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14. Dezember 2009

Fanstory von: Chara

Die wahre Bedeutung von Weihnachten
Die Weihnachtszeit musste für die Menschen wohl das schönste Ereignis im Jahr sein. Sie schmückten ihre Häuser, backten allerlei süßes Gebäck, sangen Lieder und machten sich Geschenke. Sogar die Pokémon die bei den Menschen lebten, machten bei diesem Brauch mit.
Vielleicht lag es nur daran, dass ich ein wild lebendes und in den Straßen von Dukatia City umherstreunendes Hunduster war, aber ich kann und konnte diesen Trubel, der jedes Jahr zur Winterzeit stattfand, einfach nicht nachvollziehen.
Wozu sollte es gut sein, überall diese grell leuchtenden und wahnsinnig machenden, blinkenden Lichterketten anzubringen? Plätzchen und sonstiges süßes Zeug war auch nicht mein Fall, ich bevorzugte stattdessen eine leckere Wurst. Und die Geschenke! Warum sollte man sich gegenseitig etwas schenken? Waren diese Menschen etwa alles Narren? Ich würde nie jemanden etwas schenken. Wozu denn auch? Ich lebte auf der Straße, hier galt das Gesetz des Stärkeren. Wer sich nicht erbarmungslos durchsetze konnte, der würde mit leerem Magen ausgehen.
Mitleid, oder gar etwas von seiner Beute zu teilen, konnte ich mir nicht leisten. Hier ging es darum zu überleben.
Weihnachten war für Pokémon wie mich die härteste Zeit.
Die Menschen schlossen sich in ihren Häusern ein und feierten fröhlich mit ihren Familien, was für uns vor allem eins bedeutete: Es war niemand unterwegs und alle Läden waren geschlossen. Die Stadt stand somit völlig still. Sie waren alle in ihrem warmen zu Hause und mussten sich um nichts Sorgen machen.
Ich persönlich lebte davon, Menschen, die gerade einkaufen gewesen waren, zu überfallen und ihnen ihr neu erworbenes Hab und Gut an mich zu reißen – meistens in Form von Frischfleisch oder dieses sogenannte „Pokémon Futter“. Was ich auch gerne tat, war, mich in die Läden oder in die Metzgerei zu schleichen und mir von dort meine Nahrung zu stehlen. Wenn es hart auf hart kam, dann wühlte ich auch mal in den Mülltonnen, um irgendwelche Essensreste rauszuholen, aber auch das gestaltete sich an Weihnachten etwas schwierig. Warum? Ganz einfach. Weil der Müll an Weihnachten keine essbaren überreste waren, sondern aus Geschenkpapier, Pappkartons, kaputtgegangener Dekoration und – wenn man etwas Glück hatte – aus verkohlten Plätzchen bestand.

Mit einem missbilligenden Grunzen wanderte ich, auf der Suche nach etwas essbarem, durch die Straßen von Dukatia City. Obwohl es nachmittags war, war es bereits völlig dunkel. Die fast schwarzen Wolken verharrten völlig regungslos am Firmament und im Gegensatz dazu, stand die übertrieben geschmückte Innenstadt mit ihren bunten und grellen Lichtern.
Ich hob den Kopf an und schnupperte in der Luft. Wie erwartet, waren Plätzchen und Lebkuchen zu riechen, aber etwas wirklich Essbares konnte ich nicht erschnüffeln. Gebäck schmeckte mir einfach nicht.
Ich streifte durch den riesigen Platz vor dem Einkaufszentrum, näherte mich dem Gebäude und starrte durch die gläserne Fassade, in der Hoffnung einen Weg zu finden, in den großen Laden einzubrechen, aber wie immer war es zu gut bewacht. Ich konnte den Kaufhauspolizisten und sein begleitendes Pokémon schon von Weitem erkennen, zudem waren die Türen fest verschlossen.
Ich gab ein Knurren von mir und wandte mich ab. Es hatte keinen Zweck sich mit dem Einkaufszentrum zu beschäftigen.
Mit leisen Schritten tappte ich durch die geteerten Straßen und sah mich aufmerksam um. Nicht einmal Pokémon schienen unterwegs zu sein. Vielleicht hatten sie sich wegen der Kälte in irgendeinem Loch verkrochen und warteten auf ein Wunder. Als Feuerpokémon machte die Kälte mir nur wenig aus und das war auch gut so. Auf diese Art hatte ich einen kleinen Vorteil gegenüber meiner Konkurrenz.
Ich wanderte weiter und ehe ich mich versah, stand ich vor Dukatias Bahnhof. Obwohl es Weihnachten war, fuhren die Züge trotzdem, was bedeutete, dass auch der Bahnhof und die Läden in ihm zu einem gewissen Teil noch in Betrieb waren. Die Schiebetüren des Gebäudes öffneten sich automatisch und als ich eintrat wurde ich mit der frischen Zugluft konfrontiert. Gerade fuhr die berühmt berüchtigte Magnetbahn ab, doch das interessierte mich nur wenig. Stattdessen streckte ich meine Schnauze in die Luft und schnüffelte die Umgebung gewissenhaft ab. Der Bahnhof an sich hatte nicht viel zu bieten, aber es waren immerhin einige Menschen unterwegs.
Plötzlich nahm mein Geruchsinn einen mir allzu bekannten Duft auf: Irgendeiner der Menschen hatte ein Leberwurstbrot dabei.
Das war die Chance heute noch etwas Essbares zu bekommen. Ich schaute mich genau um und versuchte herauszufinden, welcher von den wenigen Menschen mein Zielobjekt bei sich trug.
Es konnte nur einer sein und zwar dieser junge schwarzhaarige Mann der geradewegs auf mich zulief. Er hatte eine Brille aufgesetzt und in seiner rechten Hand entdeckte ich eine Papiertüte aus der ganz eindeutig der Geruch des belegten Brotes zu mir drang.
Sehr gut. Ohne zu Zögern rannte ich auf ihn zu und ehe er mich entdeckte, hatte ich mich schon auf ihn gestürzt und ihn mit meinen zwei Vorderpfoten in die Brust gestoßen, was den fremden Mann dazu veranlasste rücklings auf den Boden zu fallen.
„Ah!“, schrie er überrascht. „Was soll denn das??“ Wie erwartet war ihm bei meiner überraschungsattacke die Tüte mit dem Brot aus der Hand geflogen und wenige Meter weg geflogen. Ich knurrte ihn nochmal bedrohlich an, damit er auch ja nicht auf die Idee kam sich zu wehren und stieg von ihm, während ich triumphierend die Papiertüte in mein Maul nahm.
„H-hey! Das ist meins!“, stotterte er, in einem kläglichen Versuch Widerstand zu leisten.
Zur Erwiderung warf ich ihm einen schadenfrohen Blick zu, dann drehte ich mich zurück und wollte davongehen, als meine Ohren sich aufstellten und das Geräusch eines sich öffnenden Pokéballs wahrnahmen.
Erschrocken sah ich zurück und entdeckte ein Morlord vor mir.
„Gib mir mein Mittagessen zurück oder du wirst eine böse überraschung erleben.“, sagte der Mann bedrohlich zu mir.
Ich biss die Zähne zusammen und machte vorsichtig einen Schritt nach hinten. Normalerweise hatte ich keine Probleme, mich mit wildfremden Leuten und ihren Pokémon anzulegen, aber ich hatte seit gestern nichts gegessen und Morlord waren allein von ihrem Typ her, eine viel zu große Gefahr für mich. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen.
Morlord waren mir überlegen, ja.
Aber sie waren auch ziemlich langsam.
Ohne weiter darüber nachzudenken, warf ich die Tüte in die Luft und benutzte meinen Mund nun dazu, um eine Rauchwolke zu erzeugen. Den darauffolgenden Moment der Verwirrung nutzte ich dazu mein Essen wieder in den Mund zu nehmen und davonzulaufen.
Ich rannte aus dem Bahnhof und hörte hinter mir, wie der Mann eine ziemlich heftige Beleidigung vor sich hin brüllte.
Ohne anzuhalten spurtete ich weiter und hielt erst an, als ich mich sicher fühlte.

Als Streuner besaß ich kein festes „zu Hause“. Ich schlief wo ich wollte und suchte Unterschlupf immer dort, wo es mir am günstigsten erschien. Doch obwohl ich keinen festen „Sitz“ hatte, gab es einen Ort an dem ich mich immer wohl fühlte:
Zwischen dem Radioturm und einem anderen Gebäude, gab es eine kleine, verlassene Gasse in der sich niemand hinein traute. Zugegeben, es war dort immer ziemlich dunkel, weil durch die großen Nachbarsgebäude jegliche Lichtquelle abgeschirmt wurde und die ganzen Mülltonnen stanken unangenehm, aber das machte mir nicht viel aus.
Ich schmiss die Papiertüte mit dem Brot auf den Boden und holte aus den Mülltonen ein paar alte Milchtüten heraus. Nicht um etwas zu trinken, nein. Da war ja eh nichts mehr drin. Die Verpackungen zündete ich mit meiner Glut an und machte mir auf diese Weise ein gemütliches Feuerchen. Ich legte mich auf den Boden nieder und holte das Leberwurstbrot aus der Tüte.
Ich nahm mir einen Bissen und schaute nachdenklich nach oben. Wenn mich mein Gefühl nicht täuschte, dann müsste es bereits Abend sein. Ich hatte fast den ganzen Tag nicht gegessen und gestern war es genau dasselbe gewesen. Und das, weil Weihnachten die Menschen davon abhielt etwas Vernünftiges außerhalb ihres Hauses zu tun.
Plötzlich nahm ich leise Schritte aus dem Eingang der Gasse war. Ich sah von meinem Abendbrot auf und schaute misstrauisch nach vorne. Wenn es jemand wagte mir meinen Platz streitig zu machen oder mein Essen stehlen wollte…!
Ich gab ein lautes Bellen von mir.
Plötzlich ertönte ein „Uah!“ und dann hörte ich, wie etwas gegen eine der Mülltonnen krachte. Ich hörte ein ängstliches Wimmern und grunzte genervt.
„Zeig dich!“, forderte ich böse. Die letzten Tage waren stressig genug gewesen. Wenn man mir auch nur den geringsten Anlass geben würde, dann würde ich erbarmungslos zuschlagen.
„B-bitte tu mir nichts!!“, forderte eine sehr hohe und ängstliche Stimme.
Ich blieb kurz still, bis sich das Pokémon in die Nähe des Feuers traute und ich es erkennen konnte.
Es war ein kleines Pichu.
„Was willst du hier?“, fragte ich es verärgert. „Das ist mein Revier, verzieh dich!“ Nicht einmal in Ruhe essen konnte ich, aber ehrlich gesagt, war ich erleichtert, dass es nur ein Pichu war. Für einen Moment hatte ich gedacht, dass mich dieser Typ mit seinem Morlord entdeckt hatte.
Das Pichu trat zögerlich auf mich zu und sah mich verunsichert an. „Ich, ähm… ich-ich…“
Ich nahm ein weiteres Stück von meinem Brot in den Mund und sah das kleine Elektropokémon gelangweilt an. Jetzt, da ich wusste dass es keine Gefahr für mich darstellte, entspannte ich mich wieder.
„K-kann ich… hier bleiben?“, fragte es eingeschüchtert.
Ich schluckte kurz runter. „Hast mich eben nicht verstanden? Ich sagte, dass du dich verziehen sollst.“, wiederholte ich meine Worte von vorhin.
„B-bitte! Mir ist so kalt! Und hier ist so ein schönes, warmes Feuer.“, flehte es. Das Kleine sah schon ein wenig mitgenommen aus.
„Hm…“ Naja, wenn es mich nicht weiter nerven würde und auch nicht den Rest von meinem Leberwurstbrot wollte…
Ein plötzliches Magenknurren unterbrach meine Gedanken. Ich blickte das Pichu an, welches sofort rot wurde.
Na toll. Hunger hatte es auch noch.
Ich legte meine rechte Vorderpfote auf das restliche Brot und sah das kleine Wesen vielsagend an. „Bei mir gibt es nichts zu futtern.“, stellte ich sofort klar. „Du kannst dich von mir aus ans Feuer setzen, aber erwarte nicht, dass ich dir etwas abgebe.“
„Okay…“, sagte es zaghaft, dann nahm es ein paar Schritte neben mir Platz. „D-Dankeschön…“
Ich schnaubte, sagte aber nichts weiter. Seit ich denken konnte, war ich ständig allein unterwegs gewesen, Gesellschaft vertrug ich nicht so gut.
Ich rümpfte die Nase. Dieses Pichu hatte einen Geruch, der mir irgendwie seltsam bekannt vorkam. Ich überlegte kurz, dann fiel es mir ein.
„Ich kann den schwachen Geruch von Menschen an dir wahrnehmen. Wo kommst du eigentlich her?“, fragte ich es.
Pichu zuckte kurz zusammen, als ich es direkt ansprach. „V-von außerhalb der Stadt. D-da gibt es eine Pension. Ich bin dort aufgewachsen und von Menschen erzogen worden.“, antwortete es mit zittriger Stimme.
„Aha. Und was machst du dann hier alleine?“, hakte ich weiter nach.
Es schluckte und fing an zu zittern. „I-ich war mit dem Menschen unterwegs, der mich aufgezogen hat und-und es war das erste Mal, dass sie mich mit in die Stadt genommen hat. Da waren so viele Menschen und all die schönen Lichter, überall konnte man Lieder hören und es hat nach so vielen leckeren Sachen gerochen… Da-da bin ich weggelaufen, weil ich mich umsehen wollte, aber am Ende habe ich sie nicht mehr wiedergefunden und jetzt… und jetzt habe ich mich verlaufen und bin schon seit drei Tagen hier ohne etwas Richtiges zu essen!“ Mit einem Mal begann das kleine Pokémon zu weinen. „Ich will nach Hause! Ich will etwas essen! Und ich will Weihnachten feiern!“
Ich sah Pichu skeptisch an. Die ersten zwei Dinge machten noch Sinn, aber was hatte das Ganze mit Weihnachten zu tun?
„Wieso Weihnachten?“, fragte ich es.
Das Elektropokémon sah mich mit tränennassen Augen an. „Ich bin erst in diesem Jahr aus dem Ei geschlüpft und alle haben mir so viele tolle Sachen über Weihnachten erzählt und als wir dann hier in die Stadt gekommen sind, dann wusste ich, dass all die schönen Sachen, die man mir erzählt hat, wahr sind.“
Ich schnaubte missbilligend. „Dann gehörst du also auch zu der Sorte von Pokémon, die bei diesem Blödsinn mitmacht…“, murmelte ich verächtlich.
„Das ist kein Blödsinn!“, widersprach Pichu aufgebracht. „Weihnachten ist schön!“
„Soll ich dir mal erzählen, was ich jedes Jahr wegen Weihnachten durchmachen muss?“, entgegnete ich bedrohlich.
Pichu schwieg daraufhin nur.
„Menschen und ihre Pokémon sind verzogen. Sie können alles bekommen was sie wollen und trotzdem gibt es noch einen extra Feiertag, an dem es heißt, dass man sich etwas schenken soll. Die sind doch alle nur habgierig.“, meinte ich verächtlich.
„Es geht nicht nur um das Schenken!“, rief Pichu laut.
Ich knurrte, es erschrak und hielt kurz inne, redete dann aber weiter: „An Weihnachten ist es wichtig, dass man mit denen zusammen ist, die man lieb hat und man seine Sachen mit denen teilt die nichts haben, damit alle glücklich sind.“, erklärte es. „Weihnachten ist dafür da, dass alle zusammen glücklich sind.“, endete es mit einem Lächeln.
Ich schwieg kurz. Also viel, hielt ich nicht von dieser Sicht der Dinge. „Glaub an dieses Märchen, solange du nur kannst.“, meinte ich dann.
„Du kannst das doch nur nicht nachvollziehen, weil du keine Freunde hast!“ Mit einem Mal war Pichu wieder auf den Beinen und sah mich böse an.
Ich lächelte spöttisch. „Wenn ich Freunde hätte, dann hätte ich heute nichts zu essen.“ Und um meine Worte zu unterstreichen, aß ich noch das Leberwurstbrot vor Pichus Augen zu Ende.
Mit einem Mal entwich der Böse Blick aus Pichus Gesicht und es wirkte nur noch müde und traurig. „Du bist doof!“ Es schniefte, dann rannte es davon.
Ich sah ihm hinterher und erst dann viel mir auf, dass das kleine Pokémon nicht nur erschöpft gewesen war, sondern auch einige Schrammen an seinen Körper gehabt hatte. Es war jung, vielleicht ein paar Monate alt, wenn sein erster Besuch in einer Stadt gerade mal drei Tage her war. Dass es sich in dem Alter die letzten Tage alleine zurechtfinden musste… das muss echt hart für das Kleine gewesen sein.
Ich erhob mich und lief mit sehr langsamen Schritten aus der Gasse.
Vielleicht hatte Pichu einfach nur etwas Gesellschafft gebraucht. Es hatte recht. Ich konnte so etwas nicht nachvollziehen, weil ich ein Leben lang allein gewesen war, aber Pichu war bestimmt inmitten einer großen Gemeinschaft aufgewachsen, die jetzt völlig fehlte.
Ich trat in das Licht der Straßenlaterne und suchte mit den Augen die Umgebung ab. Plötzlich fiel etwas Kaltes auf meine Schnauze und schmolz augenblicklich zu Wasser.
Es hatte angefangen zu schneien.
Ich wusste nicht warum, aber plötzlich machte ich mir Sorgen um Pichu. Es war müde, hatte Hunger und war alleine.
Als ich jünger war, hatte ich mir in solchen Situationen immer jemanden gewünscht, der mir hilft oder zumindest bei mir bleibt, damit ich mir sicher sein konnte, dass ich nicht alleine war. Das war bevor ich gelernt hatte, auf mich selbst zu achten. Wegen dieser Denkweise hatte ich den falschen Pokémon vertraut und hatte viele Enttäuschungen einstecken müssen…
Einen Entschluss fassend atmete ich tief ein und rannte los.

Pichu zu finden war nicht besonders schwer gewesen, seine Duftnote, die ein wenig nach Menschen roch, war inmitten der leeren Stadt leicht zu verfolgen.
Als ich es fand, hatte es allerdings ärger mit einem wilden Snobilikat.
Das erste was ich sah, als ich Pichu entdeckte, war, wie es von Snobilikat mit Kratzfurie gegen die Wand geschlagen wurde.
Ehe Snobilikat es weiter verletzen konnte, hatte ich mich vor Pichu gestellt und das Katzenpokémon mit einem Flammenwurf verjagt. Offenbar hatte es geglaubt, mit Pichu leichtes Spiel zu haben, aber wenn noch ein Pokémon dazukam, sah die Sache ganz anders aus. Ich stieß ein fürchterliches Brüllen aus und wenige Momente später, hatte Snobilikat das Weite gesucht.
Ich schaute zurück zu Pichu und musterte es. Jetzt sah es wirklich ziemlich fertig aus.
„H-Hunduster…“, flüsterte es überrascht. „Wie…?“ Es verstummte und fing an zu schluchzen. „D-Danke…“
Ich blieb vor Pichu stehen und sah es einige Zeit lang wortlos an. Irgendwann hörte es auf zu weinen und blickte zu mir hoch.
„Willst du nach Hause?“, fragte ich es.
Das Babypokémon nickte verzweifelt.
„Steig auf.“
Bei diesen Worten blickte Pichu mich erstaunt an. Ich verzog das Gesicht und grunzte. „Ich sagte, steig auf. Oder willst du dort unten Wurzeln schlagen?“
Nach diesen Worten wischte sich Pichu die Tränen weg und schüttelte den Kopf. „Nein, ich will nach Hause.“
Ich lächelte. „Dann komm.“
Ohne ein weiteres Wort kletterte Pichu auf meinen Rücken, dann rannte ich los. Ich kannte mich in Dukatia ziemlich gut aus und ich wusste auch, in welcher Richtung sich die einzige naheliegende Pension befand, also war es nicht weiter schwer, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden.
In der Zwischenzeit hatte es so sehr geschneit, dass der ganze Boden mit frischem Schnee bedeckt war und ich Fußspuren darauf hinterließ. Noch fielen vereinzelte Flocken vom Himmel, doch langsam hörte der Schneefall schon wieder auf.
„Hunduster, ich dachte du hast keine Freunde und lebst alleine. Wieso hast du mich dann gerettet?“, fragte Pichu irgendwann.
Ich verlangsamte meinen Schritt und anstatt zu Rennen, lief ich gemächlich durch den Schnee und sah zum Himmel hoch. „Ich kann Pimpfe eben nicht heulen sehen.“, antwortete ich barsch, allerdings war ich nur deswegen so unfreundlich, weil Pichu mich irgendwie an mich selbst erinnerte und ich mir das nicht eingestehen wollte.
Pichu dachte eine Weile darüber nach. „Du bist gar nicht so böse, wie du getan hast.“, meinte es schließlich und ich konnte regelrecht spüren, wie es lächelte.
Nachdem auch die letzte Schneeflocke die Erde berührt hatte, verzogen sich die Wolken und der Himmel wurde sternenklar.
„Wenn du dir etwas zu Weihnachten wünschen könntest, was wäre das dann?“, fragte Pichu plötzlich.
Ich blieb stehen und sah es an. „Ich glaube nicht an Weihnachten oder Wünsche, die wahr werden, ohne dass man etwas dafür tun muss.“
Das Elektropokémon ließ sich nicht beirren. „Sag einfach.“, forderte es. Mit einem Mal klang es recht fröhlich.
Ich starrte zum Himmel und genau in diesem Moment leuchtete eine Sternschnuppe vor unseren Augen auf. Was würde ich mir wünschen? Ich hatte mir nie etwas gewünscht, weil ich nie daran geglaubt habe, dass etwas das ich mir wünsche, auch wirklich in Erfüllung gehen würde.
Ich hatte gelernt zu überleben und mich mit allen Mitteln durchzuschlagen. Ich hatte gelernt, mich nur auf mich zu verlassen und ich hatte gelernt, dass es nichts auf der Welt umsonst gab. Wenn ich mir das vor Augen hielt, dann musste ich zugeben, dass das ein recht einsames und hartes Leben war, was ich da führte. Ich hatte verlernt zu hoffen und zu wünschen, aber seit ich diesem kleinen Pichu begegnet war, war irgendetwas anders… Was hatte es noch mal gesagt? Weihnachten ist dafür da, dass alle zusammen glücklich sind.
Glücklich sein… gemeinsam mit anderen. Freunde…
Ich hatte solche Dinge noch nie gehabt, Glück und Freunde, doch plötzlich bemerkte ich, wie sehr mir diese zwei Sachen fehlten und wie schön es war, jemanden bei sich zu haben mit dem man einfach reden konnte. Selbst wenn dieser Jemand ein kleines nerv tötendes Pichu war.
Ich musste lächeln. „Wie gesagt, ich wünsche mir nichts.“
„Eh?? Warum nicht??“ Pichu schien ein wenig beleidigt.
„Weil ich schon bekommen habe, was ich wollte.“ Ich sah noch einmal zu den Sternen und zu Pichu, dann setzte ich mich wieder in Bewegung.
Meine Antwort schien Pichu nun zufriedengestellt zu haben. Es kicherte leise in sich hinein.
Noch einmal machte ich mir über die Bedeutung von Weihnachten Gedanken. Einzelgänger feierten kein Weihnachten, weil sie seine wahre Bedeutung nicht verstehen konnten, weil sie ein Leben führten, bei dem sie immer nur an sich selbst denken mussten.
Jetzt war ich kein Einzelgänger mehr.
Es war schon seltsam, wie eine einzige Begegnung an Weihnachten, ein Pokémon so sehr verändern konnte.
Von weiten konnte ich jetzt ein einsames kleines Haus erkennen, das einfach mitten im Feld stand. An den Fenstern hingen Lichterketten, aber sie leuchteten nicht so grell wie die Lichter der Stadt und sie blinkten auch nicht in fünf Sekunden in jeweils 20 verschiedenen Farben auf. Diese Art von Deko mochte ich. Wenn ich einen Blick durch das Fenster warf, konnte ich einen dezent geschmückten Tannenbaum erkennen, er war mit vielen bunten Christbaumkugeln verziert, ein paar Girlanden und einer einzigen Lichterkette die ihn zum Leuchten brachte.
Der Unterschied, im Gegensatz zu den Dekorationen in der Stadt, überraschte mich sehr. Ich dachte, dass man an Weihnachten seine Sachen mit so viel Zeug überladen musste wie möglich, aber das hier, sah doch ziemlich gemütlich aus.
„Sind wir hier richtig?“, fragte ich Pichu.
Das kleine Pokémon nickte eifrig. „Ja, das ist die Pension, in der ich zu Hause bin!“
„Dann wollen wir doch mal, die Leute auf uns aufmerksam machen.“
Ich stieß ein lautes Bellen aus, damit die Menschen wussten, dass jemand vor der Tür stand. Die Türklingel war viel zu hoch, als dass wir sie hätten erreichen können.
Auf mein Gejaule hin öffnete sich die Eingangstür und ein schwacher Lichtstrahl fiel auf mich und meinen Begleiter. „Pichu!“
Ein Menschenmädchen trat aus dem Haus und entdeckte uns sofort. Sie hatte braune Haare, die zu zwei Zöpfen zusammengebunden waren und trug blaue Latzhosen, darunter ein rotes Sweatshirt.
„Du bist wieder da! Ich bin so froh!“ Tränen standen dem Mädchen in den Augen, als sie sich zu mir hinunter kniete und Pichu von meinem Rücken nahm und es fast in ihre Arme schloss. „Du kleiner Racker, ich habe dich überall gesucht!“
In Erwiderung auf ihre Worte schmiegte sich Pichu an sie und hielt sich mit seinen kleinen Pfoten so sehr an das Mädchen fest, dass es so aussah, als wollte es sie nie wieder loslassen.
In dem Moment, als ich die beiden wiedervereint sah, wusste ich, dass es das Richtige gewesen war, Pichu zu helfen und es zurückzubringen. Ein seltsames Gefühl machte sich in mir breit, ich war froh, dass Pichu wieder da war, wo es hingehörte: Bei seiner Familie.
Ich freute mich für jemand anderen. Und das war gar kein schlechtes Gefühl.
„Ich danke dir so sehr.“ Das braunhaarige Mädchen wandte sich zu mir und sah mich unendlich erleichtert an. „Du hast Pichu wieder zurückgebracht, das werde ich dir nie vergessen.“
„Ach was, hab ich gern gemacht.“ Ich wusste, dass die Menschen uns nicht verstehen konnten, also winkte ich ihre Worte mit meiner Vorderpfote lässig ab.
„Komm mit rein, Hunduster.“ Die Braunhaarige tätschelte meinen Kopf, während sie nach innen sah. „Es ist Weihnachten und du hast mir das schönste Geschenk von allen gemacht. Bitte, bleib doch hier und feiere mit uns Weihnachten. Oma und Opa würden sich bestimmt auch freuen.“
Ich hatte ihr ein Geschenk gemacht? Mein Blick wanderte zu Pichu und ich verstand. Geschenke waren nicht nur Sachen, sondern auch Taten. Und man schenkte jemanden nicht etwas, nur um zu zeigen, dass man es konnte, nein.
Man schenkte, um andere Glücklich zu machen. Und Weihnachten gab einem die beste Gelegenheit dazu.
Ich trat in das Gebäude ein und wurde sofort von der wohligen Wärme des Hauses empfangen. Und diese Wärme kam nicht nur von der Heizung. Es war die fröhliche Stimmung aller Anwesenden, die sehr froh darüber waren, dass ihr kleines Nesthäkchen wieder zu Hause war. Denn außer „Oma“, „Opa“ und dem Mädchen waren auch viele andere Pokémon da, einige hatte ich noch nie zuvor gesehen.
Ich musste lächeln. Jetzt waren sie alle zusammen. Und jetzt, wo alle gesund und munter wieder zusammen waren, waren sie glücklich.
Und ich war auch glücklich, weil ich zu diesem Glück etwas beigetragen hatte.
Ach, Pichu.
Ohne dich, hätte ich wohl nie die wahre Bedeutung von Weihnachten erfahren.