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Abenteuer: Pokèmonreise - Lato Adventures

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Geschrieben von: Suiia
Kapitel 1: Freude und Trauer

Die Hafenstadt Orania City lag im rötlichen Schimmer der aufgehenden Sonne, die sich in den sanft plätschernden Wellen des Meeres spiegelte. Diese rollten gegen die steingrauen Docks für die Fähren und am Horizont ließ sich eine kleine Herde Lapras von der leichten Strömung in ferne Gewässer treiben. In den Bäumen am Hafen zwitscherten die ersten Taubsis einen fröhlichen Gesang. In den kleinen, weißen Einfamilienhäusern mit den kleinen Gärten der Stadt, in denen die wilden Digdas ihre Löcher gruben, herrschte idyllische Ruhe. Nur in einem Fenster im ersten Stock brannte Licht.

Vanessa hatte schon stundenlang, als es draußen noch dunkel war, an ihrem Schreibtisch gesessen und auf die Karten und Reiseführer der Insel Lato gestarrt. Mittlerweile schwirrte ihr der Kopf vor Städtenamen und sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück um auf die die Uhr zu sehen. Halb sieben. Schon seit vier Uhr in der Frühe war sie wach, denn sie hatte nicht mehr schlafen können. Sie war viel zu aufgeregt. Heute würde sie mit ihren Eltern fortziehen, weg von Orania City, die ihr seit ihrer Geburt ein wundervolles Zuhause gewesen war, auf die unbekannte Insel Lato, in die unbekannte Stadt Dellin City.

Vanessa faltete die Stadtkarte von ihrem zukünftigen Zuhause zusammen und legte sie an die Seite. Dann schaltete sie ihre Schreitischlampe aus, sodass sie im Dunkeln stand. Jetzt konnte sie besser aus dem Fenster sehen, auf ihren Garten, mit den Tulpen, die von ihrer Mutter sehr genau gepflegt wurden, auf die Straße, die vom blassen Schein der Laterne am gegenüberliegenden Haus beschienen wurde. Vanessa drückte ihr Gesicht gegen die Fensterscheibe. Ihre dunkelblonden Haare waren noch immer von der Nacht verstrubbelt, und sie trug noch ihren rosafarbenen Pyjama mit den Pummeluffs und Knuddelluffs drauf, doch ihre grünlich-blauen Augen blickten wach über die Nachbarhäuser.
'Warum müssen wir weg von hier?', dachte Vanessa traurig und verbittert. Sie fühlte sich schrecklich, als sie daran dachte, alles, was sie hier in Orania City hatte, zu verlieren. Das schlimmste aber war, dass sie ihre Freunde wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Von denen hatte sich Vanessa am gestrigen Tag verabschiedet. Mit ihren besten Freundinnen Kara und Lynn hatte sie den gesamten Tag verbracht. Sie hatten ein Picknick auf den Hügeln am Rande der Stadt gemacht und waren ausgiebig ein letztes Mal zusammen in den Wäldern der Umgebung. Zum Abschied hatten sie sich umarmt und Lynn hatte auch ein wenig geheult. Jetzt war das alles vorbei. Für immer.

In diesem Moment hörte Vanessa ihre Mutter, die unten an der Treppe stand und zu ihr herauf rief: „Vanessa, steh auf und zieh dich an!" „Ja, ist gut!", rief Vanessa zurück und zog ihren Pyjama aus. Sie warf ihn aufs Bett und zog sich stattdessen eine dunkelblaue Dreiviertel-Hose mit weißen Streifen an der Seite an, eine genauso blaue Käppi mit einem rot-weißen Pokèball darauf und ein hellgrünes T-Shirt mit dunkelgrünen Rändern an den eng anliegenden Ärmeln. Dann ließ sie sich auf ihr Bett sinken und schloss für einen Moment die Augen. Sie tastete nach ihrem Kamm, der auf dem Buchenholz-Schränkchen neben dem Bett stand und fing an, sich ihre Haare zu kämmen. Nachdem sie fertig war und sich mit ihrem blauen Haargummi einen Pferdeschwanz gebunden hatte, schaltete sie noch einmal das Licht an. Sie lief zum Schreibtisch und kniete sich vor ihm hin. Unter dem Tisch stand ein blau-weißer Rucksack, den Vanessa jetzt hervorzerrte. Sie ließ sich auf den Stuhl sinken, der in der Nähe herumstand und starrte in den Rucksack. Darin waren eine Taschenlampe, fünf Pokèbälle, die Vanessa sich einmal heimlich gekauft hatte, einen Trank für Pokèmon und ihr Portmonee mit genau 3000 Pokèdollars. Dann ließ Vanessa noch den Trainerführer der Insel Lato hineinfallen, der auf der Schreibunterlage des Tisches gelegen hatte.
Sehnsüchtig starrte sie auf die Gegenstände. Sie besaß keine Pokèmon, doch sie gab die Hoffnung nicht auf, irgendwann doch eine Pokèmon-Trainerin zu werden. Das tat sie nie. Vanessa machte den Reißverschluss zu, nahm den Rucksack, schaltete das Licht aus, schloss die Zimmertür und lief die Treppe hinunter.

„Da bist du ja, Vanessa.", sagte ihre Mutter, als Vanessa in die Küche kam. „Und, ist es sehr schlimm, dass wir wegziehen?"
„Nein, Mama, das wird bestimmt ein riesiges Abenteuer!", antwortete Vanessa, doch sie meinte es nur teilweise so. Sie würde ihre Freunde Lynn und Kara vermissen. Da fiel ihr auf einmal ein Gegenstand ein, den sie auf keinen Fall vergessen durfte: Das Abschiedsgeschenk ihrer Freunde! Sofort lief das Mädchen zum Fensterbrett, wo der Gegenstand lag. Es war ein Pokèball an einer Kette. Oben war der Ball dunkelblau, doch Kara und Lynn sagten, er wäre echt. Es sei ein ganz besonderer Pokèball, deshalb solle Vanessa ihn nicht unnütz verbrauchen. Sie hatten gesagt, er würde blau leuchten, wenn der Richtige Augenblick da war, in dem sie ihn benutzen sollte. Vanessa glaubte ihnen, obwohl sie noch nie etwas von einem blauen, leuchtenden Pokèball gehört hatte. Sie hängte sich die Kette um den Hals, als ihre Mutter plötzlich in ihre Gedanken hinein sagte: „Schatz, wolltest du nicht noch zu Professor Eich?"
„Oh, klar! Hätte ich fast vergessen!", Vanessa schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ich muss sofort los! Bis gleich!" Sie schnappte ich ihren Rucksack und sauste zur Garderobe. Dort schlüpfte sie in ihre Turnschuhe und noch ehe ihre Mutter noch etwas sagen konnte, rannte sie aus dem Haus.

Professor Eich war der berühmteste Pokèmon-Forscher von ganz Kanto. Meistens studierte er den ganzen Tag Pokèmon, sodass sein großes Forschungslabor sein zweites Zuhause geworden war. Für gewöhnlich lebte er in dem kleinen Städtchen Alabastia und nur wenige Leute wussten, dass er ein Ferienhaus in Orania City besaß und sich für in letzter Zeit dort aufhielt. Vanessa wusste es. Professor Eich war ein guter Freund ihrer Eltern und sein Haus war nur eine Straße weiter von dem von Vanessas Eltern.

Sie rannte durch den Garten, lief über die Straße und um das Haus eines Anglers herum, den sie vom sehen kannte und stand vor dem kleinen Ferienhaus des Professors. Sie ging zur Haustür und drückte auf den Klingelknopf. Einen Moment wartete sie, dann öffnete sich die Tür und Professor Eich sah hinaus. Als er sie erkannte, strahlte er: „Ah, Vanessa, ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr! Komm rein!"
Vanessa betrat das Haus und Professor Eich winkte sie in sein Büro, einem kleinen Raum mit einem Holzschreibtisch, zwei Zimmerpflanzen, zwei gemütlichen Stühlen und großen Regalen mit vielen großen, dicken Büchern über Pokèmon-Forschung. Vanessa setzte sich auf einen der Stühle, der Professor auf den anderen.

„Ich sollte ja zu ihnen kommen", begann Vanessa. „Hier bin ich. Was wollen sie denn von mir?" „Ich will gar nichts von dir", lachte Professor Eich., „Ich möchte dir etwas geben. Als Abschiedsgeschenk, sozusagen."
„Echt, was ist es denn?", fragte Vanessa überrascht.
Der Professor antwortete: „Okay, ich will nicht lang drum herum reden. Also, um es kurz zu machen: Weißt du, Vanessa, ich kenne dich jetzt schon ziemlich lange. Ich weiß, wie sehr du Pokèmon magst und ich weiß, dass du gerne eine Trainerin sein würdest. Als Abschiedsgeschenk für dich ermögliche ich dir diesen Wunsch, denn ich denke, du kannst hervorragend mit Pokèmon umgehen und sie mit Liebe erziehen."
„Heißt das, ich darf mir Glumanda, Schiggy oder Bisasam als Startpokèmon aussuchen?", rief Vanessa und ihre Stimme überschlug sich vor Begeisterung. „Nicht ganz." Eich stand auf, ging zu einem der Regale und nahm drei Pokèbälle daraus. Diese legte er auf den Tisch.
„Auf der Insel, auf die ihr jetzt zieht, leben auch die Pokèmon der Johto-Region. Daher…" „Johto-Region?", unterbrach ihn Vanessa begeistert. „Ich habe viel über diese Pokèmon gelesen. Ich wollte sie schon immer mal in echt sehen!"
„Das trifft sich ja gut.", grinste Eich. Dann setzte er seinen angefangenen Satz fort. „…Daher bekommst du zur Auswahl die drei Startpokèmon aus Johto."

Vanessa fiel aus allen Wolken. Dass gerade ihr das passierte! Sie konnte es kaum glauben. Da nahm Professor Eich einen der Pokèbälle, drückte auf den Knopf in der Mitte und grelles Licht flammte heraus. Es formte sich zu einem kleinen Pokèmon mit dunklem Rücken, gelbem Bauch, kleinen Ärmchen und Beinchen und langem Näschen. Es saß auf dem Tisch und sah sich um.
„Also, das ist das erste, das Feuer-Pokèmon Feurigel", sagte der Professor und drückte den Knopf des zweiten Pokèballs. „Und das…" sagte er und wies auf das Pokèmon, das als nächstes erschien, „… ist Karnimani, das Wasser-Pokèmon."
Vanessa sah sich Karnimani genauer an. Es war blau, mit roten Zacken auf dem Rücken und einem Gesicht, das an ein kleines Krokodil erinnerte. Es schüttelte sich und sein blauer Schwanz schlug leicht auf die Schreibunterlage auf der es saß. Dann flammte ein drittes Mal helles Licht auf und wurde zu einem grünen Pokèmon mit einem Blatt auf dem kleinen Kopf, einem Kranz aus Samen um den Hals und freundlichen roten Augen. Professor Eich legte den Pokèball, aus dem es gekommen war, auf den Tisch und sagte: „Dieses ist schließlich Endivie, das Pflanzen-Pokèmon. Such dir eines der drei aus! Du hast freie Wahl."

Vanessa schaute auf die drei Pokèmon. Alle sahen einfach zum Knuddeln aus und sie konnte sich nicht zwischen den dreien entscheiden. Feurigel sah einfach so schrecklich süß aus, deshalb mochte Vanessa es, doch auch Karnimani gefiel ihr, mit seiner lebhaften Art, wie es auf dem Tisch herumhüpfte und mit seinen Armen und Beinen wackelte. Und Endivie hatte so eine Art, die Vanessa nicht genau beschreiben konnte, aber man musste Endivie einfach lieb haben.

Es war wirklich eine schwierige Entscheidung. Doch die Pokèmon halfen ihr. Feurigel sah sich kurz um, gähnte gelangweilt und rollte sich zusammen und Karnimani schien sich nur für die Schubladen des Schreibtisches zu interessieren. Aber Endivie schaute Vanessa neugierig aus seinen großen, feuchten Augen an und wackelte mit seinen vier kleinen, stämmigen Beinchen auf sie zu. Vanessas Entscheidung war gefallen. „Ich nehme Endivie!", rief sie und nahm das kleine Pokèmon auf den Arm. Endivie ließ es sich gefallen und quiekte fröhlich: „Divie! Endivie!"
Vanessa lachte glücklich. Der Professor holte Feurigel und Karnimani zurück in ihre Bälle und nickte: „Eine sehr gute Wahl. Dieses Pokèmon ist wie geschaffen für dich! Es scheint dich sehr zu mögen. Übrigens ist es ein Weibchen. Du kannst ihm einen Spitznamen geben, wenn du möchtest."
Vanessa sah sich Endivie prüfend noch einmal an. Schließlich sagte sie: „Du erinnerst mich an eine exotische Pflanze! Daher nenne ich dich Exotik. Wie findest du das?" „Divie, Endivie!", rief das kleine Pokèmon erfreut und rieb seinen Kopf an der Schulter seiner neuen Trainerin.

Professor Eich hatte alles mit angesehen. Schließlich nickte er und sagte zu Vanessa: „Jetzt weiß ich es sicher, dass du einmal eine sehr gute Trainerin sein wirst." „Wieso, weil ich Endivie einen Spitznamen gegeben habe?", fragte Vanessa verwirrt. „Nein.", antwortete Eich und antwortete: „Weil du dein Pokèmon gefragt hast, ob ihm der Name gefällt. Wenn du alle deine Pokèmon mit solch einer Liebe und Zuwendung behandelst, werden sie zutraulich und deine Freunde. Dann werden sie gern für dich kämpfen und ihr werdet zusammen ein unschlagbares Team!"
In diesem Moment begann Exotik, sein Blatt auf dem Kopf zu bewegen und auf einmal stieg Vanessa ein süßer, unbeschreiblich schöner Duft in die Nase. „Hey, was ist das?", fragte sie Exotik. Professor Eich antwortete begeistert: „Das ist ein deutliches Zeichen!" Vanessa verstand gar nichts mehr. „Was für ein Zeichen denn schon wieder?!" „Endivie, äh ich meine Exotik will dir dadurch zeigen, dass es dich gern hat!", sagte er Professor und auch er genoss den süßen Duft aus Exotiks Blatt. „Bei mir hat es das nie gemacht…", murmelte er.

Vanessa lachte und stand auf. „Also, Professor Eich, ich danke ihnen vielmals, dass sie mir ein Pokèmon geschenkt haben! Vielen Dank!", rief sie glücklich und Exotik, das auf ihre linke Schulter gesprungen war, bestätigte es mit einem weiteren „Endivie, Endivie!". „Ach, ist doch nicht der Rede wert.", antwortete er, erhob sich ebenfalls und drückte ihr Exotiks Pokèball in die Hand. „Ich wusste, dass du hervorragend mit Pokèmon umgehen kannst. Oh, das hätte ich ja fast vergessen!"

Er schob Vanessa aus dem Türrahmen des Büros auf den Flur, ließ sie dort stehen und ging in ein anderes Zimmer. Kurz darauf kam er mit einem kleinen, roten Gerät in der Hand zurück. „Ohne einen Pokèdex geht mir kein zukünftiger Pokèmon-Trainer aus dem Haus!"
Fassungslos starrte Vanessa auf das Gerät, das der Professor ihr gab. Ein Pokèdex war ein kleiner Computer der Daten über alle Pokèmon der Welt speichern und anzeigen konnte. Vanessa war begeistert! „Danke!", rief sie glücklich. Nun war sie eine Trainerin! Doch da fiel ihr etwas auf: Der Pokèdex sah anders aus als normalerweise. Prüfend sah sie sich ihn an. Professor Eich musste ihre Gedanken erraten haben, denn eben sagte er: „Das ist ein spezieller Pokèdex für Lato. Er erfasst Daten über die Pokèmon, die man auf Lato finden kann und ist außerdem mit einem Material gebaut, das fest und stabil ist. Er ist fast unzerstörbar!" „Wunderbar!", rief Vanessa. „Ich teste ihn mal an dir, ja Exotik?"
Unsicher wich Exotik vor dem fremden Gerät zurück. „Keine Sorge, es tut nicht weh.", beruhigte Vanessa es. „Ich zeige nur mit dem Pokèdex auf dich und dann sagt er mir etwas über dich, OK?" Die freundliche Stimme seiner Trainerin gab Exotik Sicherheit. Es nickte. Vanessa klappte den Pokèdex auf und zeigte dann damit auf das Pokèmon. Sofort erschien das Bild eines Endivies auf dem Display und eine knarrende Computerstimme sagte: „Endivie; Laub-Pokèmon. Ein süßer Duft geht von dem Blatt auf seinem Kopf aus. Es ist ruhig und liegt gerne in der Sonne."
„Super, es funktioniert! Vielen, vielen Dank, Professor!", rief Vanessa so glücklich wie noch nie zuvor. Sie vergaß, dass sie ja heute eigentlich wegzog. Sie schüttelte ihm überschwänglich die Hand und Exotik teilte ihre Freude. Vanessa steckte den Pokèdex in ihren Rucksack und machte Exotiks Pokèball an ihrem Gürtel fest. Dann gingen sie zur Haustür und Professor Eich sagte: „Ich freue mich, dass du dich so gut mit deinem Pokèmon verstehst. Ich hoffe wir treffen uns eines Tages wieder."
„Ja, das hoffe ich auch. Ich muss jetzt gehen. Auf Wiedersehen, Professor Eich!" „Ja, mach's gut. Und grüß deine Eltern von mir!"
„Mach ich! Sie können sich ganz auf mich verlassen!"

Vanessa winkte dem Professor noch einmal zu, dann machte sie sich auf den Weg nach Hause, um das Haus des Anglers herum, lief über die Straße und durch den Garten und öffnete die Haustür.
„Hallo, ich bin wieder da!", rief Vanessa. Aus der Küche hörte sie die Antwort ihrer Muter: „Sehr schön, Schatz. Was wollte Professor Eich denn von dir?"
Vanessa ging in die Küche, setzte Exotik aber vorher im Flur ab und zitierte Eichs Worte: „Er wollte gar nichts von mir, er wollte mir nur etwas geben. Komm rein, Exotik!" Verwundert sah ihre Mutter vom Spülbecken auf und auch ihr Vater, der am Küchentisch saß, hob den Kopf von seiner Zeitung, als Exotik hereingewackelt kam und Vanessa es freudig auf den Arm nahm.
„Na so was! Was ist das denn?", fragte Vater und Mutter kam zu Vanessa und streichelte das Pokèmon. „Ist das niedlich!", stellte sie fest. „Was ist das für ein Pokèmon?" Vanessa beruhigte Exotik, das die vielen fremden Gesichter ja noch nicht kannte. „Das ist ein Endivie. Ich habe es von Professor Eich bekommen und es Exotik genannt. Außerdem hat er mir einen Pokèdex geschenkt! Ich soll euch übrigens von ihm grüßen."
„Langsam, langsam!", lachte Mutter und nahm Endivie, das sie anscheinend auch schon mochte, auf den Arm. „Erzähl doch noch mal von Anfang an. Warum hat Professor Eich dir das Pokèmon geschenkt?"

Und dann erzählte Vanessa alles ganz genau. Wie Eich ihr die drei Pokèmon gezeigt hatte, wie sie Exotik gewählt hatte und wie der Professor ihr den Pokèdex gegeben hatte. Dann führte sie den Pokèdex an Exotik vor, das sich schon daran gewöhnt hatte und nun keine Angst mehr hatte. Das ganze Frühstück über erzählte sie und schwärmte davon, endlich eine Trainerin zu werden.
„Darf ich auf Lato dann endlich meine Pokèmonreise beginnen?", fragte sie schließlich zögernd und gab Exotik ein Stück Brot.
„Na ja.", sagte Vater und sah zu Mutter, die kaum merklich nickte. „Jetzt wo du ein Pokèmon hast, wird es schwierig werden, dich davon abzubringen." Vater lächelte und wie Vanessa ihn kannte, hieß das „Ja".
„Hast du das gehört, Exotik?", jubelte sie, „Wir werden eine Reise starten, ich werde Pokèmon fangen und du wirst viele neue Freunde finden!"
Sie drückte Exotik an sich und es freute sich mit, denn es rief immer wieder: „Divie! Divie Endivie!"
Auf einmal sagte Vater: „Huch, es ist ja schon 9 Uhr! Wir müssen uns beeilen, um halb zehn kommt die Fähre! Habt ihr alles? Dann geht's jetzt los!"

Kapitel 2: Die Reise nach Lato

Der Hafen von Orania City war so voll von Menschen wie jeden Tag, auch schon um diese Zeit. Es war also nicht verwunderlich, dass die Luft von lautem Stimmengewirr und Schiffs- Sirenen erfüllt war. Schon von weitem sahen Vanessa und ihre Eltern die Fähren, die an den steinernen Docks angelegt hatten. Sogar das berühmteste Kreuzfahrtschiff der Welt, die M.S. Anne, lag vor Anker. Das wunderte Vanessa, denn dass die M.S. Anne hier in Orania City war, hieß, dass schon wieder ein Jahr vorbei war. Das Schiff legte nämlich nur jedes Jahr einmal hier an und Vanessa kam es vor, als wenn erst ein Monat vergangen war, seit sie das letzte Mal hier war. Damals durfte Vanessa mit an Bord und sich das Schiff von innen ansehen, bevor es ablegte.

Jetzt stand Vanessa also zwischen Vater und Mutter am Hafen und schauten sich um. „Wie heißt die Fähre noch gleich, mit der wir fahren?", fragte Mutter. „Starmie 3", keuchte Vater unter der Last von zwei großen Koffern und hielt ihre drei Tickets hoch. „Hier steht es drauf. Das Schiff müsste an Dock 5 anlegen. Gehen wir!" Sie drängten sich zwischen einigen Leuten durch. Danach hatten sie etwas bessere Sicht über die Docks. Vanessa sah die Fähre zuerst.
„Da, da ist sie!", rief sie und zeigte auf ein Schiff links von ihnen. „Da ist die ‚Starmie 3'!" „Tatsächlich!", bestätigte Vater.

Eine große Fähre lag an Dock 5 vor Anker und die Passagiere strömten bereits hinein. Man konnte gut sehen, dass es sich um die „Starmie 3" handelte, denn außer den großen, schwarzen Buchstaben am Bug, die den Namen bildeten, befand sich darunter ein Bild des großen Seestern-Pokèmons Starmie, nach dem die Fähre benannt war. „Divie!", staunte Exotik, die auf Vanessas Schulter saß und die Menschenmassen und die Schiffe anschaute. So etwas hatte es noch nie gesehen.
„Exotik, da vorne wird es ziemlich eng, so viele Menschen, wie da stehen.", meinte Vanessa und nahm Exotiks Pokèball von ihrem Gürtel. „Ich hole dich besser zurück, bis wir an Bord sind, dann lasse ich dich wieder raus, versprochen! Einverstanden?" Exotik nickte und war froh, als das rote Licht aus dem Pokèball es verschluckte und es den Lärm draußen nicht mehr hören musste.

Vanessas Entscheidung, Exotik zurückzuholen war gut, denn während sie und ihre Eltern sich durch die Massen von Leuten aus allen Ecken Kantos einen Weg zu Dock 5 bahnten, wurde sie immer wieder angerempelt und versehentlich auch manchmal geschubst. So viel wie heute war sonst niemals am Hafen los, doch Vanessa erklärte es sich daher, dass die M.S. Anne ja schließlich da war. Zum Glück waren die Menschen freundlich und entschuldigten sich jedes Mal höflich, wenn sie Vanessa anrempelten und Vanessa glaubte, sie meinten es ehrlich. Endlich erreichten sie die Fähre und Vater zeigte die Tickets vor. Dann durften sie schließlich auf das Schiff.

Es dauerte noch ewig, bis die Reise endlich begann. Vanessa drängelte sich zum Heck und sah zum Hafen zurück. Sie sah die winkenden Menschen und sogar Pokèmon mit ihren Trainern. Sie holte Exotiks Pokèball heraus und drückte auf den Knopf. Das grelle Licht formte sich zu ihrem Pokèmon. Vanessa beugte sich über die Reling und Exotik sprang wieder auf ihre Schulter.
Dann endlich setzte sich die Fähre in Bewegung. Immer mehr Leute stellten sich rechts und links von Vanessa an die Reling und winkten ihren Freunden und Verwandten am Hafen zu. Bald wurden die Menschen kleiner und Vanessa suchte mit den Augen ihr Haus. Da sah sie es, zwischen den anderen baugleichen Häusern, leer, verlassen. Auch das wurde kleiner. Langsam verschwand Orania City. Lange Zeit stand das Mädchen noch an der Reling und blickte zurück zu ihrer Heimatstadt, die sie nun – wahrscheinlich für immer – verließ, bis sie die Häuser, die Anlegestelle, einfach die ganze Stadt nicht mehr erkennen konnte. Eine Träne rollte über die rechte Wange; verfing sich in ihrem Mundwinkel. Sie schmeckte salzig. Noch einmal sah sie zurück, wo jetzt nur noch das blaue Meer zu sehen war, aufgewühlt durch die Schiffsschraube der Fähre. Vanessa nahm Exotik auf den Arm, drehte sich um, schloss die Augen und dachte: 'Geh, und sieh nicht zurück. Das hier ist ein völliger Neuanfang. Lass die Vergangenheit los…' Dann ging sie zum Bug, weg von der Vergangenheit, auf in die Zukunft.

Das Schiffsdeck war bevölkert von Touristen und anderen Reisenden. Vanessa beachtete sie nicht, als sie zum Bug ging. Exotik versuchte, sie zu trösten: „Endivie, divie. Endivie!" „Es ist alles in Ordnung, Exotik.", sagte Vanessa und strich dem Pokèmon über das Blatt auf seinem Kopf.
Sie erreichten den Bug, wo Vanessas Eltern auf einer harten, grünen Bank, die für Fähren so selbstverständlich sind wie Krümel, wenn man von einem Brot abbeißt, in der Sonne saßen und sich unterhielten. Neben ihnen stand ihr Gepäck. „Vanessa, wir haben uns schon gewundert, dass du so lange hinten am Heck geblieben bist!", sagte Vater. Vanessa blieb vor ihnen stehen. Mutter fragte: „Fällt es dir doch schwer, wegzufahren?" „Nein, wirklich. Es geht mir gut, habe ich ja schon heute Morgen zuhause gesagt." „Schön.", sagte er. „Unser Haus in Dellin City ist schon komplett eingerichtet, wir können also direkt einziehen."
„Es ist nur wegen meinen Freunden.", meinte Vanessa. „Ich werde sie vermissen…" „Das verstehe ich.", sagte Vater. Dann schlug er vor: „Du kannst ihnen ja schreiben!" Vanessa sah zu Boden.
„Sei doch ein bisschen optimistischer!", bat Mutter. „Denk zum Beispiel daran, dass du bald deine Pokèmonreise beginnen kannst!"
Das wirkte. Auf einmal hellte sich die Miene des Mädchens auf. „Ja, ihr habt Recht! Das hatte ich schon fast wieder vergessen!"
Sie ging zur Reling und sah ins Wasser. „He, sieh mal, Exotik, da schwimmt ein Seeper mit seiner Mutter!", rief sie auf einmal und zeigte neben das Schiff. „Divie!", rief ihr Pokèmon fröhlich. Solche Wasser-Pokèmon kannte es nicht. Es sprang vergnügt hoch und sah den beiden hinterher, bis es die kleinen, blauen Seepferde-ähnlichen Pokèmon nicht mehr sehen konnte. Doch außer Seepers und Seemons gab es noch so viele andere Pokèmon zu sehen, von denen Exotik noch niemals etwas gehört hatte, wie eine Herde Lapras und zwei große Schwärme Karpadors oder Tentachas.
Auch Vanessa fand es schön, mit Exotik nach Pokèmon Ausschau zu halten. Im Grunde verlief die Fahrt mit der Fähre ganz gut.

Es dauerte zwei Stunden, bis Vanessa in der Ferne die Silhouette einer großen Insel erkannte. „Das muss Lato sein!", rief sie, „Siehst du, Exotik, bald haben wir es geschafft!" „Na ja, so bald wohl nicht. Wahrscheinlich dauert es noch zwei weitere Stunden, bis wir die Insel erreichen.", lachte ihr Vater. Er gesellte sich zu Vanessa, die nach einer bequemen Essenspause sofort wieder an die Reling am Bug zurückgekehrt war. „Dafür, dass wir noch so weit entfernt sind, sieht sie aber ganz schön groß aus!", staunte Vanessa. Exotik stimmte ihr mit einem lang gezogenen „Endivie!" zu. „Ja, sie ist auch groß.", sagte Vater. „Ob ihr es glaubt oder nicht, Lato ist größer als ganz Kanto!"
„Echt?", fragte Vanessa misstrauisch. „Ich dachte immer, das wäre so eine Insel, die so groß ist wie ein Viertel von Kanto."
„So kann man sich irren.", grinste Vater.

Wie er gesagt hatte, erreichte die Fähre ungefähr zwei Stunden später einen riesigen Hafen. Der Anblick, der sich ihnen eine halbe Stunde vorher bot, war unglaublich gewesen: Eine riesige Insel mit großen Wäldern, Klippen und im Hintergrund noch einem hohen Gebirge. So schön hatte sich Vanessa ihre neue Heimat nicht vorgesellt.

Jetzt fuhr die „Starmie 3" in einen großen Hafen, wo außer vielen modernen Fischerbooten, einigen anderen Fähren verschiedener Art und einer ganzen Siedlung Hausboote am Rande sogar zwei riesige Dampfer vor Anker lagen.
„Das hier ist der Hafen von Gerano City.", erklärte Mutter. „Sie ist die größte Stadt von ganz Lato."
Vanessa zückte wieder ihren Pokèball und sagte zu Exotik: „So, hier müssen wir von Bord. Du musst leider wieder in deinen Ball."
Sie rief Exotik also zurück und zusammen mit ihren Eltern verließ sie die Fähre. Als sie dann schließlich aus dem Menschengetümmel heraus waren und etwas abseits standen, erkannte Vanessa, dass dieser Hafen noch viel größer war als der in Orania City – und noch viel voller! Während sie sich noch umsah, fragte Mutter: „Wo geht es jetzt nach Dellin City?" Vater, der mit einer Karte herum hantierte, ließ seinen Blick über das Blatt streifen und antwortete nach einiger Zeit: „Dellin City liegt nord-östlich von Gerano. Wir müssen mit der Bahn fahren. Wenn ich nur wüsste, wo der Bahnhof ist…"
„Kein Problem!", unterbrach ihn Vanessa. „Wir müssen doch nur jemanden fragen!"

Da kam plötzlich ein Mädchen in Vanessas Alter zu ihnen. Es trug eine kurze gelbe Hose mit roten Taschen und ein dünnes, lilafarbenes Hemd mit langen Ärmeln, vielen Taschen und einem Reißverschluss, das gut zu ihren dunklen Haaren passte, die sie zu zwei Zöpfen gebunden hatte. Auf dem Rücken trug es einen rosafarbenen Rucksack.

„Entschuldigung", sagte sie, „Ich wollte nicht lauschen aber ich stand gerade in der Nähe und habe gehört, dass sie zum Bahnhof wollen."
„Ja, das stimmt.", bestätigte Mutter.
"Ich muss auch nach Dellin City.", erklärte sie. „Ich könnte sie zum Bahnhof bringen, wenn sie wollen."
„Das wäre spitze von dir, danke!", rief Vanessa. „Wollen wir mit?", fragte sie ihre Eltern. „Natürlich.", antworteten diese und sagten zu dem Mädchen: „Wir wären dir sehr dankbar, wenn du uns zum Bahnhof bringen könntest."
„Kein Problem! Dann geht's los!", rief das Mädchen und ging vor. Vanessa lief neben ihr, ihre Eltern hinterher.
„Ich heiße übrigens Mandy.", sagte das Mädchen.
„Mein Name ist Vanessa!", sagte Vanessa. Die beiden lachten und Mandy fragte, warum sie nach Dellin City wollten.
„Wir ziehen jetzt da hin.", antwortete Vanessa und Mandy meinte erfreut: „Ich wohne in Dellin. Bis jetzt stand das Haus neben meinem leer. Vielleicht zieht ihr ja da hinein!" „Das wäre ja super!", freute sich Vanessa. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie und Mandy einmal dicke Freunde werden würden, obwohl sie sie kaum kannte.

* * *

Wie sich herausstellte, war der Bahnhof zwei Straßen weit vom Hafen entfernt – und genauso groß wie er. An den Gleisen tummelten sich Menschen und sogar ein paar Pokèmon, die Vanessa aber nicht kannte. Ein Mädchen hatte zum Beispiel zwei kleine, rosafarbene Pokèmon. Mandy erklärte ihr, dass das Pii und Fluffeluff, zwei Normal-Pokèmon waren. Mandy und Vanessa verstanden sich auch sonst prima. Als ein blauer Zug mit zwei gelben Streifen und dem Bild eines Lanturn, einem Wasser-Elektro-Pokèmon, das aussieht wie ein Angler-Fisch kam, winkte Mandy Vanessa heran und rief: „Das ist er! Der fährt nach Dellin City!" Sie stiegen hinein, gefolgt von Vanessas Eltern.

„Ich setze mich zu Mandy, in Ordnung?", fragte Vanessa ihre Eltern, die sich ziemlich weit vorne in einem der Abteile gesetzt hatten. Sie nickten und schienen sich zu freuen, dass ihre Tochter schon so schnell eine Freundin gefunden hatte, obwohl sie noch nicht einmal in Dellin City angekommen waren.

Vanessa setzte sich also weiter hinten auf einen der gelben Lederplätze und Mandy setzte sich daneben.
Neugierig fragte Vanessa: „Wie lange dauert die Fahrt bis nach Dellin?" Mandy schmiss ihren Rucksack auf den Platz vor ihnen, der frei war und überlegte kurz. Dann antwortete sie: „Ich denke, so um die eine Stunde." Vanessa seufzte und warf ihren Rucksack ebenfalls auf einen Sitz; es war ja noch genug frei. „Langsam habe ich echt genug vom Reisen!", murmelte sie. „Aber ohne Exotik wäre mir bestimmt langweilig gewesen." „Exotik? Wer ist das denn?", fragte Mandy und sah interessiert zu, wie Vanessa einen Pokèball von ihrem Gürtel nahm und sagte: „Exotik ist mein Endivie. Das Arme, ich habe ganz vergessen, es aus seinem Ball zu holen." „Du hast ein Endivie?" Mandys Augen weiteten sich. „Ich habe noch nie ein echtes Endivie gesehen!"
„Hier.", sagte Vanessa und drückte auf den Knopf an dem Pokèball. Das grelle Licht, das herausflammte, wurde tatsächlich zu einem Endivie! „Hallo, Exotik! Tut mir Leid, dass ich dich nicht früher nach draußen gelassen habe. Ach ja, das ist Mandy!"
„Hallo, Exotik!", rief auch Mandy.
Exotik sah sie an, dann Vanessa. Die nickte. Da begann Exotik, zu lächeln, sprang auf Mandys Schoß und rief freudig: „Endivie, endivie!"
Die beiden Freundinnen sahen sich an und lachten.
„Hast du eigentlich auch ein Pokèmon?", fragte Vanessa schließlich.
„Ja, ich habe ein Togetic." Als sie Vanessas fragenden Blick sah, fügte sie hinzu: „Das ist ein kleines, weißes Flug-Pokèmon."
„Ach so."; sagte Vanessa. „Weißt du, ich komme aus Orania City und weiß fast nichts über die Pokèmon von Lato, also lach mich bitte nicht aus."
„Quatsch, das würde ich nie machen! Weißt du was? Wir könnten ja Freundinnen werden.
Dann könnte ich dir in Dellin City alles zeigen. Was hältst du davon?"
„Natürlich, eine prima Idee! Also: Freunde!"
„Freunde!"

Die Fahrt verlief eigentlich recht schnell. Mandy und Vanessa vertrieben sich die Zeit mit Exotik und Togetic, dass Mandy „Toggy" nannte und Vanessa auf Anhieb gefiel und Vanessa schaute immer wieder aus dem Fenster. Die Landschaft war wunderschön! Sie fuhren an einem Wald vorbei, an großen Wiesen auf denen Miltanks grasten, an einem Städtchen am Waldrand vorbei und über einen Fluss. Und schließlich rief Mandy: „Da vorne ist es! Da ist Dellin City!"

Kapitel 3: Aufregung am Bahnhof oder neue Freunde, neues Glück!

Als Vanessa aus dem Zug ausgestiegen war, sah sie sich in ihrer neuen Heimat um. Der Bahnhof war im Gegensatz zu dem in Gerano City natürlich viel kleiner, aber Vanessa mochte es so auch viel lieber. 'Hier ist es wenigstens nicht so gestopft voll', dachte sie. Es gab nur zwei Gleise, an denen ein paar Leute standen und auf ihre Züge warteten. „Endlich sind wir da!", seufzte Mutter und reckte sich. „Und, wie gefällt dir dein neues Zuhause?", fragte Mandy, obwohl sie die Antwort wusste. Vanessa drehte sich zu ihr um und antwortete, wie Mandy es vermutete hatte: „Na, viel habe ich ja bis jetzt nicht gesehen, oder!?" Mandy grinste. Mandy nahm einen Pokèball von ihrem Gürtel, warf ihn hoch in die Luft und rief dabei: „Los, Toggy, du bist dran!" Der Ball öffnete sich, das grelle Licht kam heraus und verblasste schließlich. In der Luft flatterte das Pokèmon mit den kleinen Flügeln und ließ sich dann zu Mandy gleiten. Mandy meinte: „Ich bin froh, dass ich es habe." Sie streichelte es. Es piepste freudig und Mandy fragte: „Was ist, Vanessa, willst du gegen mich und Toggy antreten?" „Äh, ich weiß nicht … Ist Exotik stark genug?", fragte Vanessa unsicher. „Klar!", versprach Mandy und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Toggy ist noch nicht so gut trainiert." „Versuch es doch einfach mal!", rief Mutter ihr zu und Vater hielt seinen Daumen hoch. „Wir setzten uns so lange auf die Bank da drüben und sehen nach, wo wir wohnen!" Sie zeigte auf eine Bank an einem der Bahngleise. „Na gut.", sagte Vanessa. „Schließlich muss ich Exotik trainieren. Los!" Sie warf Endivies Pokèball und das kleine Pokèmon sah sich verwirrt um. „Exotik, das ist dein erster Kampf!", rief Vanessa. „Du schaffst das schon!" Exotik sah zu Toggy und nickte entschlossen. Jetzt konnte es zeigen, was es konnte. „Also schön, los geht's! Zeig es ihnen, Toggy!", Mandy zeigte auf Endivie und ihr Pokèmon flog ein Stück näher zu ihm. Dann ließ es sich vor ihm nieder. Der Kampf konnte beginnen!

„Nimm den Flügelschlag, Toggy!", rief Mandy.
„Exotik, Rankenhieb!", befahl Vanessa.
Aus ihrem Samenkranz an ihrem Hals ließ Exotik zwei Ranken hervorschnellen, die Togetic abwehrten, das auf es zugeflogen kam. Togetic musste stoppen, versuchte es aber auf Mandys Befehl hin noch einmal.
„Schnell, Exotik, weich ihm aus!", rief Vanessa, doch es war zu spät. Das kleine Pokèmon wurde getroffen und fiel auf den Rücken.
„1 zu 1! Sehr gut, Toggy!", sagte Mandy zufrieden.
Vanessa lief zu Exotik und fragte besorgt: „Ist alles in Ordnung mit dir?" „Endivie!", sagte Exotik und sprang auf. „Sehr gut, dann benutz deinen Ruckzuckhieb!"
Endivie rannte blitzschnell los, was man ihm bei seiner Größe und seinen kurzen Beinchen gar nicht zugetraut hätte und traf seinen Gegner mitten auf den Schwachpunkt, dass es torkelte. Doch es war noch nicht besiegt. Mandy rief ihm zu: „Toggy, versuche es noch einmal mit dem Flügelschlag!"
Toggy fing sich wieder und lief auf Endivie zu. Es wollte sich auf Exotik stürzen, da befahl Vanessa: „Schnell, benutze den Reflektor, Exotik!" Vor dem Pokèmon baute sich in sekundenschnelle eine Wand aus Licht auf, die Exotik schützte. Togetic flog darauf zu, konnte sie aber nicht durchbrechen und prallte dagegen. Benommen fiel es vor Exotik zu Boden.
„Toggy!", schrie Mandy, „Oh, nein!"
„Das ist deine Chance, Exotik! Rasierblattattacke!", schrie Vanessa aufgeregt. Grüne, scharfkantige Sicheln flogen aus Endivies Blatt, als es die Attacke ausführte, die Toggy trafen. „Wunderbar, Exotik!", lobte Vanessa. „Und jetzt bringe es mit dem Ruckzuckhieb zu Ende!"
Wieder rannte Endivie auf Togetic zu, doch auf einmal leuchteten dessen Augen rot. Rotes Licht hüllte Endivie ein und schleuderte es zurück.
„Was war das denn? Endivie!", rief Vanessa.
Das war Toggys Konfusion!", schrie Mandy zurück. „Sehr guter Einfall, Toggy! Und jetzt versuche, aufzustehen!"
Vanessa rannte zu Exotik, das am Boden lag. „Bitte gib jetzt nicht auf! Ich weiß doch, dass du es kannst! Bitte!", flehte sie.
Endivie gab einen langen Laut von sich. Dann – stand es auf!
„Exotik, du hast es geschafft!", jubelte Vanessa. „Jetzt benutz noch einmal deinen Rankenhieb!"
„Endivie!", schrie das Pokèmon, rannte auf den Gegner zu, der sich gerade wieder aufrichtete und wieder schnellten die Ranken hervor. Togetic fiel noch einmal zu Boden und blieb diesmal bewusstlos liegen. Es war besiegt!
„Ja, Exotik, du hast es geschafft!", schrie Vanessa begeistert, nahm Exotik auf den Arm und drückte es. „Das hast du gut gemacht.", sagte Mandy liebevoll zu Toggy und streichelte es. Dann holte sie das Pokèmon zurück in den Ball und sagte zu Vanessa: „Das war super, Vanessa! Du hast mich gleich beim ersten Mal besiegt!"
„Ja, bravo!"

Vanessa und Mandy sahen sich um. Vanessas Eltern standen hinter ihnen und sagten: „Das war toll! Wir haben inzwischen herausbekommen, wo wir wohnen: Blätterweg 9." „Hey, dann sind wir tatsächlich Nachbarn! Ich wohne im Blätterweg 11! Ist ja toll!", rief Mandy. Sie hielt Vanessa ihre Hand hin und sie klatschte ein. „Super!", freute sich auch Vanessa und holte währenddessen Exotik in ihren Ball zurück. „Also, gehen wir. Kommst du, Vanessa!", sagte Vater. „Och, ich würde mir viel lieber erst die Stadt ansehen. Mandy kann mir ja dann zeigen, wo der Blätterweg ist, stimmt's?" Sie stieß Mandy an, die nickte. „Gut. Dann kommt ihr eben später nach. Bis dann!"

Vanessas Eltern verabschiedeten sich. Als sie gegangen waren, zerrte Mandy Vanessa an den Bänken vorbei. Inzwischen waren die Leute, die vorhin an den Gleisen standen, fort und sie waren allein auf dem kleinen Bahnhof.
„Komm, hier geht es in die Stadt!", sagte Mandy.
„Warte mal!", Vanessa blieb stehen. „Sieh mal, da ist irgendwas in dem Busch da, auf der anderen Seite des Gleises!"
„Stimmt, da bewegt sich was!", flüsterte Mandy. In der Ferne hörten sie einen Zug heran- rollen. Vorsichtig gingen sie näher an das Bahngleis. Sie sahen den Zug, der hier vorbeikommen musste. Da sprang, oder besser gesagt fiel ein kleines, graues Pokèmon aus dem Gebüsch auf das Gleis und blieb erschöpft liegen. „Das ist ein Sniebel!", rief Mandy. Da sahen sie, wie nah der Zug schon war! „Er wird es überfahren!", schrie Vanessa und ohne zu überlegen, rannte sie auf das Gleis zu! „Nicht!", schrie Mandy, „Vanessa!"
Sie versuchte, Vanessa festzuhalten, doch sie konnte ihre Freundin nicht mehr aufhalten! Vanessa sprang auf das Gleis. Der Zug kam näher, doch sie beachtete ihn nicht, sie rannte weiter, auf das Pokèmon zu, das sich nicht rühren konnte. Der Zug raste auf sie zu, doch Vanessa rannte weiter; sie packte das erschöpfte Pokèmon und sprang auf den rettenden Rand des Gleises. Genau in dem Moment ratterte der Zug auf die Stelle, auf der das Pokèmon gelegen hatte! Das war knapp!
„Vanessa!", schrie Mandy voller Panik. „Vanessa, wo bist du?!" „Ich bin hier!", keuchte Vanessa. Der Zug war vorbei und sie ging über das jetzt sichere Gleis zu ihrer Freundin. Auf den Armen trug sie das scheinbar verletzte Sniebel. „Mensch, geht es dir gut?", fragte Mandy noch immer schockiert und legte Vanessa ihre Hand auf die Schulter.
„Ja, ja, es ist alles in Ordnung. Wir sollten uns lieber Sorgen um das Pokèmon machen." Da hörten sie auf einmal Stimmen in dem Gebüsch auf der anderen Seite des Gleises, aus dem das Sniebel gekommen war. Eine Männerstimme fluchte: „Wo ist das verdammte Vieh hin?" „Keine Ahnung.", antwortete eine Frauenstimme. „Aber weit kann es noch nicht gekommen sein."

Da sprangen sie aus dem Gebüsch. Wirklich, ein Mann und eine Frau. Der Mann trug eine schwarze Hose und eine genauso schwarze Jacke, wo in großen, lilafarbenen Buchstaben „TH" stand. Bei der Frau war es genau anders herum. Sie trug einen lilafarbenen Rock und Jacke mit einem schwarzen „TH", darauf.

„He, sie mal da vorn! Diese kleine Göre hat es!", schrie der Mann und zeigte auf Vanessa. 'Anscheinend wollen sie das Sniebel!', schoss es Vanessa durch den Kopf und sie schaute auf das hilflose Pokèmon auf ihren Armen hinab. Es stöhnte und krümmte sich. Es musste furchtbare Schmerzen haben, denn am ganzen Körper war es verschrammt. „Tatsächlich!", rief die Frau. „He, du! Mädchen, gib sofort das Sniebel her!" Vanessa bekam einen entschlossen Blick und hatte schon vergessen, in welcher Gefahr sie sich eben noch befunden hatte. „Warum sollte ich? Wer sind sie überhaupt?" „Kleine, ich würde dir raten, deine Klappe zu halten und uns das Pokèmon zu geben!", brüllte der Mann. „Wir sind Jack und Janna vom Team Horrify! Wir stehlen Pokèmon und benutzen sie für teuflische Zwecke!"
„Ich habe von denen gehört!", zischte Mandy ihr ins Ohr. „Das sind gerissene Pokèmon- Diebe!"
Vanessa sah noch einmal zu dem Sniebel auf ihrem Arm. Ängstlich schaute es sie an und starrte entsetzt auf die beiden Diebe. „Mach dir keine Sorgen, Sniebel. Bei mir kann dir nichts passieren. Ich sorge dafür, dass diese Kerle dich niemals kriegen.", beruhigte es Vanessa und streichelte es. „Was ist nun? Gibst du es uns freiwillig oder müssen wir dich zwingen?", rief die Frau, die Jack „Janna" genannt hatte und kam bedrohlich näher. „Ich gebe es euch niemals!", schrie Vanessa zurück und schützte Sniebel mit den Armen und Mandy drohte: „Noch einen Schritt weiter und ihr bekommt es mit Togetics Flügelschlag zu tun!"
„Die Kleine will frech werden!", empörte sich Jack. „Na, wenn das so ist, müssen wir wohl zu drastischen Maßnahmen greifen, so leid es uns tut, was Janna?" Er grinste höhnisch und Janna pflichtete ihm bei. Dann warf sie einen Pokèball. Als das grelle Licht verblasste, stand ein Evoli, ein kleines, braunes Pokèmon mit einem süßen Gesicht und einem buschigen Schwanz auf den Gleisen. Auch Jack holte ein Pokèmon heraus: das Wasser/Boden-Pokèmon Morlord! Jack fing seinen Pokèball auf und sagte: „Unsere Pokèmon sind zwar klein, aber dafür unheimlich stark. Unterschätzt uns nicht, das wäre nicht gut." „Besiegt uns, und wir versprechen, dass wir euch in Ruhe lassen!", rief Janna siegessicher. „Gut, uns bleibt keine andere Wahl! Los, Toggy!", rief Mandy und ließ ihr inzwischen wieder munteres Pokèmon aus dem Ball. „OK. Exotik ist noch fit." Auch Vanessa warf den Pokèball und ihr Exotik erschien. „Das sollen unsere Gegner sein!", höhnte Jack. „Man kann ja schon voraussehen, wer die Gewinner sind!"

„Ihr werdet schon sehen, wer die Gewinner sind!", meinte Mandy. „Los, Toggy, Flügelschlag auf Evoli!" Während ihr Pokèmon die Attacke erfolgreich ausführte, zischte sie zu Vanessa: „Du nimmst dir am besten Morlord vor, der Typ Pflanze ist gut gegen Wasser und Boden!" Vanessa nickte. „Exotik, Rasierblatt auf Morlord!", befahl sie. Doch Jack und sein Pokèmon waren schneller. Noch ehe die Rasierblätter von Endivie Morlord erreichen konnten, sprang es hoch und die Blätter verfehlten es. Doch auch nach weiteren Versuchen traf keine von Endivies Attacken und Morlord war noch nicht geschwächt. Es benutzte seine Attacken geschickt und zwei Wasserstrahlen trafen Exotik.

„Bist du Okay?", fragte Vanessa, die nun um Exotik UND das Sniebel besorgt war. „Endivie torkelte, fing sich aber wieder und stand wieder kampfbereit vor dem Team Horrify- Pokèmon. Auf Vanessas Befehl hin benutzte es diesmal seinen Rankenhieb und jetzt wurde sein Gegner voll getroffen und war schon sehr geschwächt. „Na los, steh auf! Lass dir das nicht gefallen, du Idiot!", brüllte Jack sein Pokèmon an. Diesen Moment nutzte Vanessa. „Jetzt schnell den Rankenhieb!", rief sie. Exotik gehorchte und noch während Jack herumbrüllte fiel Morlord in Ohnmacht! „Ja, großartig! Das war toll, Exotik. Komm jetzt zurück!", sagte die junge Trainerin und holte das Pokèmon in seinen Ball zurück. Dann ging sie zu Mandy.

„So ein verdammter Mist!", schrie Jack. „Jetzt hängt alles von dir ab, Janna!" „Kein Problem! Das krieg ich schon hin!", gab sie zurück. Währenddessen attackierte Togetic das Evoli mit Konfusions-Attacken. Das klappte, doch Evoli setzte einen starken Bodyslam ein und es fiel zu Boden! „Jetzt, Evoli, Biss-Attacke!", befahl Janna. Das Pokèmon stürzte sich mit seinem klleinen, aber spitzen Zähnen auf seinen am Boden liegenden Gegner. „Toggy, du musst aufstehen!", flehte Mandy. „Versuch es, du kannst es!" Das Vertrauen seiner Trainerin gab Togetic Kraft; es stand auf und flog in die Luft. Evolis Attacke ging vorbei! Nun versuchte es Evoli mit der Attacke Sternschauer. Mandy rief ihrem Pokèmon zu: „Toggy, du weißt, was du zu tun hast!" Es nickte, dann leuchteten seine Augen wieder rot. „Super, du benutzt die Konfusion!", meinte Vanessa, die die Attacke ja jetzt schon kannte, zu ihrer Freundin.
Togetics Attacke hatte verheerende Auswirkungen; es schleuderte den Sternschauer zurück zu seinem Angreifer und Evoli wurde von seinen eigenen Attacken besiegt!

„So ein Mist, wir sind geleimt!" Janna holte ihr Pokèmon zurück. „Wartet nur!", drohte Jack Vanessa und Mandy mit erhobener Faust, „Das nächste Mal kommt ihr nicht so glimpflich davon!" Mit diesen Worten verschwanden die Pokèmon-Diebe wieder im Gebüsch. „Wir haben echt Glück gehabt!", seufzte Mandy und sah den beiden hinterher. „Wo ist hier ein Pokèmon-Center?", fragte Vanessa. Sie stand besorgt am Rand des Gleises und streichelte das schwache Sniebel, das noch immer in ihren Armen lag. „Oh, hatte ich ganz vergessen, es ist gleich hier um die Ecke! Komm mit!"

Die beiden rannten in die Stadt und Mandy führte Vanessa zu einem weißen Gebäude und rotem Dach. Daran sahen sie ein großes, rosafarbenes „P". Es war eindeutig ein Pokèmon- Center.
Durch die Eingangs-Schiebetür kamen sie in eine große Eingangshalle. Der Boden war mit Kacheln ausgelegt, die zusammen einen Pokèball bildeten. Hinten an der Wand des Raumes standen Topf-Pflanzen, doch das alles beachteten die beiden nicht. Vanessa schrie: „Hilfe, Schwester Joy! Schwester Joy!"
Erstaunt sahen einige Leute auf, die im Pokèmon-Center herumstanden. „Was ist denn los?" Schwester Joy, die Krankenschwester des Pokèmon-Centers kam hinter dem Tisch hervor, an dem die besiegten Pokèmon zur Heilung übergeben wurden, zu ihnen. Ein rosafarbenes Pokèmon, ein Heiteira, übernahm ihren Platz. Joy war schlank, mit pinken Haaren und blauen Augen, die jetzt ziemlich besorgt drein schauten. Vanessa zeigte ihr das Sniebel. „Sniebel ist verletzt! Es braucht dringend Hilfe!", rief Vanessa. „Das ist ja wirklich arg schlimm! Bitte kommt sofort mit!" Sie führte die beiden Freundinnen durch eine Seitentür in einen anderen Raum, wo außer zwei harten Bänken nur noch eine Pflanze in der Ecke stand.

„Bitte setzt euch und wartet hier. Es könnte eine Weile dauern.", sagte Schwester Joy und wies auf eine der Bänke. Die beiden taten, wie ihnen geheißen und sahen besorgt zu, wie die Schwester mit Sniebel durch eine zweite Tür ging. Sniebel warf Vanessa einen sehnsüchtigen Blick zu. Dann verschwanden sie hinter der Tür. Als diese zuging, leuchtete das Display mit der grünen Spritze, das darüber hing, rot. Mandy, die sich auskannte, erklärte Vanessa: „Das bedeutet, dass da jetzt ein Pokèmon drinnen behandelt wird und man nicht stören darf." Vanessa hörte nicht hin. Sie starrte auf die Tür und ihr schossen viele verschiedene Gedanken durch den Kopf: „Was wollten diese seltsamen Diebe von Sniebel? Was ist an genau diesem Sniebel so besonderes? Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass meine Ankunft auf dieser Insel so abenteuerlich wird." Sie dachte noch einmal an die vergangenen Ereignisse und ihr wurde erst jetzt klar, dass sie hätte sterben können, bei dem Versuch, das Pokèmon zu retten. Ein kalter Schauder lief ihr den Rücken hinunter, bei dem Gedanken daran, jetzt tot zu sein.

* * *

Es dauerte scheinbar eine Ewigkeit, bis Sniebel geheilt war. Vanessa bemerkte es sofort, dass die rote Spritze wieder auf grün umschlug. Die Tür öffnete sich und Schwester Joy kam heraus. Sie trug ein putzmunteres Sniebel auf dem Arm. Vanessa und Mandy standen auf.
„Dein Sniebel ist wieder fit!", sagte Schwester Joy lächelnd. „Hier hast du es!" „Vielen Dank, Schwester Joy!", sagte Vanessa dankbar, doch sie verschwieg, dass Sniebel nicht ihr gehörte. Sniebel sprang aber freudig auf Vanessas Arme und rief: „Snie, snie, snie!" Mandy, Vanessa und Joy lachten, dann sagte Joy: „Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich werde in der Haupthalle gebraucht."
„Aber natürlich. Wiedersehen!", sagten die Freundinnen, dann wollten auch sie das Pokèmon- Center verlassen.
Als sie schließlich wieder draußen waren, setzte Vanessa das Sniebel auf der Erde neben ein paar gelben Blumen ab. „Es tut mir Leid, Sniebel, aber vielleicht ist es das Beste, wenn du wieder dahin gehst, woher du kommst. Ich muss jetzt nach hause. Also geh lieber wieder."

Sie stand auf, lächelte ihm zu und drehte sich um, da sagte Sniebel auf einmal: „Kann ich nicht bei dir bleiben?"
Wie angewurzelt blieben Vanessa und Mandy stehen und drehten sich gleichzeitig um. Fassungslos hockte Vanessa sich wieder hin. „Du kannst sprechen?!", sagte sie überrascht. „Na, klar!", sagte Sniebel, sah sich um und flüsterte zu den beiden: „Aber verratet das niemandem. Ich könnte sonst richtige Schwierigkeiten bekommen. Wisst ihr, diese beiden schrägen Pokèmon-Diebe vom Team Horrify wollten mich deshalb unbedingt haben. Nur durch euch bin ich entkommen."
„Willst du wirklich bei mir bleiben?", fragte Vanessa und musste sich erst einmal daran gewöhnen, dass sie mit einem sprechenden Pokèmon redete.
Sniebel nickte und sagte: „Ich würde euch wirklich gern begleiten. Darf ich?"
Auf einmal grinste Vanessa von einem Ohr zum andern. „Natürlich darfst du!", jubelte sie. „Ich will schließlich Pokèmon-Trainerin werden!"
„Oh, vielen Dank!", rief Sniebel erleichtert und sprang auf Vanessas Schulter. „Ach ja, wie heißt ihr beide überhaupt?"
„Vanessa.", antwortete Vanessa und Mandy sagte: „Und mein Name ist Mandy."
„Mandy und Vanessa, wunderbar!", freute sich Sniebel.
„Halt!", sagte Vanessa auf einmal. „Wenn du mein Pokèmon sein willst, dann muss ich dich zuerst mit einem Pokèball fangen!"
„Muss das sein?" Sniebel schluckte. „Ich hasse Pokèbälle!"
„Ja, es muss sein.", sagte Vanessa hart. „Aber ich verspreche dir, dass ich dich sofort wieder rauslasse, wenn ich dich gefangen habe. Du musst nicht immer in den Ball."
„Echt? Dann bin ich bereit!" Sniebel sprang wieder auf den Boden. Vanessa setzte ihren Rucksack ab und holte einen der fünf Pokèbälle heraus. Sie musste Sniebel nicht schwächen, da sie ja wusste, dass es sich fangen lassen würde.
„OK, auf geht's!", rief sie. „Pokèball, los!" Und sie warf den Pokèball auf das Pokèmon. Der Ball wackelte. Hin und Her und Hin und … Er blieb liegen! Der Knopf des Balls leuchtete kurz auf. Sniebel war gefangen!
„Ja!", jubelte Vanessa, „Ich habe ein Sniebel!"
„Glückwunsch!", rief Mandy.
Vanessa holte Sniebel aus dem Ball und grinste: „War doch gar nicht so schlimm, oder?"
„Äh, nein.", sagte Sniebel
„Das einzige, was dir jetzt noch fehlt, ist…", begann Vanessa.
„Ist was?", fragte Sniebel misstrauisch.
„…Ist ein Spitzname!", rief Vanessa. „Was hältst du davon?"
„Puh, wenn es weiter nichts ist… Welchen schlägst du vor?", neugierig sah Sniebel sie an.
Vanessa überlegte kurz. Dann sagte sie: „Wie findest du ‚Snap'?"
Sniebel sah an sich hinunter, dann grinste es. „Einverstanden! Ab heute heiße ich Snap!"

Kapitel 4: Professor Esch in Gefahr

An diesem Tag hatte Vanessa festgestellt, dass ihr neues Haus fast schöner war als ihr altes. Aber nur fast! In ihrem Herzen blieb das alte, weiße Haus in Orania City das einzig wahre Zuhause. Doch sie musste zugeben, dass ihr das neue auch sehr gefiel. Es war aus roten Backsteinen gebaut und mit weißen Fensterrahmen versehen. Es hatte ein Wohnzimmer mit schönen Kiefernholz-Schränken, einem kleinen Tisch vor der großen, gemütlichen Couch und einem großen Panorama-Fenster mit Terrasse, von dem man aus auf den Garten sehen konnte, den eine große, Schatten spendende Hecke vor unerwünschten Blicken schützte. Die Küche war mit allem ausgestattet, was man brauchte: Spülmaschine, Mikrowelle, Ofen, Herd, genügend Ablageplatz, Kühlschrank mit Gefrierfach und großen Schränken. All das passte hinein und immer noch war genug Platz für einen runden Esstisch mit bequemen Stühlen. Dann kam das Badezimmer mit Dusche, Badewanne und einem Schrank in der Ecke. Im ersten Stock befanden sich das Schlafzimmer ihrer Eltern und Vanessas eigenes Zimmer. Es hatte ein ordentliches Bett, einen großen Schreibtisch mit einem richtigen Computer (Man stelle sich vor!), einem großen, blauen Kleiderschrank mit Spiegel und einem schönen, großen Fenster.

* * *

Wegen der Aufregung mit Team Horrify und Snap hatten Mandy und Vanessa beschlossen, die Stadt erst am nächsten Tag zu erkunden. Sie trafen sich am Morgen vor Mandys Haus. „Hallo!", rief Vanessa, die schon auf Mandy wartete, als diese aus dem Haus kam. „Hi, Vanessa!", begrüßte Mandy ihre Freundin. „Hey, Snap, du sitzt ja schon wieder auf Vanessas Schulter!", bemerkte sie grinsend. „Klar.", grinste Snap zurück. „Vanessa und ich haben gestern noch beschlossen, dass ich immer außerhalb meines Balles bleibe. Stimmt es, oder habe ich Recht?" Er sah zu Vanessa. „Stimmt, du hast Recht.", antwortete sie lachend. „Also, lasst uns gehen!" Sie liefen gemeinsam an die nächste Straßenecke. Dort bogen sie links ab, spazierten gemütlich über eine Sonnen beschienene Allee und kamen zu einem großen, mit Kopfstein gepflasterten Platz. In der Mitte befand sich ein großer Springbrunnen: ein Wasserbecken, in dessen Mitte die Statue eines steinernen Lanturn stand, dass sein Maul geöffnet hatte und daraus mit Wasser in das Becken spuckte.

„Dellin City ist bekannt für seine alten Gebäude und Plätze.", erklärte Mandy. Sie wies auf die Häuser am Rande des Platzes. Sie waren alt, ohne Zweifel, aber mit wundervollen Schnitzereien in den verwitterten Holzbalken. Zwischen den Holzgebäuden standen auch einige modernere Häuser, zum Beispiel das Pokèmon-Center, in dem Schwester Joy gestern Snap behandelt hatte, und ein ähnliches Gebäude mit einem blauen Dach. „Was ist das da?", fragte Vanessa und zeigte auf das Haus. Mandy antwortete: „Ein Pokèmon-Supermarkt. Gibt es auch in Orania. Dort sehen sie aber anders aus."
„Na klar.", sagte Vanessa. „Sonst hätte ich ja wohl nicht gefragt, oder?"
Sie lachten und als sie in eine enge Seitenstraße kamen, zeigte Snap nach vorne an ihr Ende und bemerkte: „Da ist noch so ein großes Haus. Was ist das für eins?"
Die drei sahen zu dem Haus. „Ich erkläre es euch, wenn wir dort sind.", meinte Mandy. „Das ist ein wichtiges Gebäude für die Stadt, daher steht es auch auf der Hauptstraße, die nach der Stadt benannt ist: die ‚Dellin-Straße'!"

Sie gingen weiter an schönen Gärten, kleinen Häusern und jungen Obstbäumen. Als sie die Dellin-Straße dann erreichten, drängte Vanessa: „Jetzt erklär uns mal, was es mit diesem Haus auf sich hat!"
Daraufhin fing Mandy wieder an, zu erklären: „Das Haus gehört einem Professor, den ich gut kenne. Er heißt Professor Esch. Das hier ist sein Labor."
Sie setzte sich auf eine Mauer und Vanessa tat es ihr nach. „Was für ein Professor? So ein Pokèmon-Forscher wie Prof. Eich?", fragte sie.
„Genau.", nickte Mandy. „Er verteilt auch drei Startpokèmon. Allerdings glaube ich, dass es nicht Endivie, Karnimani oder Feurigel sind."
„Echt?" Vanessas Augen weiteten sich. „Was meinst du, kann ich auch ein zweites Startpokèmon von ihm haben? Ich will doch auf Pokèmonreise gehen!"
„Davon hast du ja gar nichts erzählt!", riefen Snap und Mandy gleichzeitig und starrten sie erstaunt an. „Wann denn?", fragte Mandy.
Vanessa überlegte und sagte schließlich: „So bald wie möglich. Aber ich würde gern mit dir zusammen gehen, Mandy." Sie legte ihrer Freundin die Hand auf die Schulter. „Ich dürfte mitgehen.", sagte Mandy und sah zu Boden. „Aber ich brauche erst ein Pokèmon von Professor Esch." Sie seufzte und blickte zu dem Haus hinüber.
„Ich dachte, du kennst ihn so gut.", meinte Vanessa verständnislos. „Du musst ihn doch nur fragen, ob du eins haben kannst!"
„Wenn das so einfach wäre!", herrschte Mandy sie an, sodass sie erschrak. „Seit Tagen schon habe ich nichts von ihm gehört und wenn ich an seiner Tür geklingelt habe, hat niemand geöffnet."

„Vielleicht ist er einfach gerade verreist!", vermutete Snap und kletterte auf den niedrigen Ast eines Baumes, der hinter der Mauer stand. Vanessa spürte, dass er das nicht wirklich vermutete. Sie hatte das Gefühl, dass er wusste, was mit dem Professor war. „Ausgeschlossen!" Mandy machte eine wegwerfende Bewegung. „Auch wenn er weg wäre, er hat ja Gehilfen! Einer ist mindestens in dem Labor, wenn Professor Esch nicht da ist." Vanessa stand auf und schlug vor: „Wir können es ja jetzt noch mal versuchen." „Wenn du meinst, dass es was nützt…" Mandy klang nicht sehr überzeugt. „Schaden kann es nicht, oder?", rief Snap und sprang wieder auf die Schulter seiner Trainerin. Schließlich stand auch Mandy auf und gemeinsam gingen sie zur Haustür. Vanessa drückte auf den Klingelknopf. Nichts rührte sich.
„Hab ich's doch gewusst!", rief Mandy.
„Sei nicht so pessimistisch!", fuhr Vanessa sie an und versuchte es noch mal. Wieder nichts. Mandy gähnte und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Lass uns lieber wieder gehen."

„Psst, seid mal still, ich höre was!", zischte Snap auf einmal. Mandy und Vanessa lauschten. „Ich höre nichts.", sagte Mandy enttäuscht.
„Das ist, weil Pokèmon bessere Ohren haben. Kommt mit!" Snap kletterte einen Zaun hinauf. Zögernd folgten die Freundinnen und sprangen auf der anderen Seite des Zauns ins taufeuchte Gras. Das hier war anscheinend das Grundstück des Professors. Snap führte die beiden weiter um das Labor herum. Schließlich kamen sie an Fenster. Jetzt hörten auch Vanessa und Mandy leise Stimmen im Innern, doch sehen konnten sie nichts. Die Vorhänge waren zugezogen.

„So ein Mist.", schimpfte Mandy, „Und was machen wir jetzt?"
„Na, den Stimmen lauschen.", meinte Vanessa. „Toll, dass du uns hergeführt hast, Snap."
„Kein Problem. Aber jetzt Ruhe!" Snap hangelte sich am Fensterbrett hoch und drückte sein Ohr an die Scheibe.
Drinnen fragte eine Männerstimme: „Sind sie weg?"
„Ja. Es waren wieder diese beiden Gören vom Bahnhof. Mit dem Sniebel!", antwortete eine Frauenstimme. Die beiden kamen den drei Freunden bekannt vor.
„Das sind diese Typen von Team Horrify!", zischte Mandy erschreckt. „Jetzt wird mir einiges klar!"
„Ruhe!"
Sie lauschten weiter.
„Zum Glück sind sie wieder abgezischt.", sagte Janna.
„Zum Glück?!", meinte Jack. „Wir Müssen dieses Sniebel haben, solange der Alte nicht rausrückt, wo die anderen sind."
„Dieser ‚Alte',", sagte eine andere Stimme, „Hat keine anderen Sniebels mehr."
„Das ist Professor Esch!", jubelte Mandy leise.
Vanessa überlegte: „Wir wissen jetzt also, dass er nicht verreist ist. Er wird von Jack und Janna in seinem Labor festgehalten! Mich würde aber interessieren, was an seinen Sniebels so besonderes ist."

„Er züchtet sprechende Sniebels.", sagte Snap auf einmal und ließ sich auf das Fensterbrett sinken. „Ich bin eins von ihnen. Die anderen hat er vor Team Horrify versteckt. Es waren insgesamt vier Stück. Ich bin als einziges geflohen, um Hilfe zu holen. Dann habt ihr mich vor Team Horrify gerettet."
„Ist das wahr?", fragten Vanessa und Mandy. „Wenn ja, dann musst du uns zeigen, wo die Sniebels sind! Mit ihnen können wir Jack und Janna besiegen!"
„Sie sind alle im Nokturnenwald. In einem sicheren Versteck.", antwortete Snap. „Nokturnenwald?", fragte Vanessa Stirn runzelnd. „Wo ist der denn schon wieder?" „Keine Sorge, der ist gleich hinter der Stadt.", antwortete Mandy. „Man hat ihn so genannt, weil dort viele Nacht-Pokèmon leben und abends hören sie sich an, wie verschiedene Lieder, wenn sie ihre Laute in den Himmel rufen."
„Wir müssen sie sofort holen!", rief Vanessa aufgebracht und Mandy schlug ihr panisch die Hand vor den Mund. Wenn Team Horrify sie hier entdeckte, sah es für sie nicht gut aus. „Kommt, verschwinden wir besser.", flüsterte Mandy. „Wir müssen die anderen drei Sniebels holen." Vanessa und Snap nickten stumm und schlichen leise hinter ihrer Freundin her zurück zum Zaun, der das Grundstück des Professors markierte.

* * *

„Lasst uns am besten erst in der Nacht zum Nokturnenwald gehen.", schlug Mandy vor. „Warum?", fragte Snap ungeduldig. „Wieso nicht jetzt? Die Zeit drängt, Freunde! Wer weiß, was Jack und Janna mit Professor Esch anstellen. Es muss schnell etwas passieren." Die drei waren zurück zu Vanessas Haus gerannt. Jetzt saßen sie in ihrem Zimmer auf dem Bett und berieten, was jetzt zu tun sei. Aber Vanessas Eltern wollten sie auf keinen Fall sagen, dass sie in den Wald gehen wollte, sie würden sich nur unnötig Sorgen machen. „Ich weiß, dass es wichtig ist", sagte Vanessa, „Aber wir müssen einen günstigen Moment abwarten, um unbemerkt zu verschwinden!"
Die drei saßen einen Moment schweigend da und zerbrachen sich die Köpfe, als Snap an Vanessa gewandt sagte: „Wir könnten deinen Eltern doch einfach sagen, dass... wir ein Picknick machen oder so. Was meint ihr?"
Die beiden Mädchen blickten sich an. Schließlich ergriff Mandy wieder das Wort: „Ich finde, das klingt eigentlich gar nicht schlecht. Was meinst du, Vanessa? Schief gehen kann es nicht." Vanessa seufzte tief. "Also schön", sagte sie und stand auf.

Fortsetzung folgt ...