfang schließlich nicht mitbekommen.
Jessie stellte klar: »Dann haben die uns an Gemeinheit aber deutlich übertroffen.«
Mauzi brummelte: »Sowas hätte uns aber auch mal einfallen können.«
Lucia fauchte ihn an: »Was, du wagst es? Das ist ja unerhört!«
»Nun ja.« gab das Pokémon zu. »Ich sage ja nur, wir haben jahrelang versucht, Pikachu zu stehlen und die schaffen es auf Anhieb, und dann auf eine Weise, daß Ash gar nicht danach sucht. Sollte das alles wirklich stimmen, ist das ein guter Plan gewesen.«
Sogar Ash mußte zugeben: »Ja, das ist ein guter Plan, wenn auch sehr grausam. Ich kann es gar nicht glauben, daß andere Trainer auch so etwas durchmachen mußten. Wir müssen diese Verbrecher finden und ihnen das Handwerk legen. Ich habe starke Pokémon bei mir, mit denen sollte es uns gelingen.«
Jessie sagte: »Zusammenarbeiten? Tja, von mir aus. Aber ich habe keine Pokémon mehr, ich habe sie frei gelassen, als unser Team sich aufgelöst hat.«
James schlug vor: »Ich kann Fukano und Venuflibis von Zuhause abholen. Ich habe sie natürlich noch, wegen Kaori vor allem, aber auch, weil ich sie sehr mag.«
Jessie giftete ihn an: »Dann kannst du die Reise aber vergessen, denn deine Frau wird dich sicher nicht mehr weglassen.« Sie verschränkte die Arme.
Er zuckte zusammen.
Ash fragte sich leise: »Seine Frau?« Er beschloß aber, dieses Thema sein zu lassen und schlug laut vor: »Ich habe viele starke Pokémon. Wenn wir als Team zusammen zu arbeiten, borge ich sie dir. Mir ist Pikachu so wichtig, daß ich bereit bin, jedes Risiko einzugehen.«
»Du borgst mir Pokémon?« erkundigte sich Jessie. »Ehrlich?«
»Ja, natürlich. Du kannst gleich mitkommen, und dir welche aussuchen. Sie sind zurzeit daheim in meiner Arena. Ich habe jetzt einen eigenen Lagerungscomputer.«
Mauzi hatte die ganze Zeit zwischen seinen alten Freunden hin und her gesehen. Es war, als hätte er den größten Teil der Diskussion gar nicht gehört und nur die Atmosphäre zwischen Jessie und James beobachtet. »Was ist denn los mit euch, was habe ich da nicht mitbekommen?«
Jessie murmelte: »Einiges, denke ich.«
James nickte: »Du warst nicht dabei, Mauzi.«
»Wo nicht dabei, erklärt mir das. Ich hab wirklich keine Ahnung, was passiert ist. Als ich am Morgen aufgewacht bin, hattet ihr eure Entscheidung bereits getroffen und Jessie war weg. Und du bist auch so schnell verschwunden, James, nur mit der Mitteilung, daß du wieder nach Hause gehst…« Mauzi sah zwischen ihnen hin und her. »Sagt mir wieso.«
Lucia, die gemerkt hatte, daß hier etwas eher Privates vor sich ging, schlug vor: »Wißt ihr, Ash und ich suchen uns zue;rst mal allein die Pokémon aus, die am besten für diese Reise geeignet sind. Ich habe jetzt nur wenige mit, und er will sicher auch noch austauschen. Vielleicht können wir auch schon welche für dich holen, Jessie.« Sie schob ihren Freund, der die Welt nicht mehr verstand, aus dem Raum hinaus.
Kaum war die Tür ins Schloß gefallen, wandte Ash sich an Lucia: »Sag mal, was war das denn? Du weiß doch daß ich schon sechs Pokébälle hier habe. Ich kann nicht noch mehr holen, ohne eine andere Person, die ihre Kennung als Trainer eingibt.«
Lucia seufzte: »Ist mir klar. Ich habe nur drei Pokémon mit, nämlich Impoleon, Kirlia und Glaziola. Ich wollte mir noch andere mitnehmen, aber ich konnte mich daheim nicht entscheiden, außerdem hatten wir es doch eilig. Ich hole mir selbst erst meine drei restlichen, du kannst mir beim Aussuchen helfen. Laß die beiden ein bißchen allein. Du hast doch sicher gemerkt, daß sie in einer schwierigen Lage stecken.«
»Schwierige Lage?« brummelte Ash. »Nein, das habe ich nicht mitbekommen.«
Lucia seufzte: »Wie hätte ich das auch annehmen können. Aber mir war es von Anfang an klar, und du kennst die beiden ja noch länger als ich. Ist dir da wirklich nie was aufgefallen?«
Ash legte den Kopf schief: »Sie haben alle eine Schraube locker?«
Lucia rollte mit den Augen und zerrte Ash zum Computer hin. »Wenigstens vom Pokémon-Aussuchen verstehst du etwas. Wenn schon nicht von solchen Angelegenheiten.«
Sie stellten sich vor den Bildschirm und begannen nachzusehen. Ash gab zu bedenken: »Wir sollten unser Team möglichst breit gefächert aufbauen, jeder Typ sollte vertreten sein. Ich habe derzeit Absol, Magnayen, Staraptor, Gewaldro, und Donphan in meinem Team. Und damit Unlicht, Feuer, Flug, Pflanze, und Boden.«
Lucia wiederholte: »Ich habe Glaziola, Kirlia und Impoleon. James sagte, er könnte Venuflibis und ein Fukano beisteuern. Gut, ich glaube, ich nehme mir Pachirisu, Ledian, und Alpollo mit.« Sie suchte die richtigen Pokémon heraus. »Ich hoffe, sie sind stark genug.«
Ash versprach: »Ich lasse nicht zu, daß ihnen etwas passiert. In Ordnung?«
Lucia nickte ernst.
Mauzi sah noch immer zwischen seinen alten Freunden hin und her. Sie schienen sich gar nicht mehr zu verstehen. Es war, als würde man die Mauer zwischen ihnen direkt sehen. »Was ist denn los mit euch. Ich hab damals nicht einmal richtig begriffen warum ihr nicht mehr zusammenbleiben wolltet und warum ihr so schnell in so verschiedene Richtungen gegangen seid. Das ging viel zu rasch, das war nicht normal… Wir konnten alle Streitigkeiten vorher auch bereinigen. Auch wenn es blaue Augen oder Beulen gab.«
»Das nicht.« sagte Jessie. »Es war… Schicksal. Wir haben eben begriffen, daß man für alles Verantwortung übernehmen muß. Sowohl für die Dinge, die man tut, als auch für die, die man nicht tut. Ich glaube wir haben beide etwas getan, was wir nicht hätten tun sollen und etwas nicht getan, was wir hätten machen sollen. Verstehst du, Mauzi, es wird nie wieder so sein wie früher. Das ist alles, was ich dazu sagen werde.« Aber tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie war von der Situation komplett überfordert. Einerseits war es früher ganz schön gewesen, selbstverständlich, doch sie hatte damit zu leben gelernt und gar nicht mehr gewußt, wie weh es tun konnte. Jetzt wußte sie es aber wieder und das war furchtbar. Sie drehte sich zur Tür um und griff nach der Schnalle.
In dem Moment stand James rasch aus seinem Sessel auf und er schien sich nur mühsam auf den Beinen halten zu können, vielleicht zitterte er sogar ein bißchen. Er hatte wirklich Angst davor. Genau wie damals, und damals… war die Situation noch nicht ganz so verfahren gewesen. Die vier Jahre seither hatten sie noch weiter auseinander gebracht, als jene paar entscheidenden Sekunden. Ja, es hatte sich nur um Sekunden gehandelt. Nur um die Zeit für einen Blick und vielleicht ein paar Worte. Die richtigen Worte. Sie kannten sich fast gar nicht mehr. Sie hatten seit vier Jahren nicht mehr miteinander geredet.
Er hatte immer gepredigt bekommen: Zeige nie jemandem, wie wichtig er dir ist, sonst wirkst du schwach, und man lacht über dich. Im Team Rocket war das ein wichtiges Credo gewesen, und Jessie selbst hatte ihm das ein paar Mal klar gemacht. Aber die vergangene Zeit hatte ihn komplett geändert und erst jetzt merkte er, daß es das genaue Gegenteil war wie früher. Er war nicht mehr auf der Flucht vor seinen Eltern und Jessebell, er hatte sich mit ihnen arrangiert. Dafür war er auf der Flucht vor Jessie und das war nicht richtig, es… Er konnte nur wegrennen, so lange er sie nicht wieder gesehen hatte.
Jetzt brauchte er den Mut, den er vor Jahren nicht gehabt hatte. Die drei Worte, die damals schon aussprechen hätte sollen, hatte er nie vergessen. »Bitte geh nicht.« sagte er leise.
Jessie drehte sich halb zu ihm um und antwortete: »Dafür ist es zu spät.«
Mauzi runzelte die Stirn, mischte sich jedoch nicht ein. Das Pokémon wußte ganz genau, in welchen Situationen es einen erschreckten Laut von sich geben durfte, vielleicht hämisch lachen, oder jemanden mit etwas piesaken konnte. Jetzt aber nicht.
James faßte noch einmal Mut und flüsterte: »Aber… Wir sind doch Freunde.«
Jessie schloß die Augen und verbot sich, zu weinen: »Auch dafür ist es zu spät.«
Sie öffnete die Tür und lief auf den Gang hinaus. Ohne Umschweife bog sie zu den Waschräumen ab und schloß die Tür hinter sich. Sie und Tränen, so weit käme es noch! Die Trugtränen… die hatte sie perfekt drauf, um etwas zu bekommen, was sie wollte, oder das Mitgefühl von jemandem zu erregen. Die Tränen einer Frau konnten viel bewirken, wenn sie richtig eingesetzt wurden. Sie hatte sich mit einigen erfundenen Tränen den Sekretärsposten in der Bank erworben, sie hatte mehrere Leute damit dazu bekommen, nach ihrer Pfeife zu tanzen und sie konnte damit ihre Ziele verschleiern.
Doch diese Tränen hier mochte sie nicht. Vier Jahre lang hatte sie sich von dem Gedanken daran gesträubt und es wäre auch länger gut gegangen, vielleicht für immer. Aber es war alles… alles hinfällig. Und so sinnlos. Völlig sinnlos. Sie hatten in den vergangenen Jahren ein ganz anderes Leben angefangen, James war verheiratet und hatte einen Sohn. Sie würde bald eine Bank bekommen, und da hatten diese alten Geschichten keinen Platz mehr, nicht den geringsten… Wie sehr sie sich das bloß wünschte…
James war bei Mauzi geblieben, und sah die Tür an, durch die Jessie verschwunden war. »Ich bin und bleibe ein Feigling und ein Dummkopf.« sagte er. »Das hat mir immer schon alles ruiniert. Ich hätte wissen müssen, daß es zu spät ist.«
Mauzi murmelte: »Ja, ihr beiden wart mir immer schon ein Rätsel, ehrlich.«
James fragte ihn: »Du hast das gewußt? Daß da… noch mehr ist?«
Das Pokémon lachte ernsthaft und gab zurück: »Die Frage sollte eher lauten, wer hat es nicht gewußt? Ihr zwei, meine Güte. Ihr wart füreinander bestimmt und das schon von Anfang an. Hast du den Wink des Schicksals nicht verstanden, als es euch zue;rst bei der Fahrradgang und nachher auch wieder bei Team Rocket zusammengeführt hat?«
James entgegnete: »Du machst mir Spaß. Wieso hast du nie etwas gesagt?«
»Weil ihr mich dann beide grün und blau gehauen hättet.«
James lehnte sich zurück. »Das stimmt vielleicht.« Er lachte kurz, klang dabei aber nicht erfreut. »Nun, jetzt scheint es mir klar zu sein - zu spät.« Er schwang sich aus dem Sessel. »Wie auch immer. Zurück zu den Wurzeln, ein letzter Sprung in die Vergangenheit.«
Mauzi starrte ihm verwirrt nach: »James hat früher schon viel Blödsinn geredet, aber jetzt versteh ich ihn gar nicht mehr.«
Jessie stand unterdessen schon beim Computer und sah sich Ashs Pokémon an. Für nicht wenige Sekunden flammte in ihrem Blick diese alte Raffgier auf, einfach alle zu stehlen. Ash beobachtete sie aufmerksam und runzelte die Stirn.
»Was ist?« fragte er argwöhnisch. »Du suchst dir ja gar nichts aus.«
»Oh doch, oh doch. Ich nehme das Fünfergespann! Das wollte ich immer schon haben. Flamara, Aquana, Blitza, Psiana und Nachtara.«
Lucia erinnerte sie: »Es gibt noch andere Evoli-Entwicklungen.«
Jessie fauchte: »Klar, weiß ich! Aber die hat Ash nun mal nicht. Außerdem kann ich sowieso maximal sechs tragen.«
Ash gab die Daten ein und gleich darauf erschienen die Pokébälle im Transporter. Ash ließ alle fünf heraus und sagte zu ihnen: »Für die Dauer dieser Reise werdet ihr Jessie gehorchen. Ich verbiete euch aber, Lucia oder mich anzugreifen, sollte sich es Jessie doch anders überlegen und wieder ihre übliche betrügerische Nummer abziehen.«
Jessie beschwerte sich: »Aber hallo, was höre ich denn da?«
Lucia lächelte schnippisch: »Wir kennen dich eben nur so.«
Die Pokémon nickten zugleich und Ash rief sie zurück, dann gab er die Bälle an Jessie weiter, die sie an ihrem Gürtel befestigte.
James tauchte aus dem Umkleideraum auf und alle sahen ihn verwundert an. Jetzt trug er nicht mehr den vornehmen Maß-Anzug wie vorher, sondern die alte Team Rocket Uniform, genau wie Jessie. Er hatte sich auch den Schnurrbart abrasiert, nur die Brille war neu.
»Die kann ich nicht weglassen.« sagte er. »Man wird alt.« Er streckte sich. »Ich rufe meinen Butler an, er soll die beiden Pokémon herschicken.«
Bald darauf war das auch erledigt und für ein paar kurze Sekunden machte sich enormer Tatendrang breit. Doch spätestens jetzt wurde ihnen auch klar, daß sie Null Peilung davon hatten, wo sie überhaupt beginnen sollten. Das Hauptquartier war ausgebrannt und die Beweise dort alle vernichtet. Und wenn sie noch etwas fanden, Reifenspuren etwa, die würden sich auch bald verlieren. Kein Pokémon war so stark, daß es eine nicht existente Spur verfolgen konnte.
Lucia schlug vor: »Ich kann Kirlia Weitsicht einsetzen lassen. Sie kann in die Zukunft sehen, und mir die Bilder übermitteln. Vielleicht kann ich etwas erkennen.«
Ash grummelte: »Das ist aber sehr anstrengend für Kirlia. Warte damit noch ab. Ich gehe doch noch einmal zum Hauptquartier zurück. Ich bin sicher, die Polizei und die Feuerwehr sind schon dort, beim Aufräumen. Möglicherweise entdecken die etwas, was uns noch etwas nützen kann.«
James beschloß: »Ich begleite dich da hin. Bestimmt ist der Privatdetektiv nicht weit, und ich bekomme noch Informationen.«
Lucia nickte. »Wir warten hier. Mauzi müßte bald entlassen werden. Außerdem können wir Schwester Joy bitten, nachzusehen, ob und wo Pokémon auf ähnliche Weise verschwunden sind, wie Pikachu damals.«
Jessie fragte: »Wieso auf ähnliche Weise?«
Lucia erklärte: »Jeder Trainer liebt seine Pokémon und besonders stark ist die Bindung, wenn er sie lange trainiert hat, so daß sie sehr stark werden. Niemand würde aufgeben, nach ihnen zu suchen, wenn sie sich nicht sicher wären, daß es keinen Sinn macht. Also entweder werden die Trainer im Glauben gelassen, ihre Pokémon seien unwiederbringlich weg, gestorben, vielleicht, oder sie kamen bei einem Tausch abhanden, verschwanden in der Maschine… was aufs Gleiche raus kommt. Wir haben also genug zu tun.«
Bei der Suche hinter dem Hauptquartier ergab sich gar nichts, wie schon erwartet war alles vom Feuer zerstört, oder die Einsatzkräfte hatten mit ihren Fahrzeugen noch mehr verwischt. Allerdings tauchte der Privatdetektiv wieder auf und sagte, daß ein Landstreicher am frühen Abend einen Lieferwagen mit RR auf der Seite gesehen hatte. Er erklärte, daß dieser Informant die Worte „Süden“ „Villa“ und „Meer“ verstanden habe, die aus dem LKW gekommen waren. Er hatte sie sich gemerkt, weil er ziemlich neidisch geworden war. Der Detektiv erwähnte noch, daß er weiter versuchen würde die Spuren zu verfolgen, und er würde die Informationen in Zukunft an James Butler weitergeben.
»In Ordnung.« bestätigte James. »Ich werde öfters bei ihm nachfragen, wie es aussieht.«
Sie trennten sich und gingen zum Pokémoncenter zurück.
In der Zwischenzeit hatten Jessie und Lucia auch einiges erfahren, nämlich daß vier weitere Trainer in Pokémoncentern in verschiedenen Regionen Pokémon verloren hatten, und zwar unter ähnlich mysteriösen Umständen wie Ash. Es schien aber nichts zusammen zu hängen.
Lucia schlug vor: »Vielleicht sollten wir sie einmal besuchen, und nachfragen. Aber zue;rst möchte ich doch gern etwas versuchen… sag aber Ash nichts davon.«
Jessie nickte: »Ich weiß zwar nicht wovon du redest, aber okay.«
Lucia rief ihr Kirlia heraus und ließ es am Sessel neben ihr stehen. »Kirlia, setz Weitsicht ein. Ich möchte wissen, was ich innerhalb der nächsten Tage erleben werde.« Sie wandte sich an Jessie: »Die Bilder sind nie besonders klar, aber sie könnten uns einen Hinweis geben.« Dann sah sie ihrem Pokémon wieder in die Augen und verlangte: »Kirlia, los.«
Das Pokémon konzentrierte sich und sendete Lucia die Bilder, die es wahrnehmen konnte. Lucia sah sich neben Jessie über eine Wiese rennen, die rechts in einem Wald und links in einem Strand endete. Weiter vorne war eine mächtige Klippe zu erkennen, auf die auch der Wald und die Wiese hinaufführten. Es war nur Natur, sonst gar nichts. Oben, auf der Schräge, die zum Plateau der Klippe führte, schoß ein gewaltiger Blitz in den Himmel und ein Pokémon jaulte auf, sie konnte nicht erkennen, was für eines es war. Sie sah Ash, der ein Stück voraus war, nur noch schneller rennen, und dann… begann das Bild zu stottern, weil Kirlia müde wurde, sich aber trotzdem weiter anstrengte. Es verlor zue;rst die Farbe, und hüpfte nachher wie ein rissiger Film. Sie liefen noch weiter den Hügel hinauf und da kämpften zwei Pokémon, eines verteidigte, schwer in Mitleidenschaft gezogen, das andere griff mit unverminderter Härte gnadenlos an. Ash… sprang vor um…
Kirlia sackte zusammen und Lucia lief das Pokémon in den Ball zurück. Beschämt gab sie den Ball nachher gleich Schwester Joy, die ein wenig tadelnd seufzte, Kirlia dann aber behandelte.
Wenig später waren alle wieder vereint. Doch sie hatten immer noch keine Ahnung, wo sie anfangen sollten, zu suchen.
Kapitel 6 : Ein Zwischenstopp daheim
»Ob der Boss was wissen könnte?« fragte sich Mauzi, als er endlich entlassen worden war. Noch immer war die Stelle, wo Rettan ihn gebissen hatte, mit einem Verband eingebunden. »Ich meine… wenn einer etwas über eine neue Abteilung von Team Rocket weiß, dann doch sicher er. Ich habe nicht viel mitbekommen, weil ich in der Hierarchie ganz unten war. Beim Putzdienst hört man fast gar nichts.«
Jessie lehnte sich zurück und sagte: »Ich kann mich glaube ich erinnern… ich denke nicht, daß der Boss etwas darüber weiß. Sie haben doch vor der Tür geredet, Mauzi? Ich weiß nicht mehr viel nach der vollen rechten, aber ich denke sie planen eine feindliche Übernahme.«
Ash stöhnte: »Diese Verbrechersyndikate sind alle gleich. Und jetzt bekriegen sie sich auch schon untereinander.«
Lucia überlegte: »Dann hat es keinen Sinn da noch mehr Staub aufzuwirbeln. Vielleicht verhindern wir so auch, daß sie erfahren, daß sie gesucht werden. Niemand kann sagen wo die Informanten oder Sympathisanten von Rocket Revolution noch sitzen.«
Ash setzte fort: »Nein, nein, es wäre mir sowieso nicht Recht gewesen, noch mehr Personen da mit hinein zu ziehen und ich fand es auch gut, daß James dem Privatdetektiv nicht mehr erzählt hat, als die Urinformation.« Er sah zum anderen Mann hinüber.
Dieser blinzelte blank und fragte etwas eher Sinnloses: »Eine volle Rechte?«
Jessie schüttelte den Kopf und brummte: »Die Jahre mit seiner Frau haben ihm nicht gut getan, das hört man. Okay. Wir werden uns am Besten einmal mit ein paar Trainern unterhalten, die auch Pokémon verloren haben.« Dann änderte sich ihr Tonfall und sie sah Mauzi an: »Sollte sich herausstellen, daß Bill und Bonny es auf den Boss abgesehen haben, und wir verhindern das, bügeln wir damit alles aus. Und ich brauche mich nicht mehr in der Bank hocharbeiten, nein. Dann werde ich sofort Chefin. Das bedeutet Geld, Geld, Geld.«
Mauzi rieb sich die Pfoten: »Ich fall sicher auch die Karriereleiter hoch, und der Boss wird endlich erkennen, daß ich ein unersetzlicher Mitarbeiter bin! Ich werde jeglichen Luxus haben, den man sich erträumen kann! Juhu!«
»Schon gut…« beschwichtigte Lucia die beiden, bevor sie weiter in ihre Träume abglitten. »Wir sind immer noch am Anfang, wir wissen nicht einmal wo wir suchen müssen.«
Ash war auch eher mißmutig: »Und ich denke nicht, daß die Polizei uns irgendwelche Informationen gibt, die vielleicht geheim sind. Wir sind auf uns selbst gestellt. Es ist wie die Suche nach einem sehr seltenen Pokémon. In so etwas bin ich geübt. Wir werden herumstreifen müssen, bis wir etwas finden.«
James erschrak: »Überall? Das dauert doch viel zu lange. Das kann Jahre dauern, und außerdem, überall und jedes Haus können wir nicht abklappern.«
Jessie fragte: »Wieso haben wir es denn plötzlich so eilig? Ich meine, sie waren doch jahrelang ruhig. Warum sollten Bonny und Bill gerade jetzt ihren Plan durchziehen?«
Ash knurrte: »Weil wir aufgetreten sind. Wir haben eines ihrer Labors gefunden und sie gezwungen, hier ihre Zelte abzubrechen. Sie sind sicherlich in eine neue Basis umgezogen an deren Aufbau sie lange gearbeitet haben. Schließlich sollte dieser neue Platz auch unentdeckt bleiben. Da wir aber nun wissen, daß etwas vor sich geht… werden sie in Aktion treten müssen, wenn sie nicht auflaufen wollen.«
Lucia sagte: »Oder sie versuchen uns aufzuhalten. Sie schrecken vor nichts zurück, was die Sache mit Jessie und Mauzi deutlich gemacht hat. Sie haben keine Skrupel.« Schweigen breitete sich aus. Sie waren noch immer am Anfang, egal wie man auch diskutieren mochte.
»Vielleicht sollten wir einfach nach Hause fahren.« schlug James mit einem Mal vor.
Alle sahen ihn verwundert an. »Nach Hause?«
Ash knurrte böse: »Meinst du etwa aufgeben? Das mache ich niemals!«
James hob abwehrend die Hände: »Nein, nein keineswegs, da habt ihr mich wohl falsch verstanden. Ich meine, zu mir nach Hause. Wie ihr wißt hat das Anwesen weit über hundert Zimmer, und dort hin werden auch die Informationen des Detektivs geschickt. Ich habe Zugang zu verschiedensten Computern und Archiven, und es ist angenehmer als hier. Da wir sowieso nicht wissen wo wir hinmüssen, können wir auch gleich von wo anders aus starten.«
Lucia und Ash sahen einander an und nickten. Sie antwortete: »Von uns aus gern.«
Ash fragte: »Dort ist bestimmt genug Platz zum Trainieren.«
James nickte: »Natürlich. Außerdem hat Kaori dann seinen Spaß, er sieht für sein Leben gerne Pokémonkämpfe. Ich muß nur schnell telefonieren, dann kommt uns der kleine Hubschrauber abholen.«
Lucia bedankte sich: »Oh, Ash kann mitfliegen. Wir haben ein Leihauto hier, das werde ich bis zu deinem Landgut fahren. Wo liegt es denn? Zeigst du es mir auf der Karte?«
James lachte: »Aber nicht doch. Ich bestelle den größeren Helikopter da könnt ihr euer Auto mitnehmen.« Er stand auf und ging zum Telefon.
Mauzi grinste breit: »Leben im Luxus, haben wir uns das nicht immer gewünscht, Jessie? Jetzt kriegen wir es gratis. Ich bin sicher der erste, der die Schatzkammern findet, nicht wahr, und ein paar Goldbarren weniger, die werden schon nicht auf fallen, oder ein, zwei Steinchen…« Er blickte zur Seite und erschrak beinahe zu Tode.
Jessie sah für eine Sekunde lang aus, als würde sie vor Wut explodieren und zu schreien beginnen. Doch sie sagte ruhig: »Im Endeffekt ist es nicht mehr und nicht weniger als der Plan, den wir vor Jahren sowieso schon hatten.« sie grinste breit.
Lucia runzelte die Stirn und flüsterte Ash ins Ohr: »Das ist sehr verwirrend…«
Er nickte: »Finde ich auch, doch so sind die nun einmal. Sie wollen uns helfen, allein das zählt. Denke ich. Ich hoffe nur, wir kommen bald weiter.«
Nicht lang später kam ein schwerer, großer Hubschrauber angeflogen, der sogar zweistöckig war. Im unteren Teil gab es eine Garage, wo man ein Auto parken konnte, darüber befand sich die Fluggastkabine. Eine breite Treppe mit einem roten Teppich darauf führte hinauf.
Hopkins, der Butler, stand oben und rief wieder durch das Funkgerät: »Sind Sie das, Master James? Sie sehen so… äh… verändert aus.«
»Natürlich bin ich das. Wer sonst.« antwortete James etwas indigniert. »Ich habe mich nur umgezogen und rasiert. Los, Ash, fahr dein Auto in die Fluggarage, und steigt ein.« Er ging nach vorn und wechselte ein paar Worte mit dem Piloten.
Mauzi murmelte: »Also ich weiß nicht, ist nun James reicher, oder der Boss?«
Jessie flüsterte ihm zu: »Egal. Ich werde das genießen… schließlich sind wir seine Gäste.«
James unterhielt sich kurz mit den Piloten, dann warteten sie noch, bis Ash auch eingestiegen war. Sofort hob der große Helikopter ab. Alles hier war sehr luxuriös. Es gab eine Minibar, sowie umklappbare Sitze, Teppichboden und edle Leuchten. Im Heck gab es ein kleines Badezimmer und eine Bordküche; ein Fernseher hing von der Decke, er war aber nicht eingeschaltet, sondern leise Musik spielte im Hintergrund. Es gab Zigarren und edle Weine.
Jessie ließ sich im großen Lehnsessel nieder und schnappte nach einer exquisiten Flasche Fruchtsaft. Diese Marke war als die beste der Welt bekannt und enthielt nur die teuersten und seltensten Früchte und Beeren. Es hieß, daß dieser Saft einfach himmlisch war.
»Pa, pa, pa!« rügte Hopkins, der Butler. »Wir wollen es doch nicht übertreiben.«
»Was… soll das denn?« fragte Jessie nach. »Ich darf diesen Saft nicht haben? Wir sind Gäste, und behandelt man so Gäste?« Sie wurde lauter. »Fragen Sie doch mal nach, Sie Butler, Sie! Master James hat uns eingeladen! Höchstpersönlich!«
James räusperte sich. Er schüttelte leicht den Kopf. »Jessebell wird mir allein schon den Marsch dafür blasen, weil ich den Helikopter genommen habe.«
Hopkins schlug vor: »Wenn sie fragt, könnten Sie der Madam erzählen, daß Kaori einen Ausflug in die Stadt machen wollte, und Sie den Wagen mitgenommen haben, damit er nicht zu Fuß gehen muß. Der Junge spielt sicherlich mit.«
James nickte: »Das ist eine gute Idee. Danke Hopkins.«
Der Butler antwortete: »Sie waren immer freundlich zu mir, Master James.«
Mauzi war die ganze Sache nicht geheuer aber er sagte nichts. Irgendetwas war seltsam hier. Und wenn man es genau überlegte war von Anfang an etwas an der Sache komisch gewesen. Doch schon in der nächsten Sekunde nahm die Massagefunktion des Sessels alle zweifelnden Gedanken weg, und es ließ sich furchtbar gut entspannen.
Der Hubschrauber landete an einer Stelle des riesigen Landguts, wo man ihn Vom Haupthaus aus nicht mehr hören konnte, damit sich niemand gestört fühlte. Man konnte mit einem der Autos, die beim Landeplatz standen, bis zur Villa vorfahren. Im Hubschrauberhaus, das als kleines Domizil neben dem Landeplatz diente, gab es auch mehrere Zimmer, und einen großen Pool. Sie blieben dort aber nicht lange. Ash, Lucia, Jessie und Mauzi nahmen das mitgebrachte Auto; Hopkins führte James im großen Wagen. Der kleine Wagen war schneller dort und wurde zum Gästeparkplatz geleitet, von wo es über einen Nebeneingang ins Haus ging. Niemand hielt sie auf und Mauzi war mehrmals kurz davor, einfach irgendetwas aus Gold einzustecken. Wie ärgerlich, daß er keine Tasche dabei hatte! Hier lag so viel herum…
Und sie blieben wie angewurzelt stehen. Jessies Spiegelbild wanderte langsam auf sie zu. Nein, ganz stimmte das nicht. Die andere Frau, Jessebell, hatte sehr elegante Kleidung an, ein Kostüm des angesagtesten Designers der Welt, und trug dazu einen breitkrempigen Reisehut.
Ihre Haare waren lockig gedreht, und noch etwas unterschied sie von Jessie. Sie erwartete ein Baby, und sie strahlte all die Macht und den Reichtum aus, den sie auch wirklich hatte.
»Oh, hallo?« sagte sie verwundert. »Was macht ihr denn alle hier?« Sie sah die Vierergruppe skeptisch an. »Kenne ich euch nicht irgendwo her?« Sie begann zu grinsen, aber man konnte nicht ganz klar sagen, was sie dachte. »Ich denke, ich kenne zumindest drei von euch doch. Hat James euch eingeladen? So weit ich mich erinnere, wart ihr letztens auch mit ihm hier… das muß schon einige Jahre her sein. Ich muß sagen… Jessie… Jessie war der Name… oder? Du hast dich nicht sehr gut gehalten. Ich sehe wesentlich besser aus.«
Jessie lief rot an und knurrte: »Immerhin habe ich nicht Tausende an Schönheitschirurgen auf Abruf! Meine besten Freunde heißen nicht Botox und Silikon!«
Ash drängte Lucia ein paar Meter zurück, während sich die beiden älteren Frauen so böse anfunkelten, daß man direkt die Blitze sehen konnte, die sich in der Mitte trafen. Die fehlenden Jahre hatten ihre gegenseitige Abneigung nicht abgeschwächt.
Jessie fragte gehässig: »Was treibt dich gerade den Weg entlang, wo wir gehen? Dieses Haus ist groß genug daß wir uns nicht begegnen müßten.«
Jessebell erklärte hochnäsig: »Rein zufällig wohne ich hier, und keiner von euch. Außerdem suche ich eben meinen Sohn, und James hat sich auch noch nicht blicken lassen. Ich war jetzt recht lange auf Reisen, da könnte er mich schon begrüßen. Nein, stattdessen sehe ich hier drei seltsame Besucher und eine mickrige Möchtegern-Kopie von mir.«
Mauzi brummte leise: »Daher war James so entspannt, sie war gar nicht da. Oder sie hat ihn komplett unter der Fuchtel, so daß er es nicht einmal mehr merkt…«
Jessebell hatte offenbar sehr gute Ohren und lachte: »Er widerspricht mir nie.« Sie hatte schon begriffen, daß Jessie über ihr Auftauchen in einiger Hinsicht erschrocken war und da sie gern einmal jemanden neckte, genoß sie diese Situation ganz und gar. Sie merkte aber auch gleich, daß die beiden anderen, die Ex-Knirpse, nicht beeindruckt waren.
Jessie jedoch knurrte wortlos und hatte die Hände zu Fäusten geballt. Sie hatte angebissen.
Jessebell erklärte lächelnd: »Nun, im Grunde genommen ist es ja nicht verwunderlich, daß du ein wenig matt wirkst, schließlich habe ich alles was du immer wolltest. Allerdings… ich könnte mich dazu überreden lassen, dir einen Haarschnitt zu bezahlen. Stell dir nur mal vor, jemand verwechselt uns auf der Straße, weil er Tomaten auf den Augen hat. Das Gerede über diese scheußlichen Haare würde ich nicht überleben. Nicht auszudenken, diese Schande.« Sie wedelte lässig mit ein paar Geldscheinen. »Na nimm es nur, du kannst es brauchen.« Sie streckte das Bündel Geld vor.
In der Sekunde kam James den Gang herunter getrabt. Er hatte den kleinen Jungen dabei, und trug ihn auf den Schultern. »Hab ich euch endlich gefunden.«
»Mutter, du bist wieder da? Ich habe das gar nicht mitbekommen.« sagte Kaori.
James setzte den Kleinen ab und fragte: »Warst du gemein zu ihnen, Jessebell?«
»Nur ein bißchen. Laß mir doch meinen Spaß, James. Gut, daß du Kaori mitgebracht hast.« Sie wandte sich an den Kleinen: »Mami hat dir von der Reise was mitgebracht. Komm mit.«
Kaori hüpfte auf und ab: »Kommt Papa auch schauen?«
Jessebell warf noch einen hämischen Blick auf Jessie und dann auf James, und erklärte: »Später, mein Sohn, er hat noch etwas zu tun.« Sie schob ihn weg.
James sah ihr ein bißchen argwöhnisch nach. »Was hat sie euch denn erzählt?« Dann schüttelte er den Kopf: »Ist egal. Ich zeige euch eure Zimmer, wenn ihr wollt.«
Sie folgten ihm in die luxuriösen und Räume des Gästeflügels des riesigen Anwesens.
Lucia und Ash hatten Zimmer nebeneinander, die sich in der Mitte ein Bad teilten, ebenso Jessie und Mauzi. Das Pokémon wunderte sich ein bißchen, daß das große Bett anscheinend belegt war, und James für ihn eine kleinere, aber bequeme Schlafstätte herrichtete. Es war ein hängendes Korb-Wasserbett und sehr kuschelig. Mauzi wollte gar nicht mehr aufstehen.
»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, bei mir im Zimmer zu schlafen.« sagte der Mann, während er einen Polster aufschüttelte. »Die Bediensteten sind sicherlich froh, wenn sie weniger zu putzen haben. Außerdem herrscht für meine Gäste hier Selbstbedienung, ebenso wie für mich. Ich rufe eigentlich nur selten einen Diener. Das sollte ich Jessie vielleicht auch sagen, denn sie hält sich bestimmt für die Königin der Welt, wenn sie das alles hier sieht…« Er überlegte kurz, wie er ihr das am Besten beibringen konnte. Und das machte ihm Sorgen.
In diese Stille hinein erkundigte sich Mauzi vorsichtig: »Du schläfst hier? Im Gästetrakt? Nicht bei deiner Frau?«
James konzentrierte sich gar nicht und fragte abwesend: »Bei wem bitte?«
»Na bei Jessebell. Ich meine, du bist doch mit ihr verheiratet.« beanstandete das Pokémon.
»Verheiratet?« James hörte immer noch nicht zu, sondern schien immer nur das letzte Wort des Satzes wahrzunehmen. Er machte sich mittlerweile sehr ernste Gedanken darüber, daß Jessie ihm tatsächlich eine reinwürgen würde, wenn er sie darum bat, daß sie die Bediensteten nicht nerven sollte. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, sie hierher zu bringen. Das könnte unter Umständen übel ausgehen.
Mauzi erklärte weiter: »Verheiratet. Du weißt doch, was das bedeutet, oder? Das ist diese Sache wo man andauernd zusammen ist, im gleichen Schlafzimmer schläft und sich gegenseitig den Rücken kratzt, wenn der andere nicht hinkommt.«
James hatte diesmal halb zugehört: »Wo juckt es dich denn? Hast du etwa Flöhe?«
»Hä?« Mauzi gab es auf, es auf die sanfte Weise zu versuchen. Offenbar war James die lange Zeit außerhalb von Team Rocket wirklich nicht gut bekommen. Er würde es ganz einfach lassen und legte sich in sein kuscheliges Bett zurück. Aber seltsam war es doch.
Ash schien die Zeit nicht genießen zu können. Er hatte sich nur die paar Minuten genommen, um seinen Koffer abzustellen, dann war er schon hinaus in den Park gelaufen, um mit seinen Pokémon zu trainieren. Lucia gesellte sich bald dazu und ließ ihre Pokémon auch heraus, um sie auf die kommenden Dinge vorzubereiten, so weit es eben ging. Mauzi hatte erzählt, daß diese beiden Verbrecher irgendetwas mit den Pokémon anstellten, um sie stärker zu machen. Gefährlicher bestimmt, als alles, was vorher da gewesen war.
»Auf was können wir uns nur einstellen.« murmelte Lucia, als sie ihr Impoleon einen riesigen Wasserwirbel produzieren ließ. Absol von Ash sorgte für nachtschwarze Dunkelheit in dem Wirbel. Noch war die Dunkelwolke im Wasser eingeschlossen, aber Lucia ließ alles in eine Richtung davon schwappen und erzeugte eine dunkle Wasserwand, die ihnen sicherlich einige Sekunden Vorsprung, oder auch Erholung, oder die letzte Chance zu fliehen bringen würde. Ash seufzte: »Ich fürchte mich vor allem vor einem, und zwar daß ich mich falsch entschieden habe. Hätte ich die ganze Sache nicht anrühren sollen? Ich meine, bis jetzt ist noch nicht viel passiert… nein, was rede ich da. Sie hätte Jessie und Mauzi beinahe umgebracht. Und das war erst der Anfang, was wenn es noch schlimmer wird? Darf ich meine Pokémon riskieren, nur um einer Vermutung nachzujagen?«
Lucia antwortete tröstend: »Das kann ich jetzt nicht sagen. Aber… aber das wärst nicht du wenn du es nicht versuchen würdest. Pikachu war dein erstes Pokémon, du hast ihn vor zehn Jahren bekommen. Du würdest nie aufgeben, ihn zu suchen.« Ash nickte lächelnd und sie begannen wieder zu trainieren.
Wenig später kamen James Eltern, Jessebell, und der kleine Kaori zuschauen. Diener trugen ihnen Sessel nach und spannten Sonnenschirme über ihnen auf. Auch James gesellte sich dazu und trainierte mit Fukano und Venuflibis mit. Die Familie verhielt sich im Gegensatz zu früher sehr friedlich. Ash und Lucia konnten es nachfühlen, daß James sich mit ihnen arrangiert hatte. Man konnte nicht auf ewig im Streit leben, das zahlte sich nicht aus.
Kaori war von der Vorstellung begeistert und erkannte Ash erst jetzt so richtig als den Meistertrainer wieder, der schon so oft interviewt worden war. Man kannte ihn aus dem Fernsehen, aus Zeitungen, natürlich auch aus Geschichten. Ganz eifrig betrachtete er jedes Pokémon und war absolut glücklich darüber, daß Ash ihn nachher seine Pokémon aus der Nähe anschauen und auch anfassen ließ. Besonders Donphan hatte es ihm angetan. Er war außer sich, als er kurz reiten konnte.
Jessie hingegen blieb oben im Haus und sah nur kurz aus dem Fenster, dann ließ sie sich vom Zimmermädchen, das ein wenig murrte, ein Bad im großen Whirlpool einlassen. Noch mehr murrten die Bediensteten, als sie sich etwas zu Essen bestellte und sich durch das ganze Haus bringen ließ. Was war denn mit diesen Leuten los?! So unfreundlich brauchte man zu Gästen aber schon gar nicht zu sein. Bestimmt hatte die Hausherrin hier ihre Finger mit drin und dem Hauspersonal gesagt, daß sie so sein sollten, um die Gäste zu vergraulen. Sie würde sich sicherlich nicht verjagen lassen, so weit käme es noch!
Schließlich kam Lucia herauf um zu fragen, ob sie nicht mittrainieren wollte, und mit einem Seufzend erklärte sie sich einverstanden. Die Evoli-Entwicklungen, die sie sich ausgewählt hatte, konnten ihre Attacken perfekt. Ash hatte sie wirklich gut trainiert. Einmal mehr erwachte der Wunsch, sie einzustecken und zu verschwinden. Jetzt hatten sie sogar den Befehl, auf sie zu hören und man mußte sie nicht auf schwierige Weise umtrainieren… aber sie blieb da und kämpfte auf faire Trainingsweise mit Ash, Lucia und James. Mauzi machte meistens den Schiedsrichter, da sie immer in Paaren am Kämpfen waren.
Der Abend kam mit einer Überraschung, denn James Eltern hatten die Gäste aus adeliger Höflichkeit zum Dinner eingeladen, und man sollte sich schicklich kleiden. Daher hatten sie nach ihren Dienern geschickt, die den überraschten Besuchern schöne Kleidung brachten.
Ash bekam einen schwarzen Smoking mit rotem Kummerbund und Fliege, Lucia dazupassend ein weißes Kleid mit einer roten Schärpe und roten Verzierungen darauf. Sie Natürlich paßte alles genau, denn die Diener hatten den richtigen Blick für so etwas.
Jessie wurde ein blaues Kleid gegeben, das zu ihren Augen paßte, Mauzi zog einen kleinen schwarzen Anzug an, ebenfalls mit Fliege und Kummerbund, allerdings in Blau. Es erschien, als ob man erwartete, daß Jessie mit dem Pokémon als Begleiter kommen würde. Das ärgerte sie ein bißchen, denn… ach, mit wem hätte sie sonst hingehen können?
Zu aller Überraschung waren nur James Eltern, Jessebell und der kleine Kaori beim Abendessen anwesend, und man verteilte sich dermaßen großzügig am langen Tisch, daß man laut reden mußte, um sich zu unterhalten. James Eltern nahmen die Plätze an den Stirnseiten ein, Lucia und Ash saßen sich gegenüber in der Mitte der oberen Hälfte, nahe James Vater, Jessie und Mauzi in der Mitte, Kaori und Jessebell genau so aufgeteilt an der unteren Hälfte bei der Hausherrin. James fehlte und es war auch kein Sessel für ihn aufgestellt.
»Nun, ich habe gehört daß Sie nun ein Pokémon-Meister sind, Mister Ketchum?« begann James Mutter ein Gespräch. »Bitte erläutern Sie doch, weshalb Sie hier sind.«
Ash antwortete: »Wir sind alte Freunde von James, er hat uns hierher eingeladen. Für einen kurzen Besuch, um der alten Zeiten willen.«
Jessebell lachte: »Um der alten Zeiten willen, das ist witzig. Nun, mittlerweile ist diese Geschichte wirklich ein alter Hut, nicht wahr, Kaori?«
Der Junge nickte: »Du und Papa habt sie mir mal erzählt, das war lustig. Wo ist Papa eigentlich? Er war doch vorhin noch da.«
»Dein Vater hat gesagt, er muß noch etwas erledigen, er wird daher heute nicht mit uns essen. Aber er schickt dir nachher Agathe vorbei, zum Geschichten erzählen.«
»Schön.« sagte der Kleine und aß brav weiter an der Vorspeise.
Mauzi schluckte krampfhaft einen Bissen hinunter. Er hätte sich nie träumen lassen, daß das einmal passieren würde. Die Situation war zu unwirklich. Und die arme Jessie… sie tat hart und kalt wie ein Eisblock und es fiel wahrscheinlich niemandem auf, aber Mauzi, der sie ganz gut kannte, merkte wohl, wie sehr jedes Wort ihr zusetzte.
Sie hatte sich damals nie träumen gewagt, daß es einmal so weit kommen würde. Sie saß hier am selben Eßtisch mit James’ superreichen Eltern, seinem Sohn und seiner Frau, die, wenn man es genau nahm, wirklich wie ihre Zwillingsschwester aussah. Eine Sekunde lang wagte sie es zu überlegen, wie es kommen hätte können, wenn sie damals nicht... wenn sie damals nicht so hart gewesen wäre, sondern einmal, ein einziges Mal nur…
Der Hauptgang wurde aufgetragen und es war herrlich. Der Duft allein nahm jede Fähigkeit zu denken, und es war unangenehm genug zu sehen, wie Mutter und Großmutter den kleinen Kaori bei jedem Bissen erziehen wollten. »Sitz gerade.« »Ellenbogen vom Tisch.« »Das ist nicht die Fischgabel.« »Zwischendurch darfst du nicht trinken.«
Der Abend verlief trotz allem Pomp und Trara halbwegs friedlich und die Gäste konnten sich zurückziehen. Es war klar, daß Kaori weiter bei den Trainings zusehen wollte, aber ab Morgen würden auch seine Hauslehrer wieder da sein und die Ferien waren vorbei. Man würde die Gäste daher eher unbehelligt lassen. Sie zogen sich zurück. Lucia war todmüde und schaffte es kaum, sich die Zähne zu putzen, Ash war etwas wacher und überholte sie in allem, dann griff er noch kurz nach ihrer Hand und hielt sie fest, als sie gerade in ihr Zimmer wollte.
»Du hast den Ring weggelegt?« fragte er sie.
Lucia nickte. »Es gab einen Zeitpunkt, da dachte ich, ich schaffe es nicht mehr. Ich weiß nicht, vielleicht ist diese Sache hier jetzt auch unser Schicksal. Wie es auch ausgeht, es hat sicherlich Einfluß auf uns.« Sie griff in ihre Tasche und steckte den Ring wieder an.
Ash seufzte: »Es tut mir so Leid. Ich weiß gar nicht, wie schrecklich ich gewesen sein muß, und du bist trotzdem noch da. Ich liebe dich so sehr, das kann ich in Worten gar nicht ausdrücken. Und ich konnte so was ja noch nie so gut.«
»Vielleicht kannst du es mir auf andere Weise zeigen? Ein Gute-Nacht-Kuß wäre nett.«
»Den kannst du gerne haben.« Er lächelte, küßte seine Verlobte und umarmte sie kurz, dann gingen sie jeder durch die eigene Tür ins Schlafzimmer. Es war spät geworden.
Mauzi öffnete die Tür und fand ein erleuchtetes Gästezimmer vor, mit James, der angestrengt vor einem Computer saß. Neben sich hatte er ein sichtbar selbstgemachtes Abendessen stehen, ein Sandwich, und biß hin und wieder davon ab.
Das Pokémon setzte sich neben ihn. »Du warst gar nicht essen.«
»Wieso auch, ich hatte zu tun, und konnte mir selbst ein Brot besorgen. Das reicht. Leg dich schlafen, ich suche noch die Zeitungen des Jahres fertig durch, in dem Pikachu verschwunden ist, dann drehe ich den Computer ab. Das ist nämlich recht interessant. Ich versuche dich nicht zu stören.«
Mauzi nickte und gähnte, ging noch kurz ins Bad und legte sich nachher hin um James nicht mehr zu belästigen. Es war so viel an diesem Tag passiert und die vergiftete Pfote tat noch immer weh. Er war so rasch eingeschlafen, daß er sich gar nicht mehr Gedanken darüber machen konnte, was er denn am ehesten von hier klauen würde. Goldmünzen, eine Badewanne von Goldmünzen…
Jessie hingegen lag noch lange wach. Sie konnte einfach nicht schlafen. Es war verlockend, hier zu sein und sich bedienen zu lassen, wie eine reiche Herrin. Das war alles, was sie sich je gewünscht hatte. Früher... nein! Auch jetzt noch. Es gab nichts mehr, daß sie wollte. Geld, und Macht, und so viel Zeit und Aufmerksamkeit, daß sie endlich ihre Schauspielkarriere vorantreiben konnte.
Ja, genau, mehr war nicht nötig, das war alles. Das was früher war, war unwichtig geworden. Die Zeiten hatten sich geändert, und zwar unwiederbringlich. Vorbei, ein Teil der Geschichte. Niemand konnte es zurückholen. Warum wollte sie das so sehr. Weil James ihr einziger, wahrer Freund im Leben gewesen war. Darum? Wieso gönnte sie ihm das Glück das er hatte, dann nicht. Sie konnte nicht… weil… er damit ihr Glück zerbrochen hatte. Aber nein! Wozu Glück, das brauchte niemand, um Geld konnte man sich alles kaufen. Aber keine Menschen, mit denen man durch dick und dünn gehen konnte. Keine wahren Freunde. Keine Liebe… Schluß, aus! Das war genug! Es war genug, genug, genug…
Sie drehte sich im verzweifelten Versuch, einschlafen zu wollen auf die andere Seite, aber das ging nicht gut, daher setzte sie sich wieder auf. Vielleicht würden ein paar Worte mit Mauzi helfen, immerhin war das Pokémon erfahren genug um einen Rat zu haben. Sie ging durchs Bad ins Zimmer des Pokémon und merkte am Türspalt unten Licht. Also war Mauzi noch wach. Sie öffnete die Tür und sah sich einer unerwarteten Szene gegenüber, James arbeitete am Computer, und Mauzi schlief tief und fest.
»Oh, Hallo.« sagte James beiläufig. »Kannst du nicht schlafen?«
Jessie stotterte: »Ich… eh, nein…« dann fragte sie härter: »Was machst du gerade?«
»Ich sehe mir für unsere Unternehmung was in den Archiven an.«
Jessie war schnippisch: »Und dazu mußt du dich vor Jessebell verstecken, nicht wahr? Wehe sie wüßte, was du machst, dann gäb’s bestimmt Saures.«
Etwas unwirsch retournierte James: »Was hast du dauernd mit Jessebell! Laß sie da raus! Hör mal damit auf, auf ihr herum zu hacken.«
Jessie erstarrte als hätte er sie mit einem Vorschlaghammer mitten in der Brust getroffen. Sie sank unwillkürlich nach hinten gegen den Türstock. Ohne dieses Hilfsmittel wäre sie wohl gleich umgekippt, aber ihre Beine gaben auch so nach. Noch ehe sie etwas dagegen tun konnte, saß sie mit dem Rücken zur Wand am Boden. Ihr war eiskalt.
James fragte verwundert: »Was…« Er wurde abrupt unterbrochen, weil die Haupteingangstür zu seinem Zimmer aufkrachte. Auch Mauzi fuhr hoch wie gestochen.
Ash sagte laut: »Rocko hat gerade angerufen! Er hat gesagt ich soll die Nachrichten anschauen! Schnell, dreh den Fernseher auf!«
Kapitel 7 : Schlimme Nachrichten!
Die Breaking News liefen in allen Kanälen. In den Filmen, wo man keine Bilder zeigte, ratterten Infotexte durch, die auf einen der Nachrichtensender verwiesen. Es war etwas passiert. Im Süden von Tolan, dem neuen Heimatland von Ash und Lucia, war am späten Nachmittag Ortszeit ein schrecklicher Unfall passiert. Ein Fährschiff war von einem in Wut geratenen, horrend starken Dragoran angegriffen worden. Nichts hatte dieses Dragoran besänftigen können. Obwohl einige der Leute an Bord eigene Pokémon mit gehabt hatten, die gekämpft hatten, war das Ende unausweichlich gewesen. Keiner hatte eine Chance gegen das Dragoran gehabt. Nicht die geringste. Das Schiff war nur eine halbe Stunde später komplett untergegangen. Man hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, alle Rettungsboote, die nicht beschädigt worden waren, zu Wasser zu lassen.
Es war noch nicht klar, ob Menschen umgekommen waren, es war auch in Tolan schon dunkel geworden, wenn dort die Zeit auch um drei Stunden zu verschoben war. Man konnte am Wasser nichts erkennen. Aber es hatte ganz bestimmt Verluste unter den Pokémon gegeben. Die meisten waren einfach vor den Augen ihrer Trainer verschwunden. Da noch nicht viele Menschen Pokémon sterben sahen, konnte sich keiner etwas darüber erklären.
Ash war vollkommen aufgeregt: »Wir müssen sofort da hin, vielleicht finden wir dort Spuren! Die Fähre, die betroffen ist, kenne ich! Lucia und ich haben sie selbst einmal benutzt um auf die Ferieninsel Solahuna zu fahren! So ein wütender Angriff kommt bestimmt nicht von Ungefähr. Bestimmt stecken diese Maschinen, die du entdeckt hast, dahinter, Jessie.«
»Solahuna?« fragte sich Jessie halblaut. »Das ist doch eine der verschlafensten Inseln von ganz Tolan, oder nicht? Sie liegt etwa zwei Bootstunden vor der Hafenstadt. Topas Bay.«
Mauzi nickte: »Ja. Eigentlich ist das ein perfekter Ort, um sich zu verstecken. Dort vermutet sicherlich niemand solche Verbrecher. Ob sie dort eine Basis haben, oder ob sie sich als einfache Urlauber tarnen?«
Jessie fragte sich: »Aber wer beweist uns, daß dieses Dragoran wirklich mit Billy und Bonny zu tun hat, und das nicht nur reiner Zufall war, oder ein Ablenkungsmanöver?«
Ash knurrte: »Und wenn es Ablenkung war, dann waren es trotzdem die beiden.«
James fügte hinzu: »Einem Trainer in Sinnoh, genauer gesagt in Sonnewik, starb vor zweieinhalb Jahren ein Dratini. Es ist angeblich nach einer Attacke von Tentoxa ertrunken. Sie könnten also durchaus ein Dragoran haben, wenn sie es wild trainiert haben.«
Ash beschwerte sich: »Wieso warten wir dann noch! Laßt uns sofort aufbrechen!«
Lucia kam auch ins Zimmer gelaufen. Sie hatte sich schon angezogen und hielt einen Koffer in der Hand. »Ich habe schon gepackt.«
James nickte: »Laßt mich schnell beim Flughafen anrufen und Tickets nach Topas Bay bestellen. Ich lasse sie hinterlegen, zahlbar am Check In.«
Durch den unerwarteten Trubel mitten in der Nacht, war Kaori aufgewacht und wanderte zum Parkplatz hinaus, wo Lucia gerade das Gepäck in den Kofferraum ihres Autos legte. »Fahrt ihr schon wieder?« fragte der Kleine verschlafen. »Die Pokémon waren so toll… Mutter erlaubt mir keine. Bleibt doch da.«
Lucia wandte sich ein wenig besorgt an ihn: »Du solltest doch im Bett sein. Du hast ja gar keine Schuhe an, und es ist kühl im Schlafanzug.«
Kaori murmelte traurig: »Wenn ihr jetzt fahrt und Onkel James mitkommt, dann sehe ich ihn nicht mehr, oder?«
Lucia bückte sich zu ihm und legte ihm eine Decke aus dem Auto um die Schultern. »Wieso solltest du ihn nicht mehr sehen?«
Kaori schluchzte: »Weil er Mutter überhaupt nicht leiden mag. Wenn Mutter da ist, wohnt er Zuhause, in seinem Landhaus. Aber ich mag ihn so gern. Er ist der einzige der mich nicht nur rumkommandiert. Ich wünschte er wäre mein Papa.«
Lucia versuchte zu lächeln: »Ich kenne James ganz anders, als du. Aber ich glaube dir, daß du dieses Herumkommandieren nicht leiden kannst. Dein Onkel ist aber auch nicht aus der Welt, nur weil er jetzt mit uns fährt. Vielen Pokémon geht es ganz schlecht, und wir wollen ihnen helfen. Sodaß alle es gut haben. Geh jetzt wieder schlafen.«
James lief aus dem Eingang und sagte: »Ich bring ihn in sein Bett. Wartet noch kurz.«
Kaori schüttelte den Kopf: »Nein, ich geh selber wieder rein. Macht schnell.«
Rasch drehte der kleine Junge um und lief wieder ins Haus, die Decke gab er James in die Hand. Dieser seufzte und nur ein paar Minuten später saßen sie im Auto und nur zwei Stunden später im Flugzeug Richtung Tolan.
Der Flug dauerte sehr lange und langsam war dieser Tag mehr als anstrengend. Obwohl es mittlerweile schon sehr weit nach Mitternacht war, hatte noch keiner richtig ein Auge zugetan. Die meisten wußten nicht einmal, wie lange sie nun schon durchgehend wach waren und was alles in den vergangenen Stunden passiert war. Daß sie so schnell einen Hinweis erhalten würden war unerwartet gekommen, noch dazu, daß es so ein finsterer, schrecklicher Hinweis war. Etwas anderes konnte man von einem derartigen Unglück nicht sagen.
Sie erreichten den Flughafen von Topas Bay fast um dieselbe Ortszeit, an der sie am anderen Flughafen weggeflogen waren, also mitten in der Nacht. Es war dunkel und still in dem bekannten Urlaubsort, aber nach dem vielen Kaffee und der Aufregung war keinem zum Ausruhen zumute, obwohl man ihnen den Schlafmangel schon deutlich ansah.
Ash verausgabte sich aber noch mehr, indem er gleich losrannte, um etwas herauszufinden, ohne etwas zu essen, und ohne Pause. Doch in der Nacht ließ man ihn nicht einmal bis an die Docks kommen, alles war von der Polizei abgesperrt, und es hieß nur, daß ein großes Bergeschiff und ein Schlepper angefordert worden waren, um die Fähre zu heben. Also blieb ihm auch nichts anderes über, als ins Hotel zu gehen. Er fand seine Begleiter alle schlafend in der Lobby vor, der Nachtportier hatte ihnen kein Zimmer geben können. Lucia lag in einem breiten Sessel, Jessie und James waren, auf einer Couchbank zusammengesunken und Mauzi lag zwischen ihnen. Ash setzte sich dazu, aber schlafen konnte er nicht wirklich, vielleicht ein bißchen dösen. Kaum war es in Tolan auch Morgen geworden, stand er wieder auf und lief erneut zum Hafen.
Viele Menschen hatten sich schon versammelt, und man mußte sich anstrengen, etwas zu sehen. Die Fähre war mittlerweile in den Hafen gezogen worden, wo man die Untersuchungen durchführte. Seit dem Unglück am vergangenen Nachmittag waren fast achtzehn Stunden vergangen, und die Opfer des Unglücks waren schon alle in die Krankenhäuser gekommen, oder nach Hause gefahren um sich vom Schock zu erholen. Die Fähre sah schlimm aus. Das Dragoran hatte das Schiff an mehreren Stellen aufgerissen, oder zerschmolzen. Autos aus dem Unterdeck waren so fest mit dem Stahl der Wände festgebrannt, daß man sie nicht mehr erkennen konnte, und massives Metall war zersplittert wie Glas. Es war ein schier unglaublicher Anblick. Hier drängten sich aber so viele Leute, daß man zu den Ermittlern gar nicht hinkam. Außerdem würden diese wahrscheinlich keine Informationen preisgeben.
Eines kristallisierte sich jedoch heraus: Das Dragoran schien an diesem Überfall Spaß gehabt zu haben, und es war in Richtung der Insel Solahuna verschwunden. Es war sicher kein Unfall gewesen, denn dazu war dieses Dragoran zu methodisch vorgegangen. Es hatte bestimmt gelernt, gegen so große Dinge wie eine Fähre zu kämpfen. Augenzeugen sagten, es war dann in Richtung Solahuna davon geflogen.
Jessie überlegte halblaut: »Also doch die Insel, oder? Ich fürchte daß dieser Angriff ein Testlauf war. Und wenn es keiner war, sondern ein Unfall, auch dann müssen sie zuschlagen, denn der Boss wird auf das Geschehnis hin sicherlich mißtrauisch werden.«
James nickte: »Ich denke, sie hat Recht. Wir müssen auf die Insel.«
Lucia mußte bremsen: »Die Fähre ist außer Betrieb gestellt bis alles geklärt ist. Man erreicht die Insel im Moment gar nicht.«
Ash widersprach: »Ich komme hin! Wir nehmen ein Motorboot! Im Hafen gibt es genug!«
Tatsächlich war aber kein einziges Motorboot zu leihen, auch alle Tret- und Ruderboote waren weg. Viele Journalisten, Fernsehteams und Schaulustige waren zur Unfallstelle gefahren um sich alles anzusehen. Man konnte die Boote am Meer draußen erkennen.
»Unsere Wasserpokémon können uns hinbringen.« schlug Jessie vor. »Wir bauen ein Floß und lassen uns ziehen.« Innerlich jubelte sie schon. Sie würde eine Heldin sein, wenn sie die Verräter stellte! Sie würde ein ganzes Bankenimperium bekommen!
Ash nickte: »Wir nehmen Surfboards. Impoleon kann zwei ziehen, Aquana die anderen.«
Schnell waren die Surfbretter besorgt und sie fuhren von einer unbeobachteten Seitenbucht aus aufs Meer hinaus. Die Polizei hatte alles abgesperrt, auch schwimmende Barrieren lagen im Wasser, um Trümmerteile am Abtreiben zu hindern. Alles sollte untersucht werden.
Es erwies sich, daß die Strecke bis zur Insel weiter war als gedacht. Außerdem herrschte zu dieser Jahreszeit eine nicht unerhebliche Strömung. Die Pokémon mußten sich sehr anstrengen, ihre Trainer übers Wasser zu ziehen. Der Angriff des Dragoran auf die Fähre hatte sich in dem Drittel der Strecke ereignet, die dem Festland zugewandt war. Kaum hatten sie die Hälfte des Weges geschafft, lagen alle Polizeiboote und Journalistenschiffe hinter ihnen. Man konnte in Richtung der Insel gar nichts Verdächtiges bemerken.
Das Stück Land war nicht groß, und nur eine Hauptsiedlung befand sich an der dem Festland zugewandten Küste. Sonst waren nur vereinzelte Villen mit großen Grundstücken oder auch sehr viel Grün- und Waldland dort, wo man wandern und entspannen konnte. Sie gingen in dem kleinen Hafen an Land, wo normalerweise die Fähre ankerte. Obwohl ihre Ankunft recht bemerkenswert war, weil doch angeblich die Verbindung zum Festland unterbrochen war, fielen sie niemandem auf. Das ganze Dörfchen wirkte wie ausgestorben.
»Hallo! Ist denn hier jemand?« rief Ash laut in die Runde. »Gibt es hier ein Pokémoncenter?«
Impoleon und Aquana waren vollkommen kraftlos und brauchten Unterstützung, oder sie würden sich lange und langsam erholen müssen. Doch niemand reagierte.
Lucia versuchte es lauter: »Hallo! Ist hier jemand! Bitte melden Sie sich!« Es waren auch erstaunlich wenige Boote im Hafen zu erkennen, das fiel ihnen erst jetzt auf.
Endlich öffnete sich eine Haustür. Sie gehörte zu einem kleinen Krämerladen an der Hafenpromenade. Eine ältere Frau mit zu einem Knoten gebundenen Haaren kam heraus. Sie winkte und fragte: »He, habt ihr gerufen? Kommt ihr etwa vom Festland?«
James nickte und erklärte: »Ja, unsere Pokémon haben uns hergebracht, aber sie bräuchten Erholung in einem Pokémoncenter. Wo ist denn das nächstgelegene?«
Die Marktbesitzerin seufzte: »Oh je, da seid ihr hier völlig falsch, das nächste Pokémoncenter ist drüben in Topas Bay. Hier gibt es keines. Auf dieser Insel werden nur Hobbykämpfe ausgetragen, wenn überhaupt. Die meisten wollen sich erholen.«
»Das ist aber schlecht.« murmelte Lucia. »Impoleon wird lange Ruhe brauchen. Kann ich hier bei Ihnen im Laden Beleber oder Vitalkraut kaufen?«
»Ich fürchte, auch das nicht. Die Lieferung ist nicht gekommen. Ich habe ein wenig Trank hier, das kann ich euch geben. Aber sagt mir bitte, sieht man drüben mehr von dem Unfall?«
»Nein, man sieht nur das kaputte Schiff, geredet haben wir mit niemandem.« antwortete Jessie. »Wieso sind denn so wenige Leute hier?«
Die Marktfrau erklärte: »Ganz einfach. Der Angriff war gestern Nachmittag, und seither sind die Fährverbindungen eingestellt, bis alles geklärt ist. Außerdem muß ein neues Boot herangebracht werden. Die meisten Leute, die hier wohnen, arbeiten am Festland. Sie waren alle drüben, als es passiert ist. Auch die Schule ist in Topas Bay, daher sind alle Kinder weg. Hier finden sich nur noch ein paar ältere Leute, die schon in Pension sind, Heimo der Gastwirt und seine Leute, eben ich, und ein paar Urlauber in ihren Villen. Sogar der Postmann ist drüben geblieben, und alle Fischer haben beim Retten geholfen und sind auch noch nicht hier. Wahrscheinlich müssen erst alle befragt werden, oder es gibt noch genug zu tun.«
Ash nickte: »Ja, ich verstehe. Haben Sie etwas von dem Angriff gemerkt?«
»Natürlich. Jeder der hier geblieben ist, bemerkte das. Das riesige Dragoran spuckte Feuer, dann ist alles explodiert, es war schrecklich. Wir haben nichts gehört, aber das fürchterliche Pokémon ist über unsere Insel hinweg geflogen. Zuerst dachten wir, es würde hier auch angreifen, aber dann war es einfach weg. Sofort sind alle, die ein Boot haben, Helfen und Retten gefahren. Und die, die hiergeblieben sind, bangen um ihre Angehörigen.«
Lucia sagte: »Ich habe gehört, daß alle Passagiere überlebt haben.«
Die Marktbesitzerin nickte: »Das sagen sie auch in den Nachrichten. Aber es sind viele verletzt worden und Pokémon sind gestorben… es ist furchtbar.«
Ash sah noch einmal aufs Meer hinaus, und blickte dann aufs Land. »Sagen Sie, Ihnen ist nicht zufällig etwas Seltsames aufgefallen, das hier vor sich geht?«
»Meine Güte, nein.« sagte die Ladenbesitzerin. »Obwohl der alte Fischer Maximilian von einem Seeungeheuer berichtet, das er gesehen haben will. Aber er übertreibt immer.«
Lucia fragte: »Dürfen wir uns hier umsehen?«
»Natürlich. Bleibt so lange ihr wollt, ihr müßt wahrscheinlich sowieso warten, bis sich eure Pokémon erholt haben, damit sie euch zurück bringen.«
Sie trennten sich, und die vier Pokémontrainer gingen weiter ins Land hinein. Es gab auch kaum Autos hier, fast alle heimischen waren auf der Fähre gewesen oder noch am Festland. Also borgten sie sich bei einem Pensionisten ein paar Fahrräder aus, um schneller die einzelnen Villen und Grundstücke abzusuchen. Sie kamen schnell weiter, da die Wege hier im Norden der Insel gut ausgebaut waren. In der Nähe des Hafens war nichts verdächtig.
Am Nachmittag war es aber endgültig vorbei. Alle waren so gut wie erledigt. Sie hatten eine einsame Bucht mit Strand erreicht und stellten die Räder ab. Mauzi kam nicht einmal mehr aus dem Körbchen heraus, in dem er am Rad transportiert worden war und schlief gleich dort ein. Lucia setzte sich an eine Palme gelehnt hin und war im warmen Sand und der herrlichen Brise vom Meer bald im Land der Träume. Ebenso erging es Jessie und James, sie hatten sich im Schatten vom Ufergebüsch hingesetzt und die Müdigkeit überrollte sie.
Nur Ash fand wieder keine Ruhe, er setzte sich weiter vorn auf einen Felsen und schaute ins Meer hinaus. Er wußte nicht einmal, an was er alles dachte, nur, daß ihn diese Gedanken ständig wach hielten. Was, wenn Pikachu doch noch lebte! Er machte sich schreckliche Vorwürfe. Hätte er was tun können? Er hatte seinen besten Freund im Stich gelassen!
Sie schliefen bis zum nächsten Morgen, aber Lucia wußte nicht, ob ihr Freund auch nur ein Auge zugemacht hatte. Den anderen ging es besser, sie sahen, obwohl sie überall Sand kleben hatten, erholt und frisch aus. Sie konnten weitersuchen.
Lucia fuhr neben Ash her und sagte leise: »Es geht dir immer schlechter. Du machst dir so große Vorwürfe obwohl du gar nichts dafür kannst. Du wußtest es nicht. Niemand wußte es, sonst wäre das nie passiert.«
Ash versuchte an ihre Worte zu glauben, aber das war ihm nicht leicht möglich. Er hatte seine Pokémon sehr gern und immer beschützt. Hierbei zu versagen, das war… schrecklich.
Sie kamen an einigen größeren Villen vorbei. Zwei waren bewohnt und die Urlauber waren eindeutig nicht Bonny oder Bill. Die dritte Villa war zum Verkauf ausgeschrieben, und Staraptor und Ledian konnten nichts Verdächtiges sehen. Die vierte Villa war wahrscheinlich schon ein halbes Jahr lang abgebrannt, auch ein Teil des dazugehörigen Waldes hatte gelitten. Aber nirgendwo eine Spur… Trotzdem waren die beiden Pokémon, die fliegen konnten, den ganzen Tag über unterwegs, um etwas heraus zu finden.
Sie kamen jetzt in die Mitte der Insel, ein Gebiet das bei Wanderern sehr beliebt war. Einige seltene Pokémon lebten hier und man hatte das Herz der Insel, ebenso wie einige Strände, ganz der Natur überlassen. Nur einige Wanderwege führten durch, und eine kleine Straße, auf der Autos in den Süden der Insel kommen konnten. Doch die war auf der anderen Inselseite, sie begnügten sich mit einem Radweg.
»Hier ist nichts.« keuchte Jessie am Nachmittag. »Ich will nicht mehr Radfahren… mir tut schon alles weh.«
Lucia stimmte ihr zu: »Wir sollten wirklich eine Pause machen.«
Sie bogen links ab in Richtung Strand, als sie plötzlich aus dem Wald auf eine Wiese kamen, die in einem erst langsam, dann eher rasant ansteigenden Bogen zu einer Klippe hinauf lief. Rechts ging der Wald weiter und die Schulter des Berges, der die Mitte der Insel dominierte, reichte hier wie ein Rückgrat bis ans Meer, wo sonst eher nur Strände waren. Bestimmt gab es auf der Klippe ein Plateau. Es war ein schöner Platz für eine Jause, und aufs Mittagessen hatten sie sowieso vergessen. Sie packten die Picknicksachen aus und breiteten die Decke auf den Boden. Schnell war das leckere Essen hergerichtet.
Ash beschloß: »Füttern wir auch unsere Pokémon. Es wird ihnen gut tun. Rocko hat das Essen gemacht. Du kannst auch etwas für deine beiden haben, James.«
Sie ließen alle Pokémon frei und verteilten an jeden die gleiche Menge Futter. Dann ließen sich die satten Menschen und Pokémon kurz sonnen. Aquana war, obwohl es noch erschöpft war, als erstes im Wasser. Alle, die wollten, schlossen sich ihr an, und diesmal ließ sich sogar Ash mitreißen, denn seine fünf Pokémon gaben keine Ruhe, ehe er nicht im Wasser oder am Strand mit ihnen herumtobte. Nachdem sie alle wieder trocken waren, holten sie sie wieder in ihre Pokébälle. Das Spielen hatte ihnen sichtlich gut getan.
Nur Fukano von James ließ sich nicht einfangen, es schnupperte in die Luft und knurrte dann in Richtung der Klippe. James sagte: »Komm schon! Zurück, Growlie.«
Das Pokémon schüttelte den Kopf und lief los. James rief den anderen zu: »Ich glaube, er will noch spielen. Schließlich hat er nicht oft Ausflüge in den Wald gemacht… leider. Ich laufe mit ihm eine kleine Runde, und komme wieder her.«
Jessie und Lucia packten das Essen zusammen, während Ash und Mauzi die gebrauchten Teller und das Besteck im Meer abwaschen gingen. Sie steckten alles wieder in die Rucksäcke und packten die Fracht auf die Räder.
Jessie beschwerte sich: »Wieder typisch James, er taucht nicht rechtzeitig auf.«
Mauzi murmelte: »Laß ihn doch, wenn er Spaß hat und einmal nicht von seiner Frau traktiert wird, irgendwas zu machen was er nicht will.«
Lucia fragte: »Mauzi, was für eine Frau denn? Uns hat er erzählt er ist nicht verheiratet.«
Jessie sah sie an: »Er ist nicht mit Jessebell zusammen? Und Kaori, ist nicht sein Sohn?«
Ash streckte sich durch und erklärte beiläufig: »Wie kommst du drauf? Das ist der Sohn von Jessebell und Frederick. James kümmert sich nur um ihn wenn seine Eltern verreist sind. Wir werden sein Rad eben schieben. Irgendwann wird er uns schon entgegen kommen, schließlich ist er in die gleiche Richtung gerannt, in die wir müssen. Außerdem ist der Anstieg da vorne sowieso zu steil zum Fahren.« Er war nach den schönen Minuten am Strand deutlich entspannter. Schnell griff er nach dem zweiten Lenkrad und begann beide Räder zu schieben.
Jessie starrte ihm nach und fragte Mauzi: »Haben wir da etwas falsch verstanden?«
Mauzi hingegen schlug bei sich selbst ein und stellte fest: »Ah, jetzt ist mir alles klar…«
In derselben Sekunde flogen oben auf der Anhöhe der Klippe Vögel hoch. Es waren wahrscheinlich wilde Pokémon, Schwalbini und Staralili, vielleicht auch ein Habitak. Sie schienen von irgend etwas erschreckt worden zu sein. Dann hörte man Fukano laut bellen und heulen. Kaum war der nächste Herzschlag vorbei, blitzte dort eine gewaltige elektrische Entladung in den Himmel.
Ash ließ beide Räder fallen und rannte los: »Da stimmt was nicht!« schrie er zurück. »Ich muß nachsehen!« Er gab Gas und stürmte die Wiese hoch, die rasch steiler wurde.
Lucia schrie auf: »Oh nein, Ash! Sie drehte sich zu Jessie und Mauzi um. »Genau das Bild hat mir Kirlia gezeigt! Da passiert was ganz Schlimmes!« Die beiden Frauen stürmten auch los, und Mauzi hatte, obwohl er auf allen Vieren lief, die größte Mühe, ihnen zu folgen.
Kapitel 8 : Ein folgenschwerer Kampf
Bonny und Bill standen etwas überrascht auf der Wiese. Eigentlich hatten sie damit gerechnet, daß ihr kleiner Hinterhalt anders ausgehen würde und ein Hinterhalt bleiben würde. Und eins, zwei, drei, alles erledigt war. Bill legte das große Scharfschützengewehr auf seine Schulter, und griff stattdessen an seinen Gürtel. Anscheinend suchte er etwas.
James, der an einem Baum gelehnt am Boden saß, konnte seine Gegner gar nicht richtig sehen, und daher auch nicht erkennen, welches Pokémon sich in dem hellen Blitz materialisierte. Erstens stand sein Growlie schützend und groß vor ihm, zweitens verschleierten ihm seine eigenen Schmerzen den Blick. Er hielt sich die rechte Hand fest auf die linke Schulter gepreßt, aber es half nicht besonders viel, besser gesagt gar nichts. Er biß die Zähne zusammen.
Bonny fragte abfällig: »Spinnst du, oder was ist los mit dir?« Die Waffe in ihrer Hand rauchte immer noch. »Wieso hast du das gemacht? Das ist doch nur ein schwächliches Fukano!« Sie steckte die Pistole samt Schalldämpfer wieder in ihren Stiefel. Währenddessen schimpfte sie hämisch weiter: »Warum mußtest du dich da überhaupt einmischen? Jessie war auf Ash Ketchum angesetzt, und Mauzi auch. Die beiden hätten herausgefunden, was er erfahren hätte.
Sie waren eine Gefahr für uns, aber du? Du bist selbst schuld. Und jetzt taucht ihr hier auf. Hat man denn nie seine Ruhe? Wir wollten doch nur Urlaub machen, aber nein, nicht einmal das wird einem gegönnt. Ihr seid lästig! Das macht mich richtig nervös!«
Bill unterbrach sie: »Beruhige dich. Wir haben wirklich viel Aufsehen erregt. Es war ein dummer Zufall, daß Dragoran entkommen ist. Das kostet uns eben unseren Urlaub, aber nicht viel mehr. Wir haben es ja wieder eingefangen.« Er streckte sich durch und schüttelte seine türkisen Haare aus. Alles schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. »Pikachu, erledige das hier, und dann komm zur Villa, aber schnell wie der Blitz. Verstanden.«
Bonny rief das Dragoran wieder heraus und gab ihm den Befehl: »Bring uns zur Villa.« Das riesige Drachen-Pokémon nickte, und die beiden stellten sich auf je einen Fuß, bevor Dragoran losflog. Pikachu ging in Angriffstellung und lud sich auf, ein erster, heftiger Blitz…
Das konnte Ash überdeutlich sehen, und auch die anderen waren nun überzeugt, daß hier etwas ganz Übles vor sich ging. Ash rannte noch schneller, und überschlug sich fast. Aber die Strecke war noch so weit…
Das Pikachu handelte ohne weitere Befehle und absolut gnadenlos. Es schickte einen gewaltigen Donnerschock nach James und Fukano aus, den das Pokémon wie selbstverständlich abfing. Fukano jaulte unter dem schweren Schlag auf und rutschte mehrere Meter weit zurück, aber es stand fast sofort wieder dicht bei James. Es hatte sich beim Hinfallen am Boden ein Hinterbein verletzt, würde aber weiter vor seinem Trainer bleiben.
»Growlie! Mach das nicht, lauf weg!« rief dieser und versuchte, sein Pokémon zur Seite zu drängen. Der Volt-Tackle, der sie beide traf, war so schnell, daß man Pikachu gar nicht sehen konnte. Der Schlag katapultierte Fukano hoch in die Luft und warf James zeitgleich gegen denselben Baum, an den er sich vorhin gelehnt hatte. Noch bevor Fukano wieder auf den Boden traf, erreichte es schon der nächste Donnerschock.
James brüllte: »Nein!« er konnte aber nichts tun, er war zu weit weg. »Pikachu! Du hast den Befehl mich aus dem Weg zu räumen! Growlie tut deinen Trainern nichts!« Und wieder eine elektrische Entladung. Fukano kam gar nicht dazu, sich mit einer eigenen Attacke zu wehren. Es brach winselnd zusammen.
Pikachu lud sich wieder auf, zu einem Angriff, den man als Finalschlag kennen lernen würde. Blitze zuckten überall herum, trafen Bäume, versanken im Boden, strahlten in den Himmel. Im letzten Moment wurde Fukano von jemandem aus dem Weg gestoßen. Ash bekam die schwere Schockwelle allerdings voll ab und brach zusammen. Noch nie hatte er einen derartigen Schlag abbekommen.
Als nächste lief Lucia näher und Ash rief ihr laut zu: »Kümmere dich um Fukano, es braucht sofort Hilfe! Gib ihm einen heilenden Trank!«
Sie nickte und versuchte das schwer verletzte Pokémon noch weiter weg zu ziehen.
»Growlie!« keuchte James und stemmte sich mit Mühe hoch. So schnell es ging eilte er zu seinem Fukano hinüber. Es sah furchtbar aus, und er streichelte es nur ganz vorsichtig. »Ich bin da, du hast es geschafft, mich zu beschützen.«
Lucia hatte alle Heilmittel ausgeschüttet, die sie mithatte, aber Fukano konnte nicht einmal mehr etwas trinken, um durch einen Heiltrank etwas an Kraft zurück zu gewinnen. »Es ist viel zu schwach…« sagte sie bedrückt. »James. Ruf es sofort zurück in seinen Ball, es ist in akuter Lebensgefahr. Es darf den Ball erst wieder in einem Pokémoncenter verlassen.«
James suchte ihn rasch und flüsterte: »Danke, Growlie…« Das Pokémon war tief bewußtlos und verschwand im Ball.
James stand sichtlich unter Schock, und hatte sich hingekniet. Jessie hatte unschlüssig ein paar Meter weiter hinten angehalten. Mauzi, der gerade angekommen war, hielt sich an ihren Beinen fest. Er konnte nicht glauben, was hier vor sich ging und blieb lieber in Deckung.
Währenddessen war der Kampf in unverminderter Stärke weiter gegangen. Ash hatte mehrere Schocks abbekommen, und trotzdem kämpfte er noch selbst an Stelle seiner Pokémon. Laut wandte er sich an die anderen: »Lucia! Lauf weg! Das wird zu gefährlich!«
»Ich laß dich mit Sicherheit nicht allein!« antwortete sie und stand wieder auf. »Wir kämpfen zusammen!«
Ash versuchte mit Pikachu zu reden. Natürlich hatte er es erkannt. Es war ohne Zweifel sein alter Freund, doch er kannte ihn gar nicht mehr… »Pikachu! Ich bin’s, Ash, was haben sie nur mit dir gemacht? Pikachu! Es tut mir so Leid, daß ich dich im Stich gelassen habe…«
Lucia setzte Glaziola und Alpollo ein und wollte sie gegen Pikachu schicken, aber schon der erste gewaltige Donnerschlag paralysierte die Pokémon komplett. Auch Ashs Magnayen und Absol hatten keine Chance.
Ash war schon von so vielen Treffern gestreift worden, daß es keine Körperstelle gab, die ihm nicht weh tat, aber er nahm es kaum wahr. Immer wieder war er dazwischen gesprungen, wenn es für seine Pokémon zu gefährlich geworden war. »Pikachu!« flehte er wieder. Nach dem letzten, gesalzenen Schock konnte er nicht einmal mehr aufstehen. »Pikachu, bitte… das kann doch nicht sein, wir sind Freunde…« flüsterte er. Diesmal schien das Pokémon ihm halbwegs Zeit zu lassen, auszureden. Nur ein kleiner, boshafter Schock, der fast schneidend wirkte, traf seinen ehemaligen besten Freund. Pikachu grinste gemein.
Einige Tränen tropften auf die verbrannte Wiese. Ash mußte sich sehr konzentrieren. »Ich bin so froh, daß du noch lebst, egal ob du mich kennst, oder nicht…«
»Pikaaa…« mit diesem drohenden Ton baute Pikachu wieder Spannung auf.
Lucia schrie: »Ash, bitte weich aus! Lauf weg!«
»Ich kann nicht weglaufen, denn ich bin Schuld daran, daß Pikachu so viel leiden mußte!«
Das Pikachu baute weiter Spannung auf, dann ließ es einen weiß-gleißenden, mörderischen Blitz hochfahren. Dieser schoß genau auf Ash zu, zuckte aber einen Augenblick vor ihm zurück und krachte in die Erde. Von der Wucht wurde Ash davon geschleudert, die anderen wurden so sehr geblendet, daß sie einige Sekunden brauchten, um wieder sehen zu können.
Pikachu war weg, Ash lag zusammengesunken im aufgewühlten Gras.
Lucia lief zu ihm hin. Er war bewußtlos, aber er atmete… mehrere Schürfwunden sahen schlimm aus, und mußten gereinigt werden.
Lucia holte Staraptor und Gewaldro heraus. »Ich weiß, ich bin nicht Ash, aber bitte helft uns! Gewaldro, du mußt ihn vorsichtig tragen! Staraptor, such bitte eine Süßwasserquelle. Wir brauchen unbedingt frisches Wasser! Bitte beeil dich!« Das Pokémon flog los. Wenig später kam es wieder und zeigte in den Wald hinein.
»James, kannst du laufen?« fragte Lucia. »Es sind nur ein paar Minuten.«
Er nickte: »Das wird schon gehen…«
Wenig später waren sie bei einer Quelle angekommen. Ash war immer noch bewußtlos und Gewaldro legte ihn auf den Boden. Einige Verbrennungen durch den Elektrischen Strom sahen schlimm aus. Sofort machte Lucia einen kühlen Umschlag.
Jessie sagte zu Mauzi: »Beeil dich und hol die Kaffeekanne aus dem Picknickkorb, Lucia wird bestimmt abgekochtes Wasser für Ash brauchen.«
»Mache ich.« Mauzi lief los.
James rief: »Paß auf dich auf.« Er lehnte sich erschöpft an einem Baum an.
Jessie wandte sich an ihn: »Bist du in Ordnung? Das ist doch nicht dein Blut, oder?«
»Die haben auf Growlie geschossen.« erklärte James knapp und stoisch. Er schien Jessie, die nur wenige Zentimeter vor ihm war, nicht richtig zu sehen.
»Das sagst du erst jetzt?« Sie griff nach dem Zippverschluß seiner Jacke und öffnete sie rasch. »Du meine Güte, das kann doch nicht wahr sein! Setz dich sofort hin. Ich brauche den Verbandskasten, Lucia!« Sie zog an seinem Arm an, um ihn hinzusetzen.
Jessie bemühte sich sein Hemd vorsichtig aufzuschneiden um sich die Misere anzusehen. »James, das ist gar nicht gut, ich…« sie riß sich zusammen und versuchte sich an ihre Krankenschwesternkarriere zurück zu erinnern. Es war lang her, aber sie hatte nicht alles vergessen. Das Schlimmste war der Schock, man konnte allein am Schock sterben, und noch dazu diese Schußverletzung... Er schien den Ernst der Lage nicht wahr zu nehmen, sondern war vollkommen apathisch.
»Reiß dich zusammen!« brüllte sie ihn an und hob die Hand für eine gesunde Ohrfeige. Die hatte ihm damals immer schon auf die Sprünge geholfen. »Das ist mein voller Ernst!«
»Na hör mal, du kannst ihm doch jetzt keine runterhauen!« Lucia wollte sich den beiden gerade zuwenden, als Ash zu blinzeln begann.
Er keuchte: »Die Pokémon müssen zu Schwester Joy… bitte. Bitte ruf Staraptor, und leg die Pokébälle in meinen Rucksack, ja, Lucia? Nimm meinen Pokédex, damit Schwester Joy weiß, woher sie kommen. Staraptor soll sie ausfliegen. Unbedingt. Sie überleben auch im Pokéball nicht lange. Sie werden schwächer, es ist, als ob… ich es selbst spüre…«
Lucia strich ihm die Haare aus dem Gesicht. »Ich mach mir auch Sorgen um dich… Ich wollte Staraptor wegschicken um Hilfe für uns zu holen.«
»Bitte, Lucia… du hast noch Ledian, vergiß das nicht. Mauzi… Mauzi ist ja auch da…« das Sprechen hatte ihn sehr angestrengt, und er verlor wieder das Bewußtsein.
Lucia hatte aber begriffen. Sie sollte Mauzi bitten, mit zu fliegen und Schwester Joy alles zu erklären. Bestimmt konnte das Pokémon auch Hilfe holen und besser erklären, was passiert war, als wenn sie nun, zitternd, versuchte, einen Brief zu schreiben. All ihre Handys waren bei Pikachus mörderischer Elektrizität ausgefallen.
Mauzi war gerade zurückgekommen und sagte: »Okay, natürlich fliege ich mit. Versucht ihr doch inzwischen eine der Villen zu erreichen, hier in den Wald kommt kein Fahrzeug her und auch ein Helikopter kann nicht landen.«
Lucia seufzte: »Wir sollten Ash nicht so viel bewegen, und ich weiß nicht, wie es James geht. Aber wir werden es versuchen.« Sie ließ Ledian heraus, das sich sofort über die Baumkronen erhob und nach einem Haus Ausschau hielt. Gleich kam es zurück.
Mauzi übersetzte: »Da ist eine Villa am Strand gleich hinter der Bergschulter, in der nächsten Bucht. Die Straße endet dort, sie führt wohl um die Ostseite der Insel herum. Es sagt, daß ein U-Boot gerade von dort wegfährt. Es sind aber einige Kilometer Luftlinie.«
Jessie murmelte: »Bestimmt Bonny und Billy, wer würde sonst gerade jetzt verschwinden. Wir können von dort aus telefonieren. Mauzi, wir werden dort versuchen, dort hin zu gehen, und dich im Pokémoncenter anrufen, ja?«
Jessie wandte sich wieder an James: »Welcher Pokéball ist der von Fukano?«
James griff nach dem Ball und hielt ihn vor. »Hier.«
Lucia packte alles zusammen, Mauzi stieg in den Rucksack dazu und Staraptor hob nach letzten Befehlen rasch ab. Es flog zielgerichtet dem Festland entgegen.
Rasch verwendeten Jessie und Lucia alles vorhandene Verbandsmaterial, um die beiden Männer zu versorgen. Ash wurde während der ganzen Prozedur nicht wach, James ließ es ruhig über sich ergehen, gegen Jessie hatte er gar keine Chance. Dann nahm Gewaldro Ash wieder hoch und trug ihn vorsichtig. Das war nicht mehr so einfach wie damals, als er noch ein Junge gewesen war, doch das Pokémon strengte sich sehr an und lief auch so sachte, daß Ash gar nicht davon aufwachte.
Sie wußten alle, daß sich keiner der beiden Verletzten so viel bewegen durfte, aber hier im Wald konnten sie in keinem Fall bleiben. Außerdem schien sich ein Sturm zusammen zu brauen. Hatte sich denn alles gegen sie verschworen? Am Horizont war es tiefschwarze Nacht, und der Wind nahm stetig zu. Hoffentlich hatte es Staraptor schon aufs Festland geschafft… Ash schlief zum Glück, denn sonst würde er sich noch mehr Sorgen machen.
Sie kamen allerdings nicht weit. James ging es schlechter und auch Lucia war klar, daß er sich nicht mehr anstrengen durfte. Der Verband war fast nutzlos. Er stützte sich mit dem gesunden Arm an einem größeren Felsen ab, als sie angehalten hatten.
Jessie fragte ihn leise: »Geht’s noch, James? Tut es sehr weh?«
James schüttelte den Kopf: »Nein. Ich spüre es nur, wenn ich atme.«
Sie seufzte erleichtert auf und sagte: »Dann ist es ja halb so schlimm.«
Lucia stellte verwirrt fest: »Man muß atmen, um zu überleben, Jessie!«
Gewaldro legte Ash ab und Lucia machte ihm aus ihrer Jacke einen Kopfpolster. »Die Stromschläge haben ihn sehr geschwächt.« flüsterte sie. In der gleichen Sekunde brach ein Donner die Stille im Wald, aber man konnte bis auf den stärker werdenden Wind nichts von dem Unwetter bemerken.
Jessie sagte: »Ich laufe zurück und hole die anderen Rucksäcke von den Fahrrädern. Bestimmt brauchen wir bald unsere Taschenlampen.« Ohne weitere Diskussionen abzuwarten, drehte sie um und eilte davon.
Lucia seufzte und wandte sich dann an James: »Leg dich flach hin, okay? Ich werde Wasser abkochen und dann versuchen, dir einen neuen Verband zu machen. Wir werden die Rettungsmannschaften hierher bringen. Sobald Jessie wieder da ist, schlage ich mich zur Villa durch und rufe von dort aus Hilfe.«
James nickte. »Ich hoffe, das klappt, und den Pokémon geht es gut.«
Es dauerte sehr lange, bis Jessie die Räder gefunden hatte. Der Wald war sehr viel dunkler geworden und sie hatte zuerst noch ihre Spuren zurückverfolgt, aber als sie an der Quelle angekommen war, hatte der Sturm so zugenommen, daß er alles verwischte und durcheinander brachte.
Mauzis Spuren waren nicht mehr auszunehmen, und da es wegen der Wolken überall schon finster geworden war, konnte sie sich nicht einmal mehr am Licht orientieren. Auch das Rauschen des Meeres bot keinen Anhaltspunkt denn der Wind war zu laut. Als sie endlich bei der Wiese ankam, die zum Strand auslief, konnte man schon helle Blitze über den Himmel zucken sehen und die Wolken waren überall.
Sie spürte einen leichten Regentropfen, und lud rasch alle Rucksäcke auf ihr Rad um. Jetzt die Taschenlampe zu suchen war unmöglich, das würde noch länger dauern. Außerdem konnte sie nicht alle vier Taschen auf einmal befördern, ohne das Rad zu nehmen. Dann begann sie zu schieben. Der Dynamo am Rad sorgte dank seiner Effizienz für etwas schemenhaftes Licht, aber sie mußte sich mit dem Rad einen Weg suchen, der befahrbar war.
Sie kam in völliger Dunkelheit bei ihren Begleitern an. Lucia eilte ihr trotzdem entgegen. Sie hatte auf ihrem Schlüsselbund ein kleines Aufsperrlicht, damit leuchtete sie den Boden aus. Sofort begann Lucia in den Sachen nach dem kleinen Not-Zelt zu stöbern, das Ash mitgenommen hatte. »Wir müssen die beiden aus dem Regen schaffen.« sagte sie gehetzt. »Ash schläft mittlerweile, und dafür bin ich dankbar, aber James... Er hat Fieber bekommen. Die Kugel macht ihm Probleme. Ich habe ihn auch gebeten, sich hinzulegen, aber er ist recht unruhig. Vor allem wegen Growlie.«
Jessie suchte die Taschenlampen und machte gleich ein besseres Licht, dabei er klärte sie kopfschüttelnd: »Es ist nicht die Kugel. Die wird im Lauf der Pistole so heiß, daß sie sich selbst sterilisiert. Es sind Teile von Stoff, die beim Treffer mit hinein gerissen werden.« Sie schluckte und half schnell beim Zeltaufbau. Gemeinsam schafften sie Ash hinein, der kurz aufwachte, und sogar ein bißchen Wasser trank, bevor Lucia ihn wieder niederlegte, und er brav einschlummerte. James ging selbst, aber seine Schritte waren vage und ungenau. Er legte sich auch ohne Protest wieder hin. Hier herinnen war wenigstens der Wind weg, wenn es auch nicht viel Platz gab.
Lucia kochte noch ein bißchen Wasser für Tee warm, als die ersten wirklich schweren Tropfen das Zelt trafen, und es kurz darauf sehr heftig zu schütten begann. »Da bist du gerade noch rechtzeitig gekommen.« sagte sie zu Jessie. Sie legte einen kalten Umschlag auf Ashs Stirn, und teilte nachher den Tee aus, der gut gezogen hatte. »Der hält uns warm. Es hat gewaltig abgekühlt, durch diesen Sturm.«
Jessie nickte schweigend und sah die beiden Männer an, dann schlug sie vor: »Lucia, es dauert sicher noch, bis Mauzi im Pokémoncenter ist. Du solltest warten bis der Regen nachläßt. So wie es jetzt schüttet sieht man draußen selbst mit Taschenlampe keine vier Meter weit. Du verirrst dich nur.«
Lucia bewegte vage den Kopf. »Bestimmt hast du Recht.«
James sagte leise: »Diese ganze Sache hat sich in eine Richtung gedreht, bei der man nicht abschätzen kann, was als nächstes passiert. Bill hatte ein Scharfschützengewehr dabei, und hätten Growlie und ich die beiden nicht gestört, dann... ich kann es mir gar nicht ausdenken. Die beiden sind die eigentliche Gefahr, nicht die Pokémon, die sie dabei haben. Obwohl die Pokémon die meiste, sichtbare Zerstörung anrichten.«
Lucia fragte: »Wieso sagst das? Das Dragoran muß doch eine enorme Bösartigkeit in sich tragen um eine schutzlose Fähre aus völlig unsinnigen Gründen anzugreifen.«
James schüttelte den Kopf: »Es gibt keine bösen Pokémon. Nur die Trainer, die sie zu dem machen, was sie sind. Und dafür sind Bonny und Billy verantwortlich.« Er ächzte. »Ich begreife nicht, wie…« Es war, als müßte er alle Kraft aufbringen, um weiter zu sprechen: »…wie man… so respektlos mit Lebewesen…«
Lucia legte ihm eine Hand auf den Arm und sagte beruhigend: »Ich verstehe dich schon.« So lange sie ihn früher gekannt hatte, hatte er immer mit Jessie gemeinsam alles daran gesetzt, Pokémon zu stehlen und dem Boss von Team Rocket zu bringen. War das nicht genau so schlimm, immerhin litten darunter auch Trainer und Pokémon, war es da nicht etwas spät für Reue? Doch im Moment war auch nicht der Zeitpunkt, ihn darauf aufmerksam zu machen. Sie flüsterte: »Versuch zu schlafen, okay, das Sprechen strengt dich zu sehr an.« Sie richtete sich wieder ganz auf und stellte verwundert fest: »Der Regen hat schon nachgelassen. Das war mehr Schein als Sein. Bestimmt ist die Masse des Gewitters am Meer draußen niedergegangen. Ich starte dann los… ihr habt alles, was ihr braucht?«
Jessie nickte. »Was soll ich ihm sagen, wenn er aufwacht?« sie deutete auf Ash.
Lucia lächelte seufzend und meinte: »Die Wahrheit.« Sie verließ das Zelt.
Es tröpfelte wirklich nur mehr und der Wind hatte nachgelassen. Sie band die Taschenlampe an den Lenker und schob das Rad an. Da sie nicht zurück hinunter mußte, sondern über die Bergschulter, war es eher leicht, den Radweg zu finden. Sie ging bis zum höchsten Punkt der Bergseite und folgte ihr dann bis zum gepflasterten Radweg. Von dort aus hatte man sicherlich einen guten Ausblick, wenn es nicht ganz so dunkel gewesen wäre. Jetzt konnte sie nur wenige Meter weit sehen und das aufgewühlte Meer an die Felsen donnern hören.
Warum war es eigentlich noch immer so dunkel, wo der Regen doch schon vorbei war? Es blitzte wieder, und ganz kurz konnte man die Umgebung erkennen. Lucia hatte Glück gehabt und nicht genau in den Blitz geschaut, daher nahm sie die Helligkeit als Hilfe wahr und war erleichtert. Man sah die Villa schon von hier aus. Zum Gehen war es fast noch weit, aber mit dem Rad würde sie in wenigen Minuten dort sein. Sie stieg wieder auf und rauschte mit hoher Geschwindigkeit den Hang hinunter.
Tatsächlich war sie innerhalb von fünf Minuten angekommen, und trat zum Tor hin. Rasch nahm sie die Taschenlampe mit und öffnete das Tor. Sie blieb vorsichtig. Immerhin waren hier die beiden Verbrecher gewesen, vielleicht hatten sie Fallen versteckt. Aber es schien nicht so. Sie hatten die Tür aufgebrochen und hier praktisch als Hausbesetzer gelebt. Sie versuchte das Licht einzuschalten und wurde bitter enttäuscht. Es funktionierte nicht.
Auch das Telefon, das sie abhob, gab keinen Pieps von sich. Als sie sich genauer umsah, ob noch irgendwo ein Handy lag, stellte sie fest, daß überall an den Wänden des Hauses Elektrische Verbrennungs-Marken zu erkennen waren. Hatten Bonny und Billy etwa damit gerechnet, daß sie hierher kommen könnten, um Hilfe zu holen, und Pikachu einen Schock aufs Haus abgeben lassen? Es dauerte eine Weile, bis sie den Sicherungskasten gefunden hatte. Alles darin war vollkommen verschmolzen und durchgeschmort.
»Oh nein.« fluchte Lucia. »Das darf doch nicht wahr sein.« Sie riß sich zusammen und beschloß, bis zum nächsten Haus weiter zu radeln. Dort gab es sicher ein Telefon. Als sie die Haustür öffnete, wurde sie beinahe vom Wind wieder zurück ins Haus geworfen. Das Gewitter hatte wieder an Macht zugelegt. Trotzdem mußte sie weiter. Lucia borgte sich einen Regenmantel aus der Garderobe der Villa und lief wieder zu ihrem Rad. Hoffentlich war es nicht all zu weit.
Als der Sturm wieder einsetzte, war er so stark, daß sich das kleine, dreieckige Notzelt unter den Böen bog und die Seile und Stangen zu ächzen begannen. Es sah so aus, als ob sich die vier Heringe, die sie zum Festmachen der Schnüre benutzt hatten, aus dem nassen Boden zu lösen begannen. Das Zelt wackelte immer stärker. Ash und James merkten das nicht, aber Jessie, die am Boden zwischen ihnen saß, beschloß, nach draußen zu gehen und die Heringe wieder fest zu klopfen. Bestimmt konnte sie Steine finden, die sie auf die Heringe legen konnte um sie zu sichern. Der Wind riß ihr fast die Luft zum Atmen weg, und wehte ihre Haare wild herum und manchmal kamen sie vor die Lampe. Doch das zählte nicht.
Mit dem kleinen Zelthammer schlug sie eben den einen Hering vorne neben dem Eingang wieder fest, und zog das Seil straff. Sie erschrak furchtbar, als Ash mit einem Mal wie ein Blitz aus dem Zelt geschossen kam und laut rief: »Lucia!« Er entdeckte Jessie am Boden kniend und fragte sie hektisch: »Wo ist sie hingegangen!«
»Sie ist vor etwa eineinhalb Stunden los in Richtung der Villa, weil sie telefonieren wollte! Sie wollte Hilfe holen und Mauzi fragen, wie es den Pokémon geht!« Sie mußte schreien, damit er sie verstand.
Ash war außer sich vor Schreck und brüllte zurück: »Und du hast sie gehen lassen! Bei dem Sturm, was ist dir da bloß eingefallen! Was ist, wenn sie sich verletzt hat!«
Jessie giftete ihn laut an: »Irgendjemand mußte Hilfe holen, okay, und Lucia hat beschlossen, daß sie das macht! Ich bin hier geblieben! Außerdem war es zu der Zeit gerade nicht windig.«
Ash gab zurück: »Wo ist diese Villa?«
Jessie zeigte mit der Taschenlampe den Hang hoch: »Über den Bergkamm. Am Strand.«
Ohne weitere Worte rannte Ash los. Jessie sprang auch auf, und wußte, daß sie ihn nicht aufhalten konnte. Sie lief ihm kurz nach und warf ihm die Taschenlampe zu. Er nickte dankbar und rannte weiter. Bald verlor sich der Lichtschein in der Finsternis.
Es war aber jetzt hier auch dunkel wie es nur sein konnte, und Jessie tastete sich zu ihrem Rucksack durch, um die kleinere Lampe heraus zu holen. Dann befestigte sie das linke vordere Seil wieder fest im Boden und holte einen Stein, um den Hering zu beschweren.
Sie fror und wollte sich zwischendurch einmal wieder nach James sehen. Sein Fieber war weiter gestiegen und er schlief sehr unruhig. Entweder hatte er einen unangenehmen Traum, oder er spürte seine Schulter so stark, daß er nicht entspannt liegen konnte.
Sie platzierte ihm vorsichtig einen kühlen Lappen auf die Stirn, und nahm sich selbst etwas Tee, um sich abzulenken. Sie hatte außer der kalten Umschläge gar nichts, mit dem sie ihm helfen konnte. Währenddessen löste sich plötzlich einer der hinteren Heringe und das dazugehörige Seil flatterte hoch.
Durch die starke Bewegung wurde das Stangengerüst locker und begann umzukippen. Alles wurde schief. Damit wurde jedoch das rechte vordere Seil mehr belastet. Jessie eilte wieder hinaus und zog vorn an, um das Zelt fest zu halten. Das half aber nur begrenzt, sie mußte das andere Ende reparieren, und ging los um den hinteren Hering wieder zu befestigen, als sie etwas Hartes am Kopf traf. Das Ding fiel außerhalb des Scheins der Taschenlampe auf den Boden. Dann kamen mehr. Es krachte und knirschte im Wald, als sich die Geschoße ihren Weg bahnten. Es hagelte, und was für Körner! Einige darunter waren so groß wie Golfbälle.
Deswegen war der Wind also so stark gewesen! Die Luft hatte sich durch die Hagelwolken so abgekühlt, daß ein richtiger Sog entstanden war. Natürlich gab es mehr kleinere Brocken in der Größe von Kirschen oder Erbsen, aber gerade diese fielen so dicht, daß im Nu das Zeltdach so schwer wurde, daß das vordere Seil mit einem Knall riß und das Zelt ganz in sich zusammenfiel. Da gab es nichts mehr zu reparieren.
Jessie kroch wieder hinein und krabbelte gleich zu James durch, der unter dem Zelthaufen begraben lag. Sie kniete sich mit seitlich aufgestützten Armen über ihn und hielt die Plane vom Zelt mit ihrem Rücken hoch. Der Hagel trommelte dagegen. Es fühlte sich an als würde jemand heftig auf ihren Rücken einschlagen. Das war ausgesprochen unangenehm. Es war fast ganz finster, denn die Taschenlampe hatte sie irgendwo davon rollen lassen, und nur Gedämpft durch viele Falten Stoff kam etwas Licht. Binnen weniger Sekunden lag alles vom Zelt, bis auf den Teil, den sie hoch stemmte, flach am Boden Das wurde Licht wurde weniger, je mehr Hagel fiel. Es war zu dunkel, um Details zu erkennen.
James bewegte sich ächzend und wachte mit diesem Geräusch ein wenig auf. Leise fragte er in die Dunkelheit: »Kate, bist du das?«
Jessie zuckte ohne es zu wollen zusammen. Kate? Das war doch das Mädchen damals gewesen, in dem Dorf, in dem sie für Helden gehalten worden waren. Er fragte nach ihr? Sie knirschte mit den Zähnen, dann antwortete sie: »Ja, ich bin es. Alles wird gut.« sie strich ihm mit den Fingern sanft über die Wange, als eine Art beruhigenden Gute-Nacht-Wunsch. Er seufzte und schien gleich wieder einzuschlafen.
Kapitel 9 : Gefunden - Verloren
Sie war durchnäßt, und trotzdem war sie durch das anstrengende Treten so erhitzt, daß sie die Kälte gar nicht merkte. Gegen das Wasser half der Regenmantel jetzt nicht mehr, aber er hielt noch den Wind ab. Überall wo der Regen und der Sturm an ihre Haut heran konnten, fühlte sie sich bald taub und kalt. Mehr als einmal wurde sie von einer zu heftigen Böe umgeworfen und schrammte sich dabei Hände, Knie und Ellenbögen auf, aber das war alles nebensächlich… sie radelte und radelte, bis ihr vor Anstrengung die Luft wegblieb und sie einige Minuten lang Pause machen mußte. Wenigstens konnte sie auf der breiten Fahrstraße radeln, die gut asphaltiert war, und danach den langen Abhang ausnutzen, um noch schneller zu werden. Sie holte Zeit auf.
Dem gewaltigen Ast, der durch den Sturm vor ihr landete, konnte sie bei der Geschwindigkeit und dem Regen nicht rechtzeitig ausnehmen. Die Kollision war für das Rad fataler als für Lucia, sie schlug zwar hart ab Boden auf, war aber auf der Wiese gelandet und rutschte im glitschigen Gras ihren Schwung aus, ohne zu schnell abzubremsen. Das Rad aber war komplett demoliert, eine massive Delle im Vorderreifen machte ein Weiterfahren unmöglich. Das konnte Lucia sogar im Liegen erkennen, denn ihre Taschenlampe war genau so zur Ruhe gekommen, daß sie das Fahrrad beleuchtete.
Lucia rappelte sich hoch und sah sich um. Es begann leicht zu hageln, dafür ließ der Regen, den der Wind beständig hergebracht hatte, nach. Aber ob der Hagel so viel angenehmer war? Jetzt, wo ihr das Wasser nicht immer in die Augen schlug, konnte sie ausnehmen, daß nicht weit entfernt ein Licht leuchtete. Hier hatte also jemand Strom! Sie lief zu Fuß weiter, auf das Licht zu und merkte, daß der Radweg, über den sich wenige Hundert Meter weiter mit der Fahrstraße vereinigte. Dort war die nächste Villa! Sie hatte es geschafft.
Die junge Frau drückte ein paar Minuten später an die Torsprechanlage des beleuchteten Hauses. Gleich meldete sich eine Stimme: »Oh, ich dachte heute kommt keine Milchlieferung, weil so ein Sturm ist.«
War denn schon früher Morgen? War so viel Zeit vergangen, daß diese Leute hier schon auf die Milch warteten? Sie antwortete: »Nein, ich bin nicht der Milchmann! Ich brauche aber dringend Hilfe, bitte… Bitte darf ich bei Ihnen telefonieren?«
»Warten Sie einen Moment. Ich werde mit einem Schirm hinaus kommen.« gab die Stimme aus dem Lautsprecher bekannt. Das Tor im Zaun ging auf und Lucia ging langsam los, auf das Haus zu. Lichter entlang des Weges wurden eingeschaltet.
Eine ältere Frau kam ihr entgegen. Sie erkannte Lucia wieder: »Oh je, Kindchen!« sagte sie schockiert. »Du siehst schlimm aus. Bestimmt ist dir bei dem Sturm etwas passiert, oder?«
Lucia nickte, und sie ging mit der Frau gemeinsam ins Haus hinein. Auf dem Weg erklärte sie: »Wir sind eigentlich eine Gruppe, aber zwei meiner Freunde wurden verletzt und wir müssen vom Festland her Hilfe anfordern. Und bei der anderen Villa waren Strom und Telefon ausgefallen. Kann ich bitte telefonieren?«
»Ja, natürlich kannst du telefonieren, und zwar sofort! Ich bringe dir ein Handtuch. Du bist ja patschnaß. Du kannst dir den Tod holen.«
Lucia bedankte sich herzlich, würde sich aber erst besser fühlen, wenn sie Hilfe gerufen hatte. Daher wählte sie gleich die Nummer eines Krankenhauses in Topas Bay und hatte zum Glück rasch jemanden in der Leitung. »Wir brauchen hier auf der Insel einen Arzt, und zwar dringend.« gab sie durch. »Die Verletzten sind auf halber Höhe der westlichen Bergflanke, etwa siebenhundert Meter vom Radweg entfernt. Wir konnten uns nicht mehr bis zur letzten Villa, der Westvilla, durchschlagen. Bitte schicken Sie schnell jemanden hin! Sie sollen ein Suchgerät verwenden, damit man sie rasch findet, denn es ist stockdunkel, wir haben einen schweren Sturm hier! Auf einen Mann wurde geschossen, der andere hat Verletzungen unbestimmten Grades nach einem – nach mehreren Elektroattacken eines Pokémon.« Sie wußte gar nicht, was sie alles sagen sollte, die Angst nahm mit jedem Wort zu.
Der Mann, mit dem sie verbunden war, erschrak: »Eine weitere Pokémon-Attacke? Und eine Schießerei? Was passiert denn noch alles in diesen verrückten Tagen! Ich werde sofort ein Rettungsteam losschicken. Der Sturm hat bei uns hier etwas abgenommen, wir werden einen Hubschrauber mit Wärmeradar schicken, dann finden wir sie am schnellsten.«
Lucia sagte noch: »Sie haben ein Stromschlag hat ihre Handys zerstört. Also können sie keine Verbindung mit ihnen aufnehmen.«
»War das auch die Pokémon-Attacke? Fruchtbar. Aber wir werden sie finden.«
Lucia legte dankend auf und rief sofort beim Pokémoncenter an. Schwester Joy war verwundert, daß sie ein Mauzi verlangte, aber da sie selbst erlebt hatte, daß das Mauzi, das vor Stunden eingetroffen war, mit ihr geredet hatte, gab sie den Hörer bald weiter.
Mauzi war erleichtert, von Lucia zu hören und sagte gleich: »Den meisten Pokémon geht es gut, vor allem den Wasser-Pokémon, die uns zur Insel gebracht haben. Sie waren nur erschöpft, und nicht in den Kampf verwickelt. Einige sind noch nicht mit der Behandlung fertig. Fukano geht es nicht besonders gut, es liegt auf der Intensivstation, und... Es sieht sehr schlecht aus.« Das Pokémon schniefte.
Lucia atmete durch und versuchte so, sich zu fassen: »Das klingt furchtbar…«
Mauzi antwortete: »Mehr weiß ich leider auch nicht, aber wie geht’s James, und dem Knir… äh, Ash? Ich mach mir große Sorgen.«
»Als ich von ihnen weg bin, haben beide geschlafen. Das war aber vor über zwei Stunden. Da kann sich viel ändern.«
»Verstehe.« sagte Mauzi und sie beschlossen, aufzulegen.
Lucia nahm das Handtuch und dann bot man ihr auch noch eine heiße Dusche an. »Nein, danke.« sagte sie. »Ich muß zurück und ihnen sagen, daß ich Hilfe angefordert habe.«
Der Hausherr beschloß: »Ich werde dich mit dem Auto bis zur letzten Villa bringen. Das dauert nur wenige Minuten. Von dort aus ist es nicht mehr weit, oder?«
Lucia schüttelte den Kopf. »Nein.«
Der Mann packte ein Funktelefon ein und sie reisten sofort ab. Mit dem Auto war es bedeutend angenehmer, außerdem hatte der schwere Hagel wieder nachgelassen und es regnete nur mehr kräftig. Mit einem Mal bremste sich der Fahrer, etwa zweihundert Meter vor der anderen Villa, scharf ein. Eine Gestalt war auf der Fahrbahn unterwegs.
Lucia erkannte die Person sofort und rief, aussteigend: »Ash, was machst du hier! Du solltest doch nicht aufstehen!« Sie lief ihm entgegen.
Ash umarmte sie fest und sagte: »Ich konnte nicht anders, ich mußte dich einfach suchen. Ich habe mir so große Sorgen gemacht.«
Lucia rügte ihn: »Du machst dir immer Sorgen und möchtest am liebsten allen helfen. Aber manchmal mußt du dir auch helfen lassen. Okay?«
»Ich mußte sichergehen, daß dir nichts passiert ist. Gewaldro hat deine Spuren bis zum Radweg verfolgen können, und wir dachten, du bist in der Villa. Ich bin gerade dort rein, als es zu hageln begonnen hat. Da der Strom dort nicht geht, war ich sicher, daß du weiter gegangen bist. Du bist mir eben sehr wichtig.«
Lucia fragte ihn keck: »Und wieso heiratest du mich dann nicht?«
Ash schmunzelte: »Nun ja, also klar, warum sollte ich denn nicht?«
Sie stiegen ins Auto ein und der Besitzer fuhr sie noch bis zur Villa zurück. Dort verabschiedete er sich mit den Worten: »Ich hoffe, bei euch wird alles gut.« und drückte Ash eine große Halogen-Taschenlampe in die Hand, die ein wirklich gutes Licht gab. Dann stieg er wieder in sein Auto und fuhr nach Hause.
Die beiden stiegen über den Radweg wieder auf die Bergflanke nach oben. Gewaldro tat sich schwerer als vorher, den Weg zum Zelt zu finden, weil der Hagel ziemlich viel verändert hatte. Aber dank des guten Scheinwerfers dauerte es nicht lange, bis sie angekommen waren. Noch hatten sich nicht alle Eisbrocken aufgelöst, und es goß weiterhin in Strömen, aber beide konnten aufatmen. Das Zelt stand noch, und es war Licht im Inneren zu erkennen. Erst bei näherem Hinsehen merkten sie, daß das vordere Seil geknotet war und das ganze Zelt irgendwie verzogen wirkte. Wahrscheinlich hatte der Sturm sehr daran gerüttelt. Lucia ging als erste hin und rief, um sich anzukündigen: »Hallo! Wir sind beide wieder da, Ash und ich!«
»Kommt rein.« war Jessie zu hören.
Sie betraten das Zelt und setzten sich gleich hin, da nach wie vor relativ wenig Platz zur Verfügung stand.
Lucia sagte: »Sie kommen bald, um uns abzuholen.«
Jessie nickte und murmelte: »Das ist gut, je schneller wir hier wegkommen, desto besser.« Ihr Tonfall war müde und nicht zu deuten, und da Ash und Lucia selbst sehen konnten, daß James halbwegs ruhig schlief, stellten sie auch keine weiteren Fragen. Stumm wickelten sie sich in Decken und versuchten, so wenig wie möglich zu zittern.
Das Knattern eines Helikopters riß sie aus einem kurzen Schlaf hoch, und wenige Augenblicke später wurde eine Bergekanzel zu ihnen herunter gelassen. Ein Rettungs-Flugbegleiter stieg aus und half ihnen beim Einsteigen. Auf zwei Mal waren sie alle oben, und das Fluggerät steuerte das Krankenhaus von Topas Bay an. Es regnete noch immer, aber im Fluggerät konnte ihnen das nichts anhaben.
Die Erschöpfung war allen anzusehen und Lucia merkte nur wie in Trance, daß sie beim Krankenhaus ausstieg, kurz durch den Wind lief und dann von einem Sanitäter mit einer warmen Decke begrüßt wurde. Man brachte sie in einen hellen Raum, wo sie trockene Kleidung bekam, und irgend jemand behandelte ihre Kratzer und Schrammen.
Ihr selbst wären diese gar nicht aufgefallen, so sehr hatte sie sich auf ihre Aufgabe, Hilfe zu holen, konzentriert. Ganz am Rande bekam sie mit, das jemand eine Röntgenaufnahme von ihrem rechten Knie machte, aber es dürfte nichts gewesen sein. Sie mußte noch ein paar Schritte in einen anderen Raum machen, in dem es einige bequeme Sitzgelegenheiten gab, aber auch Platz, um sich hin zu legen.
Es war strahlender Sonnenschein, und schon fast wieder Nachmittag, als sie wieder aufwachte. Sie fühlte sich gut, als hätte sie tagelang geschlafen. Ihre Kleidung lag trocken und gebügelt neben ihr auf einem Hocker.
Auch Jessie und Ash waren in diesem Zimmer, ebenso wie mehrere andere Leute, die sie nicht kannte. Man bemerkte jetzt unschwer, daß es sich um den Aufenthaltsraum für Angehörige handelte. In einer Ecke standen Kaffee- und Snackautomaten, es gab dort in der nähe zwei höhere Tische, um im Stehen zu essen. Sonst waren in kleinen Grüppchen verteilte Polstermöbel, Sitzbänke und Sessel in dem hellen Raum. In einer Ecke stand ein großer, offener Kasten, in dem frische Decken und Polster lagerten. Niemand hatte sich beschwert, daß Lucia auf einer Bank geschlafen hatte und alle waren leise gewesen. Es war auch zu merken, das mehrere der anderen Personen hier recht müde wirkten. Bestimmt waren sie seit dem Fährunglück im Krankenhaus und warten auf Nachricht von den Patienten.
Lucia setzte sich langsam auf, und Ash rückte gleich an ihre Seite. Er war an den verschiedensten Körperstellen mit Sprühverband oder echten Bandagen behandelt worden, sah aber ansonsten auch recht munter aus. Bestimmt hatte er auch geschlafen.
»Willst du Kaffee?« fragte er. »Oder einen großen Keks?«
Sie nickte: »Kaffee wäre sehr nett.« Sie schrak zusammen und wandte sich Jessie zu: »Wie geht’s James? Weißt du was?«
Jessie sah sie an und erklärte: »Sie haben ihn operiert, so viel ist klar, aber… aber sie können mir keine weiteren Angaben machen. Ich weiß es daher nicht. Ich… ich weiß es nicht.« Sie wischte sich über die Augen. »Ich gehöre nicht zu ihm, und… sie sagen es nur Familienmitgliedern.«
Lucia brauste auf: »Das gibt’s doch nicht.« Sie stand auf und marschierte, noch in die Decke gewickelt, zur Tür des Aufenhaltsraumes.
Ash eilte ihr nach und fragte: »Was hast du denn jetzt bloß vor, Lucia! Du kannst doch auch nichts machen.«
Lucia giftete zurück: »Und ob ich was machen werde! Das wirst du schon noch sehen. Außerdem ist das echt gemein Jessie gegenüber. Ich meine… die müssen doch auch Augen im Kopf haben und merken was los ist.«
»Was ist los?« murmelte Ash. »Was soll denn los sein.«
Lucia schnaubte genervt und lief dann weiter zum Informationsschalter. Dort begann sie laut zu sprechen: »Hallo, kann mir jemand helfen? Bitte, ich brauche eine Information! Ich muß sofort wissen, wie es meinem Verlobten geht.« Sie zwinkerte einige Tränen weg.
Eine freundliche Krankenschwester kam näher. »Wen wollen Sie denn sehen, junge Frau?«
»James, den Mann, der in der Nacht mit einer Kugel in der Schulter eingeliefert wurde. Mein Bruder hat mich schlafen lassen, und auch seiner Freundin gesagt, sie sollte mich nicht wecken. Ich bin wirklich außer mir vor Sorge…« Sie spielte hektisch mit ihrem eigenen Verlobungsring, daß ihn die Schwester nur allzu gut glitzern sah.
Die Krankenschwester seufzte: »Ich kann Ihnen das nachfühlen. Bitte folgen Sie mir.«
Lucia rannte ihr rasch hinterher und gleich darauf erreichten sie eine Feuertür, durch die es in einen anderen Krankenhausflügel ging. Zum Glück war das nicht die Intensivstation.
Die blonde Krankenschwester klopfte an eine blaue Tür und öffnete sie leicht. »Ihre Verlobte ist da um Sie zu sehen.« sagte sie hinein.
James war anscheinend wach und gab drinnen ein erschrecktes: »Wuah!« von sich.
Lucia drängte sich an der Krankenschwester vorbei und machte das einzig Richtige, sie sauste auf das komfortable Bett zu und sprang mit einem vorsichtigen Satz hinauf, um James, der sich panisch in seine Decke verkrallt hatte, und sich dahinter verstecken wollte, vorsichtig um den Hals zu fallen. Die Krankenschwester grinste und schloß die Tür.
Lucia ließ sofort los und setzte sich nur auf die Bettkante.
James keuchte entspannt und tadelte dann: »Jag mir bitte nie wieder einen solchen Schrecken ein, ich kann das Wort Verlobte bis heute noch nicht hören, nach dem furchtbaren Erlebnis mit Jessebell. Im ersten Moment dachte ich, mir bleibt das Herz stehen.« Er ließ die Decke wieder los und lehnte sich zurück auf die Polster. James hatte den linken Arm in einer dichten Schlinge und rechts einen Tropf hängen, der aber schon fast leer war.
»Hast du noch Fieber?« fragte Lucia. »Tut dir noch was weh?«
»Im Moment nicht; das Zeug, das mir da in den Arm läuft wirkt ganz gut, keine Ahnung was es genau ist, sicher Antibiotikum und weiß der Kuckuck was noch. Irgendwie macht es mich ganz wuschig. Habt ihr was wegen Growlie erfahren?«
Lucia schüttelte den Kopf: »Nein. Ich bin gerade erst aufgewacht und ich glaube auch, daß Ash und Jessie sich hier nicht wegbewegt haben. Sie ist so besorgt um dich…« Lucia winkte ab. »Entschuldige, das hätte ich nicht sagen sollen. Man läßt sie nicht zu dir rein.«
James runzelte die Stirn und erklärte mit fester Stimme: »Dann geh ich raus.«
Lucia fragte lachend: »Allen ernstes, du willst so raus gehen? Hast du bemerkt, was du an hast? Oder besser, was nicht?«
»Äh…nö?« er war wirklich nicht ganz da.
Lucia versicherte ihm: »Also, an deiner Stelle würde ich das lassen, bis du genug Arme frei hast um zumindest von einem Morgenmantel gebrauch zu machen. Ich lasse ihr ausrichten, das du wuschig bist und… sonst noch was?«
»Sie soll bitte nach Mauzi und Fukano schauen.«
»Geht klar.« Lucia verließ das Zimmer wieder und war ehrlich erleichtert. Sie richtete alles aus, und zog sich nachher im Angehörigen-WC ihre eigenen Sachen wieder an. Schnell war beschlossen, daß sie gemeinsam zu Mauzi ins Pokémoncenter gehen würden.
Ash brummte: »Langsam aber sicher habe ich genug von Krankenhäusern und Pokémoncentern, besonders dann, wenn ich meine Pokémon dort heilen lassen muß. Wir müssen uns noch besser konzentrieren, damit wir nicht wieder hier landen.«
Als sie im Pokémoncenter ankamen, erwartete Schwester Joy sie bereits. »Könntet ihr mir bitte jetzt einmal erklären, was hier passiert ist, ich meine… ich habe so etwas in all den Jahren nicht erlebt, in denen ich hier arbeite. Und… ich möchte es auch nie wieder.« Tränen traten in ihre Augen. »Wißt ihr wie furchtbar es ist, Pokémon zu behandeln, die schlimm verletzt sind und wie unerträglich es ist, welche zu verlieren? Ich…« Sie war verzweifelt.
Ash fragte möglichst ruhig: »Sie sagen… Sie haben Pokémon verloren. Sprechen Sie von denen, die bei dem Fährunglück verletzt wurden?«
Schwester Joy schüttelte den Kopf. »Nein. Ich spreche von denen, die das Mauzi hergebracht hat. Das sind doch eure, oder nicht?«
Lucia nickte betreten und stellte sich zu Ash, der einen Arm um sie legte. »Ist Mauzi hier?« wollte sie leise wissen.
Schwester Joy zeigte zum Fenster in der Wartelobby. »Er fühlt sich schuldig, daß er nicht schnell genug hier war, aber bei dem Sturm war die Distanz, die Staraptor und er zurückgelegt haben, an sich schon ein Wunder. Bitte macht ihm keine Vorwürfe.«
Ash erklärte: »Das hatten wir nicht vor, Schwester Joy.«
Sie lächelte. »Ich bringe euch die anderen Pokébälle zurück.«
Mauzi schaute mit traurigen Augen zu ihnen hoch, als sie sich hinsetzten. »Tut mir so Leid.« sagte er leise. »Ich bin ein Versager.«
Jessie griff nach seiner Pfote und hielt sie fest. »Du kannst gar nichts dafür. Es ist schlimm, aber daran hat niemand von uns Schuld. Außer Billy und Bonny. Sie haben das Pikachu von Ash so weit gebracht, daß es so geworden ist.«
Schwester Joy stellte die Pokébälle am Beistelltisch ab und ging weg, um nicht zu stören. Ash fand Magnayen, Absol, und Staraptor sofort. Jessie nahm den Pokéball von Aquana vom Tablett und steckte ihn wieder ein. Lucia war heilfroh, Alpollo, Impoleon und Glaziola wieder zu haben. Ein etwas älterer Pokéball blieb übrig. Er war außer Funktion und leer.
»Es ist also wirklich wahr.« sagte Ash kopfschüttelnd. »Und diesmal hat es niemand gestohlen.« Er seufzte und sah gleich darauf wieder vollkommen entschlossen aus: »Wir müssen ihnen das Handwerk legen, und dafür sorgen, daß das nie wieder passiert.«
Jessie murmelte mit beschlagener Stimme: »Wenn sie das Team Rocket übernehmen und in Rocket Revolution umwandeln, und… dann Zugang zu allen Technologien haben, wird sich das aber wiederholen.«
»Dann müssen wir schneller sein.« grollte Lucia. »Mauzi, wo ist das Team Rocket Hauptquartier. Bestimmt schlagen sie dort bald zu. Jetzt haben sie schon zu viel Aufsehen erregt um das noch lange hinaus zu zögern. Sie rechnen doch bestimmt nicht damit, daß wir weiterhin auf der Insel herumrennen werden. Sie müssen eher davon ausgehen, daß sich einer von euch bald bei eurem Boss meldet, und ihn das aufmerksam, wenn nicht gar mißtrauisch macht. Also, wo ist das aktuelle Hauptquartier?«
Mauzi schniefte und erklärte: »In Orania City. Wir sollten aber trotzdem vorher den Boss anrufen, und warnen.«
»Meinst du, der wird dir glauben?« fragte Ash. »Ich bin sicher, er hält sich für unverwundbar. Und das sind seine eigenen Leute. Die haben Zugang zu allem und jedem.«
Einige Sekunden lang waren sie ganz still, dann stand Jessie auf und flüsterte leise: »Ich werde es James sagen. Könnt ihr einstweilen dafür sorgen, daß wir so schnell wie möglich einen Flug nach Orania City bekommen?«
Ash nickte. »Selbstverständlich. Aber ich glaube nicht, daß James schon entlassen wird.«
»Das glaube ich auch nicht. Aber er ist uns in dem Zustand sowieso keine große Hilfe.« sagte Jessie. »Also fliegen wir nur zu viert, bevor noch etwas Schlimmeres passiert.«
Ash bestätigte mit einer Kopfbewegung.
Lucia schlug vor: »Ich rede noch ein bißchen mit Schwester Joy. Ihr scheint das alles auch sehr nahe zu gehen. Wir treffen uns im Krankenhaus. Außerdem muß ich sicherlich noch ein paar Formulare ausfüllen, denn wir hatten die Pokémon gar nie wirklich angemeldet.«
Mauzi ging mit Jessie und nach wenigen Minuten hatten sie das große Krankenhaus schon erreicht. Mit jedem Schritt wurde es schwieriger, sich darauf zu konzentrieren, möglichst neutral zu bleiben. Jessie machte so feste Fäuste, daß ihre Hände davon schmerzten, aber das lenkte ein bißchen ab.
Offenbar war die Chefarzt-Visite schon vorbei, und James durfte Besuch empfangen. Jessie schrieb sich auf die Liste. Mauzi ging mit hinein.
James sah ihr im ersten Augenblick voller Erwartung entgegen, das änderte sich aber schnell, und er lehnte sich zurück. Er blinzelte und seufzte. »Irgendwie habe ich es gewußt.«
Er fixierte schweigend irgendeinen Punkt an der rein weißen Zimmerdecke.
Jessie und Mauzi setzten sich auf die Bettkante und schwiegen ebenfalls. Vorsichtig gab Jessie James den Pokéball in die rechte Hand. Er schluckte und bat sie: »Kannst du was für mich tun, Jessie?«
»Alles was du willst, James.« versprach sie.
Er mußte darüber sogar ein bißchen lächeln und stellte fest: »Da muß also erst so etwas passieren, daß ich diese Worte einmal von dir höre?« Er blinzelte eine Träne weg und räusperte sich. »Kannst du mir zum Telefon helfen, ich muß Kate anrufen, und ihr sagen, daß ich Growlie nicht mehr mit nach Hause bringe. Sie muß es wissen.«
Jessie nickte und holte den Morgenmantel, der vom Krankenhaus zur Verfügung gestellt wurde, aus dem Schrank. Dann griff sie nach dem Anschluß des Tropfs an seinem Arm und drehte beide Verschlüsse zu, ehe sie den Schlauch herunternahm. Langsam schlüpfte James in den Mantel und stand nachher mit wackeligen Beinen auf.
Jessie schlüpfte unter seinen gesunden Arm und hielt ihn aufrecht: »Die Ärzte haben Recht, du solltest noch nicht aufstehen.«
James nickte: »Bestimmt haben sie recht, aber… ich muß das einfach machen.«
Mauzi ging auch mit hinaus, und lief schnell los, um einen Rollstuhl zu organisieren, damit James beim Telefonieren sitzen konnte.
Kaum war er bei den Telefonbuchten angelangt, lief eine Krankenschwester heran und fragte Jessie: »Mrs. Theodorakis, ein Anruf für Sie. Ich habe Sie zuerst im Zimmer gesucht, da Sie aber schon hier sind… ich lasse den Anruf auf Telefon Nummer zwei durchstellen.«
Mauzi blieb bei Jessie, da auch er James nicht belauschen wollte. Schnell erfuhren beide, daß Ash Tickets für einen Flug bekommen hatte, der in zwei Stunden abheben würde. Sie antwortete: »Treffen wir uns trotzdem vor dem Hospital. Von hier aus bekommt man ein schnelles Taxi.«
Fast gleichzeitig mit James legte sie wieder auf und führte ihn zurück ins Krankenzimmer, wo sie ihn wieder an den Tropf anschloß. Nachher erklärte sie ihm: »Wir werden nach Orania City fliegen. Wir können nicht auf dich warten, aber du bist hier sicher gut aufgehoben.«
James brummte: »Hm, okay. Mir bleibt sowieso keine Wahl, schätze ich. Ich komme nach, so bald ich kann.«
Mauzi klopfte ihm zum Abschied auf den Arm: »Machs gut. Wir retten einstweilen das gute, alte Team Rocket.«
James lachte sogar ein bißchen, und antwortete: »Das schafft ihr sicher.«
Sie reisten diesmal dem Sonnenuntergang entgegen und daher wurde es viel schneller finster, als üblich. Als sie die Hafenstadt Orania City erreichten, und aus dem Taxi ausstiegen, war es für einen kurzen Moment so, als hätten sie Topas Bay nie verlassen. Aber die gruselige Atmosphäre, die sich über die andere Stadt gelegt hatte, fehlte hier, und Mauzi führte sie auch schnell in Richtung des neuen Team Rocket Hauptgebäudes.
Jessie fragte: »Von hier bist du also los, um mich zu suchen? Das war ja ein ganz schön weiter Weg.«
Mauzi zuckte mit den Schultern. »Das war mir egal. Ich wußte, daß ich nur mit euch zusammenarbeiten kann.«
Jessie murmelte: »Das hat früher aber immer ganz anders geklungen.«
Lucia wollte erfahren: »Wie kommen wir in das Gebäude rein? Und was wollen wir dann dort eigentlich machen? Wir haben doch nicht einmal eine Idee, wann ein Anschlag auf euren Boss stattfinden soll, und ob überhaupt. Ich meine… was, wenn er schon davon weiß, oder sie ihn mit Worten anstatt mit Taten überzeugen wollen? Oder, habt ihr euch das mal überlegt, daß er euch nur auf unsere Spur gesetzt hat, um zu verhindern, daß wir etwas gegen Rocket Revolution tun?«
Mauzi war verwirrt: »Du meinst… daß die Feinde unserer Feinde eigentlich unsere Freunde sein sollten und nicht unsere Feinde?«
»Wenn man es noch unklarer ausdrücken will, dann ja.« entgegnete Lucia.
Ash beschloß: »Das werden wir heraus bekommen. Mauzi, du warst bestimmt oft genug hier. Wie kommen wir am Besten rein?«
Mauzi stemmte die Hände in die Hüften: »Als Putzpersonal. Aber das geht erst morgen früh wieder, die Putzleute haben Dienstantritt um fünf Uhr morgens, bis neun Uhr abends. Um Neun müssen alle ausgecheckt haben, wenn sie sich nicht in einen der Schlafräume eingetragen haben. Wenn wir nicht drin übernachten, kommen wir erst um halb Fünf rein.«
»Und was machen wir bis da hin?«
Das Pokémon antwortete auf Lucias Frage: »Ich erkläre euch, wo ihr im Gebäude was findet. Es muß aussehen, als würdet ihr euch super auskennen. Außerdem fälschen wir ein paar Ausweise. Niemand achtet sonderlich auf die Putztruppe, aber man muß überzeugend wirken. Sobald wir uns unsicher benehmen, werden wir auffallen.«
»Kein Problem für mich.« lobte sich Jessie selbst. »Ich bin die geborene Schauspielerin.«
Sie zogen sich in ein kleines Hotel in Sichtweite des Team Rocket Hauptgebäudes zurück und begannen mit der Arbeit. Die Ausweise waren nicht besonders schwer zu fälschen und Uniformen rasch besorgt. Es waren blaugraue Overalls und Kopftücher dazu. So konnten sie pünktlich um halb fünf Uhr morgens vor dem Gebäude stehen. Drei andere Putzleute waren auch noch da und so konnten sie mit der ganzen Truppe hinein schlüpfen. Langsam putzten sie sich in der beginnenden Dämmerung überall durch und kamen gerade rechtzeitig in die Chefetage, um dem Boss von Team Rocket den Weg in sein Büro schön zu säubern.
Er sah sich nicht einmal nach ihnen um.
Ash sagte leise: »Es wirkt alles sehr friedlich hier. Wie lange können wir hier warten, bis etwas passiert? Obwohl ich auch glaube, daß sie so schnell wie möglich zuschlagen werden, weil sie es nicht riskieren wollen, daß der Boss von vorgewarnt wird.«
Mit der Zeit wurden sie alle nervöser und unruhiger. Das Essen in der Kantine war zwar gut, aber wollte ihnen nicht so richtig schmecken. Es gab nicht den geringsten Hinweis. Alles ging den gewohnten Rhythmus, auch Mauzi fiel nichts auf. Mit einem Mal begann Jessie aber unterschwellig zu knurren und sah irgendwie angriffslustig aus. Sie fixierte eine andere Frau mit blonden Haaren und violetten Augen, die in einem gut aussehenden Kostüm vorbei marschierte. Diese aß sicherlich nicht in der Kantine, aber sie hatte eine Liste dabei, mit der sie kontrollierte, ob die Köche auch ordentlich arbeiteten. Alle Angestellten der Kantine waren von ihrem Auftreten verschreckt und beobachteten sie ganz genau.
»Cassidy…« grollte Jessie. »Die hat es hier tatsächlich bis in die Chefetage geschafft… sie muß bereits einen sehr hohen Rang haben.«
Mauzi murmelte leise: »Top-Ausbildnerin, und sie führt hier auch als Personalchefin die Kontrollen zur Effizienz der Arbeitskräfte durch.«
»Sehr schön, das paßt zu ihr.« grollte Jessie und griff nach dem Wischmop, der naß und glitschig in der Halterung am Putzwagen steckte. Sie schnippte ihn um, als Cassidy daneben vorbei ging, und ihre alte Rivalin würde diesen klatschnassen Gruß voll abbekommen. Lucia sprang auf und fing den Mop ab. Cassidy merkte nichts, Putzpersonal war für sie Nebensache.
Lucia keifte: »Was sollte das, willst du unsere Tarnung riskieren? Reiß dich zusammen. Wenn du hier einen Streit anzettelst, weiß doch gleich jeder, wer du bist. Und dann geht unser ganzer Geheimeinsatz flöten!«
Alle sahen sie verwundert an, doch es war sowieso zu spät, Cassidy doch noch eins auszuwischen, denn sie war weg.
Sie putzten am Nachmittag weiter und trennten sich auch kurz, um genauer nachzusehen. Es war Lucia, die den Neuankömmling als erste bemerkte. Sie hatte Bill vorher noch nicht gesehen, aber der Beschreibung nach konnte nur er es sein. Außerdem hatte er ein Glutexo bei sich, das er in einer Sicherheitsglocke trug, wo es weder ohne fremde Hilfe heraus kam, noch jemanden gefährden konnte. Es war ganz bestimmt das gleiche Glutexo, das Jessie und Mauzi in dem verborgenen Labor gesehen hatten, denn es hatte diesen verzweifelt wilden Blick.
Bill stellte sich bei der Rezeption als ganz normales Team Rocket Mitglied der oberen Liga vor und hatte natürlich auch den dazu passenden Ausweis. Es war schlimm, wenn die Feinde in den eigenen Reihen saßen. Oder waren es gar keine Feinde? Bill verlangte von der Rezeptionistin, zum Boss vorgelassen zu werden. Die Frau am Computer gab ihm nach Rücksprache einen Termin in einer halben Stunde. So lange sollte er warten.
Das war die Chance für einen von ihnen, in das Büro des Bosses zu kommen und dieses Treffen zu belauschen. Schnell suchte sie ihre Freunde und Mauzi, der bei weitem der kleinste war, beschloß gleich, in den Lüftungsschacht zu klettern und sich so bis zum Büro vor zu arbeiten. Jessie ging ein paar Minuten später bei der Privatsekretärin vom Boss putzen und nahm sich dafür ganz besonders viel Zeit. Sie hatte einen Funkknopf im Ohr, mit dem sie mithören konnte, was Mauzi drinnen wahrnahm, denn die Tür des Büros war schalldicht.
Als Bill in korrekter Uniform und mit dem Glutexo auftauchte, ging alles sehr schnell. Bill wurde vorgelassen und die Tür fiel zu.
Mauzi beobachtete, was vor sich ging. Er wußte, daß der Boss total sicher war, so lange er auf seinem Sessel hinter dem Schreibtisch saß, denn bei der geringsten Bedrohung wurde ein Kraftfeld rund um ihn aktiviert, das sämtlichen Zugriff auf ihn unmöglich machte. Er konnte sich dann samt Sessel über eine Falltür retten und von dort aus sofort in den Hubschrauber einsteigen. Anscheinend wußte Bill das auch.
Bill sagte: »Boss, dieses Glutexo ist unheimlich stark, und auch sehr schwer. Wenn Sie bitte hier herüber kommen um es sich anzusehen, ich wage es nicht, den Käfig auf dem Schreibtisch zu öffnen, die Krallen könnten die wunderschöne Oberfläche beschädigen. Und das wollen wir ja auf keinen Fall.«
Der Boss Giovanni befahl: »Es soll in dem Käfig einmal eine starke Attacke zeigen. Wenn es mich beeindruckt, werde ich es mir ansehen. Sonst kannst du es gleich wieder mitnehmen, und mit einer Bestrafung dafür rechnen, daß du meine Zeit verplempert hast. Verstanden?«
»Natürlich, Boss. Sie kennen diese Behälter, nicht wahr? Das ist wirklich hartes Material.« Er wandte sich an Glutexo: »Los, Glutexo, Kratzer-Attacke!«
Das Pokémon hieb mit der Vorderklaue zu und hinterließ im transparenten Material des Behälters einen tiefen Kratzer, der fast bis an die Außenseite durch reichte.
»Nun, das ist wirklich beeindruckend.« lobte der Boss und klatschte anerkennend. »In Ordnung, ich werde es mir ansehen.« Er stand auf und ging hinüber zu Bill. »Wie wurde es denn trainiert? Ist das dein Verdienst?«
Bisher war alles wie immer gelaufen, Mauzi war sogar unschlüssig, ob das nicht doch nur eine normale Übergabe war. Da zückte Bill plötzlich eine kleine Keramikpistole. Natürlich hatten die Metalldetektoren am Eingang nicht darauf angeschlagen. Diese drückte er Giovanni, dem mächtigen Boss von Team Rocket, gegen den Hals.
»So, und jetzt werden wir brav diese Erklärung hier unterzeichnen, nicht wahr, und dann… dann passiert leider ein schrecklicher Unfall. Glutexo wird wild und im Zuge dieser Raserei geschieht ein Unglück und man kann Ihnen nicht mehr helfen. Ich werde natürlich auch verletzt, damit es authentisch wirkt. Dieses Dokument findet man erst ein bißchen später.«
Er holte eine Mappe heraus, in der viele Seiten lagen, die dicht bedruckt waren. »Hier, bitte die erste Unterschrift, nur so am Rand, als hätten Sie das alles kontrolliert. Und dann da, die richtige, endgültige Signatur.«
Der Boss las sich nur wenige Zeilen durch und grollte trotzdem: »Ich soll, im Falle meines Ablebens, Team Rocket freiwillig an dich und eine Partnerin abtreten? Ich glaube, dir geht es nicht besonders gut.«
Bill grollte: »Natürlich geht es mir gut. Ein bißchen Beeilung, bitte.«
»Und wenn ich mich weigere, zu unterschreiben?«
»Dazu habe ich das hier. Traumato, komm heraus.« Er rief ein Traumato aus seinem Pokéball. »Hypno-Attacke einsetzen.« befahl er, und dem Boss: »Schön hinschauen, oder es tut weh.« Das Pokémon begann mit der Attacke.
Jetzt reichte es Mauzi. Leise flüsterte er ins Mikrofon: »Jessie, es ist ernst. Ich greife da jetzt ein.« Dadurch, daß er gesprochen hatte, wurde er aber auch von Bill gehört, der sofort auf die Lüftungsklappe schoß. Mauzi wich zurück und setzte dann Kratzfurie ein, um das Gitter zu zertrümmern. Er stürzte sich auf Traumato.
Zeitgleich stürmte Jessie zur Tür herein und riß den Boss zur Seite, der schon fast voll im Bann des Traumato stand. Sie polterten auf den Boden und die zweite Porzellankugel, die Bill abfeuerte, traf nur die Wand.
Durch den harten Rums kam Boss Giovanni wieder voll zu sich und fragte: »Wer sind Sie denn? Eine Putzkraft rettet mein Leben?«
»Nein, nicht ganz. Gestatten, Jessie vom Team Rocket. Immer zu Diensten.« Sie sprang hoch und stellte sich Bill in den Weg, der das Glutexo freilassen wollte. Hart knallte sie ihm ihre Faust gegen das Kinn. »Das ist die Revance für die volle Rechte.«
Bill taumelte rückwärts, und in der gleichen Sekunde begann ein Alarm zu schrillen. Natürlich hatte der Boss den Notknopf gedrückt. Jetzt kamen Dutzende an Sicherheitsagenten herangestürmt. Da hatte Bill keine Chance. Außerdem war nun alles vertan, denn nun waren er und Bonny enttarnt. Sie würden nie wieder eine Gelegenheit bekommen, einen Anschlag auf den Boss auszuführen. Dafür mußten sie jetzt um ihre eigene Sicherheit bangen.
Er rief Traumato zurück, das mit dem wie wild kämpfenden Mauzi beschäftigt war, und hob dann die Box mit Glutexo hoch.
»Ich gebe zu, du hast mich mit deiner Hartnäckigkeit überrascht.« sagte er grimmig. »Aber am Ende ist die Rache doch unser. Jessie, du vergißt uns nie, dafür ist gesorgt.«
Jessie fragte laut: »Das glaubst aber auch nur du! Ich hab die letzten Jahre nicht an euch gedacht und ihr seid es nicht wert, daß ich auch nur einen weiteren Gedanken an euch verschwende. Also sei nicht so großmäulig. Ich habe Wichtigeres zu tun.«
Bill lächelte auf grausame Art und Weise und erklärte stoisch ruhig noch einmal: »Du wirst uns nicht vergessen.« Dann benutzte er seine letzte Patrone, um eines der Fenster zu zerschießen. Er nahm Anlauf und sprang hinaus. Vom Behälter des Glutexo aus entfaltete sich ein kleiner, aber schneller Drachenflieger, der mit dem Rückstoß aus dem Luftloch, den Glutexo mit seinem Flammenwurf erzeugte, angetrieben wurde. Bill entfernte sich rascher, als ihm die Hubschrauber von Team Rocket folgen konnten, aufs Meer hinaus.
Mauzi putzte sich ab und murmelte: »Versteh einer diesen Mann.«
Der Boss erkannte ihn auch und lobte: »Jessie, Mauzi, das war hervorragende Arbeit. Ich bin mir im Moment noch im Unklaren darüber, wie ich euch dafür gebührend entlohnen kann, aber auf alle Fälle könnt ihr beide mit einer enormen Beförderung und einem ziemlichen Gehaltschub rechnen. Ich lasse euch meine Entscheidung wissen. Jetzt geht aber, ich muß sofort mit meinem Sicherheitspersonal sprechen.«
Jessie und Mauzi verbeugten sich tief und gingen nachher hinaus. Vor dem Tisch der Sekretärin fielen sie einander in die Arme, und jubelten: »Beförderung, Gehaltserhöhnung, Geld, Luxus! Urlaub, Reichtum, Macht und alles was wir uns damit kaufen und leisten können. Autos, Kleider, Schmuck…« Die beiden konnten sich kaum mehr beruhigen.
Jessie sagte schließlich: »Oh, wenn er deswegen gemeint hat, daß wir ihn nie vergessen werden, dann kann ich mich nur bei ihm bedanken.« Sie lachte.
Kapitel 10 : In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt
James setzte sich so rasch in seinem Bett auf, daß er kurz Sterne sah, obwohl es im Zimmer ganz dunkel war. Seine Schulter schmerzte von der heftigen Bewegung, aber er war im Schlaf so sehr erschrocken, daß die Bewegung automatisch passiert war.
»Au, mein Kopf…« murmelte er zu sich selbst. »Was war das denn…« Er ließ sich wieder zurücksinken. »Was für ein verrückter Traum. Das gibt’s ja nicht. Ich hab mir tatsächlich eingebildet, daß Kate mir Streicheleinheiten gibt. Oder…« er legte den Kopf schief, und erschauderte. »Ich muß wohl doch ziemlich hohes Fieber gehabt haben, immerhin dachte ich ja auch, daß sie mir antwortet. Aber wie hätte sie das denn tun sollen. Völlig verrückt.« Er überlegte weiter und stellte dabei fest, daß ein Glas sehr kaltes Wasser gar nicht mal so schlecht wäre. Da er Jessie beim Abmontieren seines Tropfs beobachtet hatte, konnte er diese einfachen Handgriffe auch. Er drehte erst das Ventil an der Nadel in seinem Unterarm zu. Dann fiel ihm etwas anderes ein. Jessie? Wieso hatte sein Pokémon Kate, Growlies Freundin, ihn mit Jessies Stimme angesprochen? Seltsam. Wenn er sich nur besser erinnern könnte…
Da waren plötzlich Schritte vor der Tür zu hören. Ganz leise, so als ob man ihn nicht wecken wollte. Bestimmt die Nachtschwester, die kontrollierte, ob er brav war. Er seufzte genervt. Es wäre wohl besser gewesen, wenn er am Abend beim Verband wechseln nicht so vehement verlangt hätte, gehen zu dürfen. Seither hatten sie ihn unter schärferer Beobachtung und wahrscheinlich kam sogar jetzt jemand nachschauen, ob er nicht abgehauen war.
Er schloß die Augen und stellte sich schlafend. Wäre er nicht wegen diesem Alptraum aufgewacht, hätte er diese Überwachungsaktion wahrscheinlich gar nicht mitbekommen. Bloß keinen weiteren Ärger mehr, dann konnte er sicherlich nach der Visite am kommenden Tag gehen. Aber irgendetwas stimmte nicht an der Szene. Man kontrollierte nicht nur, ob er noch da war, sondern die Person schlich auf leisen Sohlen in sein Zimmer. Sie drehte das Licht nicht auf und hatte keine Lampe mit.
Vorsichtig linste James durch seine Wimpern, ohne die Augen zu weit zu öffnen. Es war eine Krankenschwester, und sie trug auch eine dazugehörige Uniform. Doch sie verhielt sich nicht wie eine Krankenschwester. Im Licht, das von der Straße herein kam, stach sie eine Spritze in eine kleine Flasche und zog den Inhalt auf.
Dabei murmelte sie: »Schlaf schön, James. Bill wird heute auch sein Ziel erreichen, da bin ich überzeugt. Und keine Sorge, Jessie vergißt dich sicherlich nie.«
Das war bedrohlich genug. James zog unter der Decke das untere Ende des Schlauchs vom Anschluß am Handgelenk. Da das obere Ventil am Tropf aber noch offen war, drippelte die Flüssigkeit heraus. Glitzernde Luftblasen stiegen im gläsernen Gefäß hoch. Zeitgleich schob Bonny die Nadel durch den Gummi, der die Tropfflasche abschloß und spritzte den farblosen Inhalt in das Medikament. Es vermischte sich sofort und lief langsam weiter James Hand wurde unter der Decke langsam naß von dem Mittel. Sie würde sicherlich nicht riskieren, ihn zu berühren, um festzustellen, ob der Tropf angeschlossen war. Zu groß war das Risiko, daß er aufwachen und Alarm schlagen würde.
Nachzuschauen wagte sie nicht, aber sie blieb im Raum und blickte auf die Uhr. »Tut mir ja schon ein bißchen Leid, James.« sagte sie leise, doch ihre Stimme verriet gar kein Mitgefühl. »Ich hab dir schon mal gesagt, daß du dich besser nicht eingemischt hättest. Wir können aber keine Zeugen gebrauchen. Das muß selbst dir klar sein.« Sie sah wieder auf die Uhr und tippte ungeduldig gegen das Glas.
James bemühte sich, flacher zu atmen und stellte die Bewegung seines Brustkorbes schließlich ganz ein. Da war gar nicht so leicht. Luft…
Sie wartete tatsächlich noch ab, was war das nur für eine Person! Luft…
Mehr als hämisch beugte sie sich zu ihm hinunter, jetzt nur ja keinen Fehler machen! Luft!
Sie küßte ihn auf die Stirn und flüsterte: »Schlaf gut, James. Schlaf gut.« Luft!!
Wie war die Frau denn drauf?! Sie war so unglaublich kaltblütig, daß es schon sehr gruselig war, wenn sie so nahe bei ihm war. Bitte geh endlich weg… Luft!!!
Endlich drehte sie sich um und lief mit raschen, aber ganz leisen Schritten hinaus. Die Tür fiel leise ins Schloß. RAAAH!!! LUFT!!!
James begann wieder zu atmen und brauchte einige Sekunden, um sich zu erholen. Er wischte sich über die Stirn und befreite sich dann von der Tropfnadel, die war im Moment sowieso sinnlos. Das war ein sehr merkwürdiger Vorfall gewesen. Mit dem neuen Sauerstoff kamen auch die neuen Ideen, zunächst noch in einfachen Rechenschritten, nicht unähnlich diesem: Bonny plus ihr folgen ist gleich Versteck finden.
Er tastete rasch nach seiner Brille, stieg aus dem Bett und tapste auf den Schrank zu, aber sein Gewand war nicht da. Oh je, die schöne Uniform! Wo war sie bloß hingekommen! Aber so viel Zeit war sowieso nicht. Er riskierte, Bonny zu verlieren, wenn er zu lange trödelte. Also nahm er den Morgenmantel vom Haken und schlüpfte dort hinein. Mit nackten Füßen lief er den Gang entlang und sah Bonny in einiger Entfernung auf die Aufzüge zugehen. Unterwegs schnappte er sich von einem Rollwagen die OP-Uniform eines Arztes, die fest eingeschweißt war. Daneben lagen weiße Mäntel als Reserve. Zwei Lifte würden der Anzeige nach fast gleichzeitig ankommen. Bonny stieg in den ersten, der stehen blieb. Mit ihr waren zwei andere Krankenschwestern darin. Als die Tür dieses Aufzugs zuging, öffnete sich die Tür des anderen. Er war leer und James nutzte die Gelegenheit, um sich rasch die grüne OP-Kleidung anzuziehen. Zum Glück hatten sie am Abend noch seinen Verband gewechselt und er konnte in beide Ärmel schlüpfen. Die Armschlinge, die er eigentlich tragen sollte, wickelte er in den Morgenmantel, den er draußen im Gebüsch vor dem Krankenhaus deponierte. Es tat weh, aber auf das konnte er nicht achten.
Die Verfolgung funktionierte ganz gut. Zwar wunderte sich der Taxifahrer ein bißchen über den Arzt, der mitten in der Nacht einem anderen Taxi nach jagen wollte, und noch dazu nur Plastiküberzüge anstatt richtiger Schuhe an den Füßen trug. Nach einer großzügigen Bezahlung stellte er keine Fragen mehr, sondern folgte unauffällig dem anderen Auto.
Sie fuhren zum Hafen, und dort, an einer dunklen Ecke, stieg Bonny aus. Hier spielte das Glück zu James’ Gunsten. Sie steuerte zuerst auf ein seltsames Wasserfahrzeug zu, das an einer Stelle des dunklen Piers angehängt war, und öffnete den Einstieg. Sie war schon fast eingestiegen, als eine kleine Brise einen herrlichen Duft herbrachte. Es roch nach frischem Kaffee, der an einer Würstchenbude am Pier zubereitet wurde. Drei Fischer hatten sich dort angestellt und der Verkäufer bereitete ihnen einen Mitternachtssnack zu. James’ Magen knurrte so laut, daß er schon glaubte, Bonny würde ihn hören, weil sie inne hielt.
Stattdessen stieg sie aber nur wieder aus und lief auf die Imbißbude zu. Sie ließ ihr Fahrzeug offen. Mit flötender Stimme, winkend und noch immer mit der Krankenschwestern-Uniform lief sie auf die Fischer zu, die sie sofort auf einen Kaffee einluden, und ihr auch noch ein herrliches Schoko-Donut dazu spendierten. Bonny packte aber alles ein und kehrte zu ihrem Wasserfahrzeug zurück. Jetzt schloß sie die Luke.
Gleich darauf nahm sie über Verbindung mit jemandem auf: »Bill, hier Bonny. Auftrag erledigt. Ich komme zum Treffpunkt. Ich bin pünktlich da.«
»Verstanden.« kam aus der Leitung. »Operation Übernahme läuft am Nachmittag an.«
Bonny betätigte einen Hebel und im hinteren Teil des Schiffes, im Maschinenraum, ging, von einem scheußlich fiependen Ton angefacht ein riesiger Blitz los. Dieser Blitz fand aber in einem geschlossenen Container statt und der Strom wurde auf die Maschinen umgeleitet. Es wurde sofort ein bißchen heller in dem Raum und alle Motoren sprangen an, zumindest einmal auf Stand-by.
James, der sich genau dort versteckt hatte, war so massiv geblendet, daß er einige Sekunden lang brauchte, um wieder etwas zu sehen. Da befand sich tatsächlich das Pikachu von Ash in diesem Container und sorgte mit mächtigen Schocks für den Antrieb dieses Wassergefährts.
Was für eine gute Idee! Jessie, Mauzi und er hatten immer selbst getreten, um sich mit Strom zu versorgen. Warum waren sie bloß nie auf so etwas gekommen. Pikachu sah aber nicht sehr glücklich aus, es war, als wäre es eher den Tränen der Verzweiflung nahe, als böse.
Schritte! Panik! James huschte mit einem Sprung hinter einer Ecke in Deckung, als Bonny herein kam.
Sie klopfte drei Mal gegen den Container, in dem Pikachu war, und rief: »He, du da! Volle Kraft voraus, habe ich befohlen, oder war das nicht deutlich genug?« Sie drückte einen kleinen Knopf und noch einmal war dieser schreckliche Ton zu hören. Pikachu fiepte grimmig auf und stieß einen gewaltigen Donnerschock aus. Jetzt rotierten die Motoren auf voller Leistung. »Brav.« lobte Bonny und ging wieder nach vorn.
James blieb sitzen, wo er war, wickelte sich fester in seinen weißen Mantel und lehnte sich an der Wand an. Er fühlte sich nicht besonders, offenbar hatten die Ärzte Recht und die Anstrengung war ein bißchen zu viel gewesen. Die Augen fielen ihm zu und er konnte sich nicht mehr aufs Wach bleiben konzentrieren.
Als er wieder zu sich kam, war es bestimmt einige Stunden später. Er wußte nicht einmal, ob sie unter Wasser, oder über Wasser gereist waren. Doch das erschien unerheblich, denn das Boot hatte angehalten. Vorsichtig lugte er um die Ecke und stand auf, um auch noch ins Cockpit nach vor zu schauen. Es war hellichter Tag, vielleicht sogar schon Nachmittag, und aus dem Fenster konnte man außerdem erkennen, daß das Wasserfahrzeug an der Oberfläche schwamm. Sie lagen allem Anschein nach an einem Pier. Bonny war nirgendwo zu sehen. Bestimmt war sie ausgestiegen, um sich mit Bill zu treffen.
»Oh nein.« grummelte James. »Jetzt habe ich sie verloren. Da kann man nur hoffen, daß Bill mit ihr hierher zurückkommt. Oder vielleicht doch besser nicht?« Wenn er hier allein war, dann waren sie ihm sicherlich überlegen. Ein seltsames Geräusch störte seine Gedanken.
Es kam aus dem Maschinenraum. James erschrak zuerst. Vielleicht doch Bonny? Aber nein, es war Pikachu… das kleine Pokémon jammerte, völlig erschöpft in seinem Container liegend. Es erkannte James offenbar als Feind und wollte sich sofort wehren, aber dazu war es viel zu ausgelaugt. Der Mann hingen empfand ehrliches Mitleid und ging zu dem Container hin. Von außen her war es ein ganz einfacher Verschluß, und er machte ihn auf. Pikachu brachte vor Ablehnung sogar einen kleinen Donnerschock zustande, der James elektrisierte.
»He, ich will dir hel…« begann James leise, und tastete dann den leeren, alten Pokéball von seinem Fukano Growlie in der Manteltasche. Er hatte ihn mit seiner Geldbörse gemeinsam aus dem Morgenmantel mit eingesteckt. Seine Miene änderte sich. »I-Hihihi…« kicherte er leise mit einem gemeinen Unterton. »Jetzt stiehlt Team Rocket Pikachu doch noch! Daß ich das noch erleben darf…« Er rieb sich die Hände.
Rasch tippte er das störrisch fauchende Pikachu mit seinem Pokéball an, und tatsächlich schaffte er es, das Pokémon einzufangen. Der Ball zitterte in seiner Hand, da sich das Pikachu noch immer massiv zur Wehr setzte. Im Normalfall hätte der alte Pokéball das starke Pikachu wohl nie gehalten, aber da es durch den langen Einsatz als Stromlieferant sehr erschöpft war, konnte James es fangen.
Jubelnd stellte er fest: »Hurra! Ich habe Pikachu gefangen!« Einen kleinen Freudentanz mußte er unterbrechen, denn seine Schulter hatte etwas dagegen einzuwenden. Rasch kletterte er durch den Notausstieg des Wasserfahrzeuges nach draußen. Zum Glück war dieser von innen in allen Fällen zu öffnen, unabhängig davon, ob von außen versperrt war. Wo war Bonny aber nun hingekommen? Trieb sie sich hier im Hafen herum? Wie auch immer, als Arzt im OP-Gewand und mit Plastikpatschen als Schuhen fiel er hier schon jetzt auf wie ein bunter Hund. Das mußte sich rasch ändern! Eine andere Verkleidung mußte her! Ein älterer Fischer sah ihm verwundert nach, und das brachte ihn dann auch auf die zündende Idee. Wenn einer im Hafen nicht auffallen würde, dann war das ganz bestimmt ein Fischer. So eine Verkleidung dürfte auch leicht zu finden sein.
Lucia konnte Ash nur mit Mühe festhalten. Sie waren aus dem Team Rocket Gebäude gelaufen und standen nun an der großen, breiten Hafenpromenade von Orania City, die gleichzeitig auch der Hauptplatz der Stadt war. Erst hier hatte Lucia es geschafft, den davonrennenden Ash einzuholen. Allein aus dem Grund, weil er seiner Freundin nicht weh tun wollte, hatte er aufgehört, sich gegen sie zu stemmen. Er wollte so rasch wie möglich Bill nach, und hatte ihm auch Staraptor nachgeschickt, um ihn auszuspionieren. Dort wo Bill hinging, war Pikachu sicherlich nicht weit. Ash wollte ihn stellen und sich mit ihm messen. Er wollte sich für das, was sie seinem besten Kumpel angetan hatten, rächen.
Lucia hatte ihm verzweifelt versucht klar zu machen, daß er nichts überstürzen sollte. Seine Wut war im Moment zu groß, und damit würde er zu viel riskieren. Er würde vielleicht noch mehr Pokémon verlieren, und diesmal endgültig. Außerdem waren mindestens zwanzig fuchsteufelswilde Team Rocket Spezialkräfte hinter ihnen her, und diese hatten bestimmt etwas dagegen, wenn sich Ash Ketchum in die internen Angelegenheiten einmischte.
»Warte.« beruhigte Lucia ihn weiter. »Die beiden werden fliehen, sie haben bestimmt einen super Plan. Staraptor bleibt an ihnen dran und sobald wir wissen, daß wir sie allein erwischen, ohne die Einmischung von Team Rocket, werden wir angreifen. Alle zusammen.«
Jessie stimmte zu: »Ja. Ich rufe mal im Krankenhaus an und frage, ob sie James schon gehen lassen. Er ist auch ein zugelassener Pokémontrainer und kann mit sechs Pokémon antreten. Wir werden es denen zeigen. Keiner haut mir ungestraft eine runter!«
»Und keiner schickt mir ungestraft ein Rettan nach, das mich beißt.« grollte Mauzi.
Jessie ging zum nächstgelegenen Telefon hinüber und wählte die Infostellen-Nummer des Krankenhauses in Topas Bay. Sie würden sie bestimmt weiter verbinden können. Was sie am Videobildschirm sehen konnte, war verwirrend. Ein Polizist durchsuchte im Hintergrund der Krankenschwester einen anderen Computer, und als Jessie erklärt hatte, wen sie sprechen wollte, tauchte sofort Officer Rocky im Bild auf.
»Wer sind Sie?« fragte die Polizistin scharf. »Sie sehen mir sehr verdächtig aus, wollen Sie jetzt ein Erpresserschreiben deponieren? Das wird Ihnen nur nichts nützen, also lassen Sie es gleich, verstanden? Die Familie Ihrer Geisel hat schon verlautbaren lassen, daß kein Lösegeld gezahlt wird. Also geben Sie besser gleich auf!«
Jessie fragte perplex: »Entschuldigung, was ist da bitte los? Ich wollte nur mit dem Patienten in Zimmer Nummer Dreivierundfünfzig sprechen.«
Officer Rockys Tonfall änderte sich drastisch: »Oh meine Güte, Sie sind bestimmt eine Freundin… das ist… Verzeihen Sie meinen Ausbruch von vorhin. Aber wir haben hier ein paar Schwierigkeiten, die jedoch nur Familienmitglieder etwas angehen.«
Lucia, die eigentlich nur näher gekommen war um zu sagen, daß die beiden anderen weiter nach vor auf den Pier gegangen waren, stellte sich näher zum Telefon hin. »Was redest du denn so lange?« fragte sie. »Gibt’s Probleme? Hoffentlich nicht.«
Die Krankenschwester erschien wieder neben Officer Rocky und wirkte sehr aufgeregt: »Die Verlobte… endlich! Wir haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Sie irgendwie zu erreichen, aber… wir konnten nichts tun, es ist schrecklich, daß Sie es auf diese Weise erfahren müssen…«
Lucia runzelte die Stirn und erkundigte sich: »Bitte was erfahren? Hätten Sie die Freundlichkeit, mich aufzuklären? Es ist doch nichts Schlimmes mit James geschehen, oder? Ich hätte ihn nie allein gelassen, wenn es ihm nicht besser ginge. Er war wohlauf, als ich mich gestern von ihm verabschiedet habe.«
Officer Rocky bemühte sich, sachlich zu bleiben: »Ihr Verlobter ist Opfer einer ziemlich scheußlichen Entführung geworden. Bestimmt hat jemand von außerhalb seinen gewichtigen Namen erfahren und gedacht, das wäre eine gute Gelegenheit. Niemand rechnet doch damit, daß jemand aus einem Krankenhaus gekidnappt wird. Man hat in seinem Medikament Spuren von einem sehr, sehr starken Betäubungsmittel gefunden, das bestimmt verwendet wurde, um ihn ruhig zu stellen.« Sie seufzte. »Wir haben nicht die geringste Spur.«
Die Krankenschwester fügte hinzu: »Und es ist ernst. Nur ein ganz kleines bißchen zu viel von diesem Mittel und das kann ihn in seinem geschwächten Zustand sehr schaden… um nicht sogar zu sagen… wir müssen ihn dringend finden und zu einem Arzt bringen. Wenn es nicht schon zu spät ist, immerhin sind über zwölf Stunden seit seiner Entführung vergangen. Ich wage es nicht, es auszusprechen, aber… normalerweise kommen erste Erpressungsversuche viel früher. Da muß etwas Unvorhergesehenes passiert sein.«
Lucia blinzelte wortlos. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was hier eben passierte. »Äh… dann… bitte tun Sie ihr bestes, ja?« Sie hielt den den Hörer noch fest, obwohl das Gespräch beendet war, als wäre sie in Trance. Ihr Kopf brauchte wahrscheinlich noch einige Sekunden, um das zu verarbeiten. Was genau hatte sie da gerade eben erfahren? Bestimmt gab es eine andere Erklärung. So hinterhältig konnte niemand sein, das gehörte verboten!
Jessie keuchte: »Das hat Bill also gemeint…« sie war bleich wie ein Leintuch geworden.
Während die beiden Frauen telefonierten, standen Ash und Mauzi vorn am Kai und sahen in die Richtung, in die Staraptor verschwunden war. Sie konnten das Pokémon nicht mehr sehen, aber trotzdem war der unheimliche Drang, auf seine Rückkehr zu warten, stärker als de Vernunft, auch einmal vom Himmel weg zu sehen.
»Dann war das doch dein Staraptor.« stellte eine bekannte Stimme urplötzlich neben ihnen fest. »Ich dachte mit schon, daß ich es kenne.« James sah aus wie ein Fischer, nur daß er keine Angelrute hatte. Auch er beschattete die Augen und blickte aufs Meer.
Mauzi und Ash erschraken beinahe zu Tode, faßten sich aber schnell und keiften gemeinsam: »Was machst du hier, du solltest im Krankenhaus liegen! Wo ist deine Armschlinge, du kannst doch nicht einfach hier so herumlaufen.«
»Oh, äh, ja.« entgegnete James und kratzte sich mit der gesunden Hand verlegen hinterm Ohr. »Nun, nach einem äußerst dubiosen Vorfall bin ich Bonny bis hierher gefolgt und hab sie beobachtet. Sie traf mit Billy zusammen, ungefähr vor zehn Minuten, und sie sind in ihrem U-Boot abgehauen. Da lang.« er zeigte aufs Meer. »Ich denke mal nur, sie kommen nicht weit, denn bei der Geschwindigkeit, die die drauf hatten, sind die Akkus bald leer, auch wenn sie voll aufgeladen waren.«
Ash hätte ihn am liebsten am Kragen gepackt und geschüttelt, aber dann brüllte er nur: »Und du hast sie einfach fahren lassen, du hättest sie stoppen können!«
»Wie denn, ich allein.« rechtfertigte sich James. »Ich hatte ja nicht einmal ein Pokémon dabei. Aber ich habe ihnen ein kleines Geschenk dort gelassen.« Er ließ einen kleinen Signal-Detektor in Mauzis Pfoten fallen. Ein Licht blinkte darauf.
Das Pokémon war begeistert: »Wouw, James, so finden wir sie sicher.«
Der Angesprochene streckte sich durch. »Ja… außerdem, wie gesagt, sie kommen nicht weit. Ich habe ihnen sozusagen den Hauptstecker gezogen.« Er grinste gemein und holte den alten Pokéball aus seiner Hosentasche. »Hier, Ash. Ich glaube, das könnte dich interessieren.« Er gab Ash den Ball.
Dieser sah das kleine runde Ding vollkommen verblüfft an, und strich ehrfürchtig über seine Oberfläche. »Ist das… Pikachu?«
James nickte vage: »Aber du hast noch einen weiten Weg vor dir. Im Gegensatz zu mir. Ich will das einfach nur zu Ende bringen und dann nach Hause gehen. Und… ich habe auch noch etwas zu erledigen. Wenn ich schon mal den Mut dazu habe.« Er seufzte einmal.
Mauzi seufzte traurig: »Und ich hab gehofft, daß du zum Team Rocket zurück kommst. Wir sind super, wir drei, und Jessie und ich kriegen eine Beförderung, wie wir es uns immer erträumt hatten, bestimmt du auch, wenn du nur erzählst, daß du dabei warst.«
Ash war so perplex, Pikachu wieder zu haben, daß er auf nichts in der Umgebung achtete. Er wußte, daß sein Pokémon viel durchgemacht hatte und eine Gefahr darstellte, wenn er es hier frei ließ, dennoch hätte er es so gern gesehen… vorsichtig ließ er das Pokémon heraus, und es war immer noch vollkommen erschöpft, konnte gar nicht aufrecht stehen. Tränen begannen sich in seinen Augen zu bilden. Das hätte er nie für möglich gehalten. Sein Pikachu. Er kniete sich daneben hin und streichelte langsam über das gelbe Fell. Funken von Elektrizität britzelten hoch, und kniffen ihn in die Finger, aber das war egal, er hatte es wieder… rasch rief er es in den Ball zurück, wo es mehr Ruhe hatte.
»Ich muß ihn sofort in ein Pokemoncen…« begann er aufstehend, wurde aber in der Sekunde wieder so massiv erschreckt, daß er vergaß zu atmen. Noch mehr solche Erlebnisse und er würde sich Nervenmedizin kaufen müssen.
Jessie war, dicht gefolgt von Lucia, so rasend schnell herangeflitzt, daß er sie gar nicht hatte kommen sehen, und sie erst bemerkte, als sie unmittelbar vor ihm auftauchte. Auch James war vor Entsetzen geschockt und stand da wie eingefroren.
Mindestens zehn geschrieene Fragen an ihn fielen Jessie sofort ein. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen schnell und sie bebte vor Wut, Erleichterung und Angst zugleich. Ihre Lippen bewegten sich kurz, aber trotzdem kam kein Wort heraus, das war auch überflüssig, so überflüssig… Das einzige was Jessie jetzt wirklich wollte, war ihm auf möglichst einfache Weise alles zu erklären. Sie hatte gleichzeitig so große Angst davor, daß sie es kaum wahrhaben wollte. So etwas zu tun war ungewöhnlich für sie. Aber wann, wenn nicht jetzt… Sie brauchte sich nicht weit zu auf die Zehenspitzen zu stellen, um ihm einen scheuen Kuß zu geben. Vor Zittern konnte sie sich kaum bewegen.
Überrascht reagierte James ausgesprochen verwundert; fast als ob er annahm, daß Jessie von irgendetwas besessen wäre, und zuckte ein Stück zurück und sah sie groß und fragend an.
Jessie wandte den Kopf ab. »Entschuldige, James…« flüsterte sie tonlos. »…Es tut mir Leid, das hätte ich nicht tun sollen.« Sie machte einen kleinen Schritt zurück. »Verzeih mir bitte.« Langsam drehte sie sich von ihm weg. »Aber ich glaube, ich liebe dich.«
James griff nach ihrem linken Handgelenk und hielt sie leicht fest: »Geh nicht weg.« Er zog sie sanft zu sich zurück und strich ihr mit der linken Hand durch die Haare: »Denn ich weiß, daß ich dich liebe, Jessie.«
Sie küßten sich so lange, daß Lucia Zeit hatte, zu Ash hin zu gehen und sich hinter ihn zu knien. Mit den Unterarmen stützte sie sich auf seinen Schultern ab und mit dem Kinn auf seinem Kopf. So konnte er unmöglich aufstehen, ohne sie zu stören.
Er erklärte verwundert: »Ich hätte mir nie gedacht, daß die beiden sich gern haben… Hm, auf was man nicht alles draufkommt, wenn man aufpaßt.«
Lucia seufzte: »Ash, manchmal machst du mich echt fertig, weißt du? Na komm, laß uns Pikachu ins Pokémoncenter bringen, und dafür sorgen, daß es geheilt wird. Nur müssen wir aufpassen, daß es nicht ausbricht. Es wird sicherlich schwer, es wieder an dich zu gewöhnen.« Sie stand auf. »Ich helfe dir, wo ich kann.«
»Ist mir klar.« murmelte Ash und ließ sich ein bißchen von ihr hochziehen. Die Serie an nervenzerfetzenden Schreckenserlebnissen endete wohl nie, denn in dem Moment klatschte es laut zwischen Jessie und James. Mauzi, der mit verträumtem Blick zugeschaut hatte, war mindestens genau so erschrocken.
Kapitel 11 : Team Rocket übernimmt!
Jessie hatte James eine sehr saftige Ohrfeige verpaßt, und zwar für: »Weil du aus dem Krankenhaus raus bist, obwohl du noch nicht mal fünf Minuten gerade stehen kannst! Und dann hinterläßt du uns nicht einmal eine Nachricht. Wage es ja nicht, mir noch einmal einen solchen Schrecken einzujagen!«
James brummte und rieb sich die Backe: »Schon verstanden…«
Ash rief lauter dazwischen: »He, wir haben immer noch das Problem, daß Bonny und Bill auf der Flucht sind. »Wir müssen sie fangen, sonst tun die das noch anderen Pokémon an.«
Jessie schlug vor: »Ich bin sicher, daß wir uns aus dem Team Rocket Hauptquartier ein Boot ausborgen können. Kommt mit.«
James und Mauzi folgten ihr. Das Team Rocket Hauptgebäude war wirklich die beste Adresse, um an schnelle Maschinen heranzukommen.
Ash und Lucia gingen so schnell es ihnen möglich war zum Pokémoncenter. Ash warnte Schwester Joy vor. Sie sollte mit Pikachu gut aufpassen, da man noch nicht genau wußte, was für Trainingsmethoden die beiden Verbrecher angewandt hatten. Die Pokémon-Heilerin war ziemlich entsetzt über die Geschichte, und konnte sie gar nicht glauben, aber sobald sie auf den Monitor sah und die Werte von Pikachu checkte, mußte sie wohl oder übel zugeben, daß hier sehr viele Methoden angewandt worden waren, die sie nicht kannte, aber auf keinen Fall gut hieß. Sie würde bestimmt mehr darüber erfahren, wenn sie Pikachu behandelte.
Lucia fragte: »Wird Pikachu wieder ganz gesund werden?«
Joy gab eine vage Erklärung ab: »Es gibt Bereiche, die ich behandeln kann, andere gar nicht. Für diese ist ein Trainer zuständig. Ash wird sich anstrengen müssen, aber ich weiß, daß er nicht locker lassen wird.«
Lucia nickte: »Das wird er ganz bestimmt nicht. Ich kenne ihn viel zu gut dafür.«
Joy lächelte und trat wieder zu dem Behälter zurück, in den Pikachu gelegt worden war. Ash hatte sich keinen Millimeter davon wegbewegt. Er sagte: »Ich möchte so gern da sein, wenn Pikachu aufwacht. Doch das wird noch eine Weile dauern, nicht wahr, Joy?«
Die Angesprochene nickte: »Ja. Ich kann dir auch nicht sagen, wie lang genau es dauern wird. Das hängt davon ab, wie die Behandlung läuft. Ich lasse es auf alle Fälle schlafen, bis ich mir sicher bin, daß es sich so weit beruhigt hat, daß es keine Gefahr darstellt.«
Ash seufzte: »Wir sollten zum Pier zurückgehen, und auf die drei anderen warten.«
Lucia stimmte zu: »Ja. Wer weiß, wie schnell sie ein Boot bekommen, und wenn doch nicht, dann sollten wir uns darum kümmern. Außerdem wird Staraptor dich suchen, wenn es zurückkommt.«
Ash wandte sich noch einmal an Schwester Joy: »Paß gut auf.«
Sie nickte: »Ich verspreche es dir.«
In der Zwischenzeit waren Jessie, James und Mauzi schon im Hauptquartier angekommen. Es gab keinen, der ihnen nicht nachblickte, als sie den Weg in die Chefetage nahmen. Die Empfangsdame war so aufgeregt gewesen, daß sie beinahe den Alarmknopf gedrückt hätte, als die Freigabe für den Chef-Aufzug. Natürlich hatte sich schon überall herumgesprochen, daß es Jessie gewesen war, die den Boss vor ernsthaftem Schaden bewahrt hatte. Einige Leute konnten es kaum glauben, so wie Cassidy zum Beispiel, die ganz genau wissen wollte, ob alles an den Gerüchten stimmte.
Daher ging Jessie natürlich mit hoch erhobenem Kopf und stolzem Blick, und genoß jede Art der Bewunderung, auch wenn es nur ungläubige Blicke waren. Wie oft hatte man ihr früher vorgeworfen, daß sie in einem Versager-Team war, und nun hatte genau dieses von allen verspottete Versager-Team den wichtigsten Mann der ganzen Organisation gerettet. Wenn das kein Ruhm war!
Mauzi stolzierte dahin, und fühlte sich besser als jedes Snobilikat. Diese hochnäsigen, großen, ach so eleganten Vierbeiner. Keiner von denen hätte es je geschafft, sich durch den Lüftungsschacht zu zwängen. Keiner von denen war so intelligent, eine Abhöranlage zu bedienen und bestimmt waren sie, bei all ihrer Arroganz, viel zu feige um sich überhaupt auf so eine Aktion einzulassen.
James war zugegebener Maßen froh, daß er hier dabei sein konnte. Zwar war sein Anteil an dieser Rettungsaktion nur sehr gering gewesen, aber alles war nur möglich geworden, weil sie so zusammengearbeitet hatten. Nur gemeinsam hatten sie die notwendigen Informationen bekommen können, und manchmal hatte ihnen der Zufall auch Möglichkeiten in die Hände gespielt. Doch irgendwie behagte ihm die Atmosphäre nicht, es schien, als wäre irgendetwas doch nicht ganz in Ordnung und sehr viele Fragen offen.
Langsam näherten sie sich jetzt dem Ziel, kamen an der Privatsekretärin vorbei, die sie mit einigen knappen, aber freundlichen Worten begrüßte. Sonst war sie mindestens genau so kratzbürstig wie ein Stacheldraht, wenn jemand etwas vom Chef wollte. Die Tür zum Büro vom Boss ging auf, und Giovanni bat alle gleich herein. Er saß wieder hinter seinem Schreibtisch und obwohl nur wenige Minuten vergangen waren, hatte man inzwischen alle Spuren des Überfalls beseitigt. Auch die zersplitterte Glasscheibe war wieder eingesetzt.
»Eigentlich habe ich erwartet, daß Jessie und Mauzi draußen warten.« sagte der Boss mit der für ihn typisch grimmigen Stimme. »Ich frage mich daher, wieso ihr weggerannt seid. Hattet ihr etwa mehr mit der Sache zu tun, als ich zuerst angenommen habe? Wie konntet ihr überhaupt einen so guten Plan aufstellen, um mich zu retten? Habt ihr mit Bill gemeinsame Sache gemacht, und war es vorhergesehen, daß ihr beide eingreift, um als Helden dazustehen? Wieso hättet ihr sonst sofort abhauen sollen, obwohl ich den Wunsch geäußert habe, noch mit euch zu reden? Ich bin mir da ziemlich im Unklaren. Es heißt, ihr seid in dieselbe Richtung gerannt, in die Bill geflohen ist. Was hattet ihr denn noch mit ihm zu besprechen? Das würde ich nun gerne von euch beiden erfahren, Jessie und Mauzi.« Der Boss lehnte sich zurück. »Oder soll ich vorher mein Befragungspersonal rufen?«
Die beiden Erwähnten erschraken. Sie hatten nicht mit einer Standpauke gerechnet, aber sie hatten es verdient, sie waren ganz einfach gegangen, ohne seine Erlaubnis abzuwarten. Bestimmt war er nun böse, und das war sein gutes Recht. Außerdem diese Anschuldigung, daß sie mit Bill unter einer Decke steckten? Das war ernst, sehr ernst… aber wenn man es aus seiner Sicht sah, konnte es durchaus so sein, schließlich waren sie unmittelbar nach Bills Flucht hinterher gerannt. Sie wollten ihn zwar auch nur finden, um ihn zu fassen aber wie konnten sie beweisen? Würde es nun gar nichts geben, keine Beförderung, kein Geld, nichts? Vielleicht erwartete sie sogar eine Bestrafung, oder ein sehr unangenehmes Verhör? Der Gedanke daran war beunruhigend. Sie rückten näher zusammen.
James machte einen Schritt vor, griff flüchtig nach Jessies Hand, und bückte sich währenddessen zu Mauzi. Schnell nahm er ihm den das Peilgerät für den Sender ab. »Die beiden waren mit dem Job noch nicht ganz fertig, darum mußten sie schnell weiter.« sagte er in die entstandene Stille hinein. Langsam trat er weiter vor und legte den Peilsender auf den Tisch vom Boss. »Wir konnten keinen Funk riskieren, da dieser vielleicht abgehört werden könnte. Daher mußten sie natürlich rasch aus dem Gebäude laufen und mich persönlich verständigen. Ich hatte die Aufgabe, am Fluchtfahrzeug den Sender zu befestigen. Es war zwingend notwendig, daß die zwei so schnell hier weggelaufen sind.«
Der Boss war ehrlich überrascht: »Euch dreien ist ein so ein guter Plan gelungen? Und der Sender ist wirklich im Fluchtfahrzeug dieser beiden Intriganten versteckt?«
Jessie, James und Mauzi nickten gemeinsam.
Sofort hob der Boss sein Telefon ab und sagte hinein: »Schickt mir Chefagent Angus herauf, wir haben ein Ziel.«
Bis der verlangte Agent ein paar Minuten später zur Stelle war, sprach der Boß kein Wort mit den anderen dreien, sondern trank in Seelenruhe seinen Kaffee weiter. Dann erteilte er an Agent Angus den Befehl: »Hier. Macht etwas daraus.« er gab das kleine Anzeigegerät weiter. Schnell verließ der Agent den Raum.
Jetzt wandte sich der Boss wieder an seine anderen Leute: »Meine Agenten werden diese Angelegenheit jetzt übernehmen.« Er räusperte sich: »Ich bin wirklich zufrieden mit euch. Ihr habt euch damit sehr verdient gemacht. Da eine sehr lukrative Stelle im Gefüge meiner Organisation frei geworden ist, werdet ihr alle für eine Beförderung vorgeschlagen. Ihr werdet keinen anstrengenden Außendienst mehr machen müssen.«
Jessie und Mauzi starrten ungläubig, und voller Erwartung ihren Boss an. James wartete auch ab, aber seine Miene war ein bißchen anders, wenn auch gespannt.
Der Boss begann: »Mauzi, da du unmittelbar daran beteiligt warst, mein Leben zu retten, habe ich eine großartige Belohnung für dich. Auf dich wartet etwas ganz Spezielles. Ich möchte, daß du Cheftrainer aller Pokémon wirst, die für Team Rocket arbeiten. Du wirst sie drillen und dafür sorgen, daß sie alle Befehle gut verstehen. Deine Übersetzungsfähigkeiten werden dafür natürlich gute Dienste leisten. Du bekommst ein festes Monatsgehalt und eine Unterkunft, die deinen Ansprüchen angepaßt wird.«
Mauzi begann vor Rührung zu weinen und ging in die Knie. »Oh danke, Boss. Danke.«
Giovanni hatte aber genug mit ihm geredet, und wandte sich nun an Jessie: »Dir habe ich sehr viel zu verdanken, das überwiegt die vielen Fehler, die du früher gemacht hast, deutlich. Es scheint, als habe ich es hier mit einer sehr kompetenten Person zu tun. Daher sehe ich Anlaß dazu gegeben, dir eine überaus wichtige Position zu überantworten, nämlich als Vize-Chefin von Team Rocket. Eigentlich war Cassidy für diesen Job vorgeschlagen, aber meine Meinung hat sich soeben geändert. Und da sie noch nichts davon wußte, braucht sie es auch nicht zu erfahren.« Er lehnte sich zurück. »Nun, was sagst du dazu?«
Jessie holte Luft und stotterte dann: »Darf ich… darf ich das einen Moment lang genießen? Ich… ich bin wirklich platt, geehrt, und erfreut, und… das war immer schon mein größter Traum… äh…« Sie warf einen Blick zur Seite, zu James, der sie still beobachtete, dann beugte sie sich hinunter zu Mauzi und schloß das Pokémon fest in die Arme.
Der Boss wandte sich, während die beiden sich leise freuten, an James: »Meine Vize-Position ist vergeben, aber die Technik- und Ausrüstungs-Abteilung braucht einen neuen Leiter, der alle neuen Erfindungen und den gesamten Maschinenpark überwacht. Wäre das nicht etwas für dich, James? Das Gehalt läßt nichts zu wünschen übrig.«
James antwortete prompt: »Ich bin vor vier Jahren aus Team Rocket ausgestiegen, und Mauzi hat von seinem Gehalt meinen Mitgliedsbeitrag weiter gezahlt, ohne daß ich ihn darum gebeten habe. Daher ist es wohl richtig, daß ich Mitglied bin und Anspruch auf diese Position hätte, aber ich habe mich entschieden. Ich quittiere meinen Dienst hiermit endgültig.«
Der Boss zuckte mit den Schultern: »Gut, wenn das dein Wunsch ist, bitte. Ich lasse meine Sekretärin die Formulare fertig machen, ebenso wie die Beförderungspapiere und die neuen Dienstverträge der anderen beiden.«
James atmete tief durch und sagte dann ernst: »Das geht nicht.«
Stille breitete sich aus. Der Boss konnte es im ersten Augenblick gar nicht glauben und fragte mit einem empörten Unterton: »Wie war das?«
Jessie richtete sich auf und stellte sich an James’ Seite. Den Boss zu beleidigen war nie besonders weise und man fühlte sich sofort unwohl in seiner Gegenwart, wenn er sauer war.
James sprach weiter: »Jessie kann den Job nicht annehmen… weil… weil ich möchte, daß sie mit mir kommt.« Er war ziemlich rot geworden.
Jessie sah ihn sehr überrascht an: »Ich soll mit dir kommen?« sie räusperte sich. Es war so einfach. »Natürlich.«
Mauzi war ebenso geplättet: »Jetzt haben wir uns gerade wieder gefunden. Ich möchte auch nicht allein bleiben. Wenn die zwei nicht hier bleiben, kann ich den Job auch nicht annehmen. Darf ich euch begleiten, ich meine… der Job ist sehr verlockend, aber wenn ich bleibe riskiere ich, euch nie wieder zu treffen.«
Der Boss atmete knurrend durch und zuckte dann eher unbeteiligt mit den Schultern: »Wenn das so ist, dann könnt ihr euch die Papiere auch draußen abholen. Ihr wißt die Bedingungen, unter denen man bei Team Rocket kündigt.«
Alle drei nickten.
Giovanni bekräftigte trotzdem: »Sollte die Polizei irgendwann auf die Idee kommen, dieses Hauptquartier zu durchsuchen oder der Organisation von sonst wo eine Unannehmlichkeit drohen, werden wir zuerst bei euch nachfragen.« Diese Drohung war doch recht unmißverständlich, und damit waren Jessie, James und Mauzi auch aus seiner Sprechstunde entlassen. Während sie hinaus gingen, sprach der Boss mit seiner Sekretärin.
Wenige Minuten später hatten sie alle ihre Papiere unterzeichnet. Mauzi wirkte ein wenig unsicher, und auch Jessie konnte sich nicht ganz eins darüber werden, was sie fühlen sollte. Sie hatte zwar schon die letzten Jahre lang fest geglaubt, aus dem Team Rocket ausgestiegen zu sein, doch jetzt war es wieder etwas anderes.
James legte ihr eine Hand auf den Rücken und schob sie vorwärts, übers Grübeln hatte sie aufs Gehen vergessen. Leise sagte er: »Wenn du nicht wirklich willst, mußt du nicht.«
»Ich will wirklich.« gab sie gleich zur Antwort. »Es ist nur… neu.«
»Das ist es selbstverständlich. Doch zuerst sollten wir jetzt zu Ash und Lucia zurückgehen, und ihnen die Neuigkeiten berichten.« Er räusperte sich. »Und vielleicht… wäre es dann besser, wenn ich mich wieder hinlege. Die Medikamente lassen nach.«
Mauzi herrschte ihn an: »Und das sagst du erst jetzt, wo wir durch die halbe Stadt hierher gelaufen sind.« Sie nahmen draußen ein Taxi und fuhren damit bis zum Pier.
Lucia und Ash hatten unterdessen schon ein Schnellboot angemietet, und Staraptor war auch wieder zurück gekommen. Sie warteten am Anliegeplatz des Bootes und winkten die drei Team Rocket Mitglieder zu sich.
»Habt ihr kein Boot bekommen?« fragte Ash nach. »Aber macht nichts, wir haben eines. Kommt schon.«
Jessie schüttelte den Kopf: »Nein, die Jagd nach Bonny und Bill endet für uns alle. Team Rocket übernimmt ab hier. Wenn sich da einer von uns einmischt, wird es übel.«
Mauzi erklärte in knappen Worten, was im Hauptquartier geschehen war und daß der Empfänger nicht mehr in ihrer Hand war.
Lucia murmelte: »Ich verstehe… hättet ihr diesen Empfänger nicht zufällig mitgehabt, wäre das sehr unschön geworden, und im Endeffekt hätte es uns beide auch treffen können. Bestimmt waren Ash und ich auf einer Überwachungskamera, wenn wir uns mit einem von euch getroffen haben. Man hätte auch uns verdächtigt. Ich bin sicher, daß sie uns irgendwann aufgestöbert hätten. Nun ist das alles geklärt.«
Ash überlegte: »Staraptor könnte ihnen trotzdem folgen, und wir können das alles beenden. Ich traue Team Rocket nicht. Wer weiß, ob sie die beiden nicht verschonen, und im Gegenzug die Trainingsmethoden übernehmen?«
Jessie antwortete ernst: »Das kann ich nicht sagen, schließlich ist auch Mewtwo in den Laboratorien des Teams entstanden. Ich weiß aber mit Sicherheit, daß James nicht in der Verfassung ist, so eine lange Bootsfahrt und dann auch noch einen Kampf mitzumachen.«
Lucia hatte volles Verständnis und sagte: »Ash und ich werden das allein erledigen. Wir sind sicherlich vorsichtig. Ich glaube, daß wir niemals wirklich Ruhe finden, wenn wir diese bedauernswerten Pokémon nicht befreien.«
James klang zerknirscht: »Die beiden sind immer noch stark. Sie haben mindestens noch vier Pokémon, die sie trainiert haben, darunter dieses Dragoran.« Er setzte sich auf einen Ankerpfosten und ächzte. »So weit ich weiß habt ihr es zusätzlich mit dem Glutexo, das beim Überfall dabei war, einem Hundemon, und einem Giflor zu tun. Diese Pokémon sind im Lauf der letzten Jahre alle spurlos verschwunden. Für die anderen Verluste gibt es Erklärungen.«
Ash ballte eine Hand zur Faust: »Danke… so sind wir vorgewarnt.« Er stieg ins Boot.
Lucia sprang ihm hinterher und fragte: »Jessie, James, Mauzi, sehen wir euch noch mal?«
Jessie antwortete: »Ich weiß nicht. Das kommt darauf an, ob ihr wiederkommt. Wir werden jetzt erst einmal ins Krankenhaus fahren.«
»Und dann nach Hause.« erklärte James und nahm ihre Hand.
Jessie bestätigte: »Ja. Und dann nach Hause.«
Mauzi lächelte und winkte, während Ash langsam Gas gab und das Boot aufs Meer hinaus steuerte. »Viel Glück.« rief er hinterher.
Ash fuhr das Boot auf Höchstleistung und folgte so Staraptor ohne Umschweife. Das Pokémon flog mit seiner höchsten Geschwindigkeit. Die Batterien des Wasserfahrzeugs von Bonny und Bill hatten nicht mehr lange gehalten. Sie waren zwar weit gekommen, da sie mit Höchstgeschwindigkeit gefahren waren, trotzdem war ihnen die Energie ausgegangen, und sie mußten nun mit der Hilfe ihrer Pokémon entkommen. Das Dragoran zog das Boot hinter sich her, aber es schien kein ordentliches Ziel zu haben.
Ash ging sofort zum Angriff über und ließ Staraptor zuerst das Seil durchtrennen, an dem Dragoran hing. Das große Drachen-Pokémon hatte keine besonderen Befehle bekommen, und verhielt sich daher den Neuankömmlingen gegenüber neutral. Es wartete auf seine Trainer. Doch diese zeigten sich nicht. Erst als das Boot im Wasser anhielt, und man die Bewegung drinnen auch spüren mußte, kamen sie aus der Luke heraus. Aber sie gaben selbst jetzt noch keine Befehle an das Dragoran, sondern stritten vehement weiter. Bonny und Bill lagen sich so sehr in den Haaren, daß sie nicht bemerkten, wie Lucia Kirlia, Impoleon und Glaziola einsetzte, um das Dragoran halbwegs in den Griff zu bekommen. Kirlia paralysierte es, und die anderen beiden kühlten das Pokémon so stark herunter, daß es eher fror, als sich um einen selbst überlegten Angriff zu kümmern.
Auch das bemerkten Bonny und Bill nicht. Ash befahl Staraptor einen direkten Angriff, um heraus zu finden, wer von den beiden die restlichen Pokémon bei sich hatte. Jetzt reagierten die beiden langsam, aber das lag auch daran, daß sich vom Festland her ein Hubschrauberschwadron näherte. Das Dragoran wurde losgeschickt um sich mit den Maschinen zu beschäftigen.
»Oh nein.« rief Lucia. »Die werden es verletzen. Los! Wir müssen möglichst schnell die Pokébälle bekommen und versuchen, es zurück zu rufen!«
Ein Hundemon wurde von Bill freigelassen. Es sah äußerst grimmig aus, aber Absol und Magnyen von Ash waren auch zu allem entschlossen. Sie hatten aber den Befehl bekommen, das Pokémon nur abzulenken. Ash schlich sich hinten herum. In dem allgemeinen Chaos, das mit der Ankunft von Team Rocket ausbrach, gelang es ihm rasch, zwei Pokébälle an sich zu bringen, aber beide waren voll. Egal, was für welche es waren, er steckte sie erst einmal ein.
Jetzt wurde Bonny auf ihn aufmerksam und schrie das Dragoran an. Dabei wedelte sie ganz heftig mit dem Pokéball herum. »Dragoran, sofort hierher! Du mußt uns abholen!« Der Streit zwischen ihr und Bill war vergessen.
»Hundemon! Zurück!« befahl Bill, und wollte das kämpfende Pokémon wieder einfangen. »Wir trainieren diese beiden weiter, mit dem Dragoran sind wir bald unbesiegbar.« tatsächlich hatte sich das Dragoran zwischen den Hubschraubern durchgekämpft und einige versenkt. Rettungsmannschaften versuchten die Abgestürzten zu bergen. Ein Schwarm Golbat ging auf Dragoran los, aber das war auch kein Problem.
Hundemon verschwand in seinem Ball, und in der Sekunde warf sich Lucia dazwischen. Sie riß Bill den Pokéball aus der Hand und hüpfte nachher auf Absols Rücken, das sie mit einem mächtigen Sprung ins Boot zurückbrachte. Langsam ging alles in Chaos und Kampf unter. Ein Hubschrauber wurde von Dragoran getroffen und stürzte direkt auf das Wasserfahrzeug von Bonny und Bill zu. Die Crew des Helikopters sprang mit ihren Notsitzen ab. Lucia wich mit dem Schnellboot aus, aber sie wollte Ash nicht verlassen und fuhr nur auf die andere Seite von Bonny und Bills Schiff.
Bonny erschrak und verhaspelte sich deswegen beim Sprechen: »Dragoran, zurück!« rief sie, anstatt es einfach nur her zu rufen.
Das große Pokémon verschwand im Pokéball und die Situation nützte Ash sofort aus. Mit der Hilfe von Magnayen, das ihm einen Stoß gab, katapultierte er sich vorwärts und riß Bonny den Pokéball aus der Hand. In der gleichen Bewegung drehte er eine Rolle und landete krachend im Schnellboot, das Lucia nahe heran gesteuert hatte. Rasch sprang Magnayen ihm hinterher und Lucia wendete das Boot und gab Vollgas, während der Hubschrauber hinter ihnen in das andere Wasserfahrzeug krachte.
Bonny und Bill konnten sich mit Sprüngen ins Wasser retten, und bei der Aktion verlor Bill noch einen weiteren Pokéball. Lucia wendete, ohne gefragt zu werden und Ash fischte diesen Ball auch noch aus dem Wasser, bevor die ersten Team Rocket-Agenten mit Tauchausrüstungen ins Wasser sprangen. Wegen dem Rauch, der überall aufstieg, entdeckten die Hubschrauber das Schnellboot, das sich rasch entfernte, nicht gleich, dann flog ihnen aber doch einer nach.
Lucia griff nach einem Pokéball und wandte sich an Kirlia, das herauskam: »Kirlia, Teleport! Bring Ash und mich zurück an Land, dorthin, wo wir heute schon waren.«
Das Pokémon nickte und bereitete die Attacke vor. Es war riskant und weit, aber da Kirlia ausgeruht war, und die Stelle kannte, an die sie wollten, ging es darauf ein. Prompt verschwanden alle vom Schnellboot, das allein weiter zischte.
Erleichtert standen Ash und Lucia am Pier in Orania City. Sie ließen sich aber nur kurz Zeit, um sich zu freuen, nach einer kurzen Umarmung rannten die beiden sofort los, um ins Pokémoncenter zu kommen.
Schwester Joy war überrascht, sie so schnell wieder zu sehen, machte sich aber gleich an die Arbeit. »Oh, Ash.« sagte sie noch. »Pikachu ist noch nicht aufgewacht, ihr wart sehr schnell wieder zurück. Du kannst also bei ihm sein, wenn es zu sich kommt.«
Schnell lief Ash weiter und setzte sich an Pikachus Bett. Leise flüsterte er: »Was auch immer sie mit dir gemacht haben, ich bin da. Ich hab dich so sehr vermißt.« Ash begann damit, ihm Geschichten von früher zu erzählen.
Nach einigen Stunden öffnete Pikachu langsam die Augen. Es sah sich zuerst verschreckt um, dann versuchte es sofort, sich aus dem Bett zu befreien. Natürlich würde nicht von Heute auf Morgen alles wieder gut werden, das wußte Ash, und daher war er nicht zu erschüttert, als Pikachu ihm anstatt einer erfreuten Begrüßung einen Elektroschock verpaßte.
Lucia kam zurück und sagte, daß sie im Krankenhaus gewesen war und sich von Jessie, James und Mauzi verabschiedet hatte. »Es wird ihnen gut gehen. So wie uns.« erklärte sie abschließend. »Sobald Pikachu reisefertig ist, würde ich gerne auch nach Hause zurückfahren. Du auch, Ash?«
»Ja. Aber laß uns bitte einen kurzen Umweg nach Alabastia machen. Ich glaube, dort warten einige alte Freunde auf mich, die ich in letzter Zeit sehr vernachlässigt habe.«
Sie lächelten einander an.